Hilfe per Tourbus

Kulturschaffende helfen Geflüchteten in Lagern

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 4 Min.

Im Technoclub »About Blank« unweit des Ostkreuzes in Berlin wurde schon lange nicht mehr gefeiert - an diesem Samstag soll endlich wieder Leben in die Bude kommen. Doch nicht um zu tanzen, sondern um praktische Hilfe zu leisten. Denn so schlecht es der Kulturbranche derzeit geht, im Gegensatz zu anderen ist ihre Situation zumindest nicht lebensbedrohlich. Und da die Clubs ohnehin leer stehen und Nightliner, Vans und Reisebusse angesichts abgesagter Konzerttourneen ungenutzt herumstehen, hat sich eine Handvoll Künstler*innen etwas ganz Besonderes überlegt: die »Tour d’Amour«.

An diesem Samstag werden im »About Blank« und fünf weiteren Clubs in Düsseldorf, Flensburg, Hamburg, Leipzig und Wiesbaden Sachspenden für Geflüchtete gesammelt. Diese werden dann in Tourbusse geladen und in die Flüchtlingslager in Moria und Lipa gefahren. Statt Verstärkern, Gitarren und Mikrofonen werden Hygieneartikel, Unterwäsche und Schlafsäcke transportiert. »Die Veranstaltungsbranche hat zwar selbst Probleme, aber im Gegensatz zur Situation an den EU-Außengrenzen ist das Jammern auf hohem Niveau«, sagt Elli Steffen vom »About Blank«-Kollektiv zu »nd«. »Alle wünschen sich den Normalzustand zurück, nur ist dieser für Geflüchtete eine Katastrophe.«

Mehr als 175 Musiker*innen aus ganz Deutschland beteiligen sich an der Hilfsaktion, darunter viele Berliner*innen. »Die Debatte um die Corona-Pandemie wird hier sehr privilegiert geführt. Alle beklagen sich über Langeweile, aber in den Lagern an den EU-Außengrenzen kollabiert die Situation und wird für die Betroffenen lebensbedrohlich«, sagt die Berliner Rapperin Babsi Tollwut zu »nd«. Sie und ihre Kolleg*innen aus der Musikbranche wollen daher ihre Reichweite und Infrastruktur nutzen, um Aufmerksamkeit für die Situation in den Lagern zu schaffen und den Menschen zu helfen.

»Die Leute in der Musikbranche wissen, wie man Touren organisiert, und haben die notwendigen Netzwerke. Die nutzen wir nun, um konkrete Hilfe zu leisten«, sagt der Rapper Pyro One. Der gebürtige Hohenschönhausener nutzt nicht nur seine Kontakte, sondern packt auch selbst mit an - er hat bereits eine lange Einkaufsliste, die Spenden bringt er am Samstag ins »About Blank«. Damit ist er nicht alleine. »Ich werde auf jeden Fall hingehen und was abgeben«, sagt die Popsängerin und Songwriterin Mine zu »nd«. »Es ist total super, dass Menschen, die selbst zu kämpfen haben, am Start sind, um anderen zu helfen«, so die Künstlerin, die seit einigen Jahren in Berlin lebt. Der Hilfskonvoi ist in ihren Augen ein Schritt in die richtige Richtung, wenn auch nicht genug. »Es ist längst überfällig, dass die Menschen aus den Lagern hierhergeholt werden.«

Die Hamburger Rapperin Finna hat die »Tour d’Amour« mitorganisiert. »Wir tüfteln schon seit einem Jahr daran«, sagt die Musikerin zu »nd«. Während andere aus der Kulturbranche Konzepte für das eigene Überleben ausarbeiteten, tauschten sich Finna und eine Handvoll Kolleg*innen mit dem Bündnis Grenzenlose Hilfe aus, um weniger Privilegierten zu helfen. Initiativen aus dem »Leave No One Behind«-Zusammenschluss sind in den Lagern vor Ort, um die Bedarfe der Menschen in den Lagern zu ermitteln. »Deswegen ist es ganz wichtig, dass sich alle an die Liste auf unserer Webseite halten«, so Finna.

Die Musiker*innen wollen mit ihrer Tour aber nicht nur praktische Hilfe leisten, sondern auch Druck auf Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) aufbauen. »Es gibt zahlreiche Städte und Kommunen, die sich zur Aufnahme von aus Seenot geretteten Geflüchteten bereit erklären. Aber die Menschen können nicht kommen, weil Seehofer das blockiert - das geht gar nicht«, sagt Finna. Mit der Tour wollen sie zeigen, was möglich ist. Ginge es nach ihnen, würden sie die Geflüchteten mit den Tourbussen auf dem Rückweg gleich mitnehmen: »Die Lager müssen evakuiert werden, und der Aufnahmestopp muss aufhören.«

Das sehen offenbar viele so: »Wir dachten, wir machen es erst mal kleiner und schauen, wie es läuft. Die Resonanz ist aber so groß und es machen immer mehr Künstler*innen mit, dass wir überlegen, eine zweite Tour zu machen«, sagt Finna, die sich vor Anrufen von hilfsbereiten Menschen kaum retten kann. Wer es am Samstag nicht ins »About Blank« schafft, kann die »Tour d’amour« auch finanziell unterstützen, damit der Sprit auch bis zu den EU-Außengrenzen reicht.

Eine Liste der benötigten Sachspenden und Anlaufstellen sowie ein Spendenformular gibt es hier: https://tourdamour.eu

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