In Trance gegen den Schmerz

Fachmediziner Klaus Hönig über Möglichkeiten, Patienten bei Beschwerden mit Hypnose zu helfen

  • Von Angela Stoll
  • Lesedauer: 6 Min.
Hypnotherapie in der medizinischen Anwendung
Hypnotherapie in der medizinischen Anwendung

Viele Menschen verbinden Hypnose mit Hokuspokus. Dabei handelt es sich um ein anerkanntes Verfahren, das unter anderem Schmerzen rasch lindern kann und wenig Nebenwirkungen hat. Kann Hypnose Schmerzmittel ersetzen?

Auf jeden Fall. Die Hypnotherapie bietet ein breites Interventionsspektrum sowohl für akute wie auch für chronische Schmerzen. Ein akuter Schmerz kann tatsächlich unter Hypnose komplett beseitigt werden. Sie können sogar mittelfristige Schmerzen, die immer wieder auftreten, loswerden. Chronische Schmerzen werden Sie nicht wegbekommen, aber Sie werden lernen, besser damit umzugehen.

Wie funktioniert das?

Das ist ganz trivial. Sie haben bestimmt schon von Menschen gehört, die bei einem Unfall auf der Autobahn anderen helfen und erst nach einer Weile feststellen, dass sie selbst eine riesige Wunde haben. Diese sogenannte Dissoziationsfähigkeit haben wir von der Evolution mitbekommen. In Extremsituationen wird dadurch zum Beispiel das Schmerzbewusstsein ausgeschaltet. Die Hypnotherapie nutzt diese mentale Fähigkeit auch in anderen Situationen.

Bei welcher Art von Schmerzen ist die Wirksamkeit von Hypnose besonders gut belegt?

Die meisten Erfahrungen hat man bei Schmerzen, die bei invasiven medizinischen Verfahren auftreten, also etwa Punktionen oder Bestrahlungen. Da wirkt Hypnose hervorragend. Auch bei Beschwerden, die in Zusammenhang mit Krebs auftreten, gibt es gute Belege für die Wirksamkeit. Selbst bei chronischen Schmerzen kann man viel erreichen. Ich habe Patienten, die immer wieder unter starken Schmerzen leiden, weil bei ihnen Nerven im Gesichtsbereich durch eine Operation geschädigt wurden. Für sie geht es darum, besser mit diesen Schmerzen zurechtzukommen. Sie können nicht dauerhaft hoch dosierte Schmerzmittel nehmen.

Wie läuft die Behandlung ab?

Zunächst will man einen Trancezustand erreichen. Zum Beispiel richtet man die Augen auf einen Punkt und stellt fest, dass sie dabei müde werden. Das greifen wir auf und verstärken es.

Als Laie stellt man sich gern ein Pendel vor, auf das man schauen soll ...

Das Pendel kommt so gut wie gar nicht zum Einsatz. Man könnte es aber nehmen. Wichtig ist, dass Sie einen Fokus haben, der Ihnen erlaubt, ihre Aufmerksamkeit zu bündeln und alles andere auszublenden. Sie können genauso gut die schwäbische Methode nutzen und sich auf einen dreckigen Fleck am Boden konzentrieren.

Was genau verstehen Sie unter Trance?

Trance ist ein neurophysiologisch veränderter Bewusstseinszustand mit vielen positiven Merkmalen. Man blendet irrelevante Reize besser aus, hat intensivere innere Vorstellungsbilder, und Emotionen sind viel leichter zugänglich. Evolutionär betrachtet ist es ein vorsprachlicher Lernzustand, der sinnlich wahrnehmbare Reize assoziativ verarbeitet. Kinder können extrem leicht in Trance gehen. Wenn die sprachliche und rationalen Verarbeitung zunimmt, nimmt die Trancenutzung bei uns Menschen ab. Sie wird sozusagen in den Hintergrund gedrängt, kann aber trotzdem genutzt werden. In der Hypnotherapie wollen wir damit angenehme Erfahrungen ermöglichen. Das heißt: Ich kann jemanden von seinem Schmerzgeschehen dadurch ablenken, dass ich ihn an einen freudvollen Ort gehen lasse, der ihn komplett absorbiert.

Können Sie das an einem Beispiel näher erklären?

Ich hatte eine Patientin, die nach einer Stammzelltransplantation unter fürchterlichen Schmerzen litt. Ihre Mundschleimhaut war so stark entzündet, dass sie sogar beim Schlucken extreme Beschwerden hatte. Sie war fast Tag und Nacht wach. In der Vorstellung bin ich mit ihr an die Nordsee gegangen. Da war sie gerne. Dort hat sie einen Strandspaziergang gemacht und die Sonne auf der Haut gespürt, die Wellen gehört, die Luft eingeatmet und das Salzige auf Lippen und Zunge gespürt. Anfangs war ihr Gesicht schmerzverzerrt, wenn sie geschluckt hat. Aber nach zehn Minuten habe ich keine mimische Reaktion mehr gesehen. Nach einer Stunde habe ich das Ganze formal beendet, sie in ein Dösen übergeleitet und gesagt, sie solle ruhig noch etwas ausruhen. Am nächsten Tag war sie völlig erholt und hat mich gefragt: Was war denn das? Sie hätte gar nichts mehr gespürt. Selbst so massive Schmerzen lassen sich also für die Zeit der Trance ausschalten. Die Schmerzen sind nach einer Weile zwar wiedergekommen, aber die Erfahrung hat der Frau eine Regenerationspause ermöglicht und viel Mut für die weitere Behandlung gemacht. Sie hat sich weniger hilflos gefühlt.

Gibt es Menschen, die nicht darauf ansprechen?

Etwa zehn Prozent geraten kaum in Trance, auch wenn sie sich noch so abmühen. Das heißt, dass 90 Prozent können diesen Zustand erleben und sprechen auf die Behandlung an.

Hat die Therapie auch Risiken und Nebenwirkungen?

Alles, was wirkt, hat Nebenwirkungen, und Hypnose wirkt gut und oft schnell. Am häufigsten wird eine anhaltende Benommenheit beschrieben, manchmal begleitet von Kopfschmerzen. Das sind aber alles nur vorübergehende Zustände, die zudem selten auftreten. Solang Hypnose fachkundig und sachgerecht angewendet wird, gibt es nur Nebenwirkungen, die meist auch von selbst wieder abklingen.

Liefert man sich nicht auch aus?

Sie werden sich in der klinischen Hypnose immer nur auf das einlassen, wozu sie auch bereit sind. Wenn der Hypnotiseur etwas erreichen will, was mit Ihren ethischen und moralischen Vorstellungen nicht im Einklang ist, dann wird das nicht gelingen. Das wurde bereits im 19. Jahrhundert erkannt.

Oft liest man auch von Selbsthypnose. Wie funktioniert sie?

Im Schmerzbereich ist das eine ganz wichtige Form der Behandlung, wie eine Metaanalyse von 2019 bestätigt hat. Wir versuchen, sie unseren Patienten näherzubringen, und nehmen die Sitzungen per Handy auf. Die Patienten sind angehalten, sich immer wieder Auszeiten zu gönnen, um sich die Aufnahmen anzuhören. Wie bei autogenem Training oder progressiver Muskelentspannung kann man für sich trainieren, in Trance zu gehen und angenehme Zustände aufsuchen. Wichtig ist, dass Sie einen geschützten Rahmen haben und die Sitzung bis zum Ende durchführen können. Wenn Sie vorher aussteigen, sind Sie noch in einem Zwischenzustand.

Was könnte da passieren?

Dass Sie benommen oder auf eine verletzliche Weise der Welt ausgesetzt sind. Vielleicht sind Sie auch nicht so konzentriert, wenn sie ins Auto steigen.

Es gibt Kurse, in denen man Selbsthypnose lernt. Ist das eine sinnvolle Sache?

Schwierig, denn das ist eine sehr individuelle Geschichte. Ich würde nie einem Patienten, der sich bei mir meldet, vorab ein Tonband schicken mit der Aufforderung: Trainieren sie schon mal ein bisschen! Es ist ganz wichtig, den Patienten zuerst kennenzulernen und auch zu wissen, welche Risikofaktoren möglicherweise da sind.

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