Vilm ab!

Die Geschichte einer dann doch nicht verschwundenen Insel.

  • Von Carsten Heinke
  • Lesedauer: 7 Min.

Der Vilm (sprich »film«) mit seinem wilden Wald war ein Heiligtum der Slawen, Refugium von Fürstenkindern und exklusives Feriendomizil der DDR-Minister. Die landschaftliche Vielfalt dieser Ostseeinsel erreicht fast die von Rügen, der 980-mal so großen Nachbarin. Heute streng geschützt, ist sie nur mit Guide begehbar. Teils im seichten Wasser, teils an Land, liegen dicke Stämme umgestürzter Bäume. Manche sind schon lange tot, ihr rindenloses Holz so weiß wie Knochen - von Wind und Wetter, Salz und Sonne abgenagt und ausgeblichen. Daneben, wie auch auf der ganzen Insel, schimmert erstes Frühlingsgrün. Bald wird der kleine Ostseedschungel wieder wuchern. Denn auf diesem menschenleeren Mini-Eiland kurz vor Rügen darf die Natur tun und lassen, was sie will.

»Das ist seit fast 500 Jahren so«, sagt Steffen Sprenger, der die Inseltour begleitet. Der junge Mann im Förster-Look ist Ranger im Biosphärenreservat Südost-Rügen, zu dem der Vilm gehört. »Der letzte große Holzeinschlag fand 1527 statt«, berichtet er. Bereits zu jener Zeit habe man nachhaltig gedacht. Denn rund 60 große Hutebäume mussten stehen bleiben, um das Weidevieh zu schützen und mit ihren Früchten zu ernähren.

Noch heute wird das Inselbild geprägt von hölzernen Giganten. »Die ältesten von ihnen, vor allem Eichen oder Buchen, haben das 16. Jahrhundert wohl schon miterlebt«, meint der Waldexperte. Neben Bergahorn und Stieleiche, Rot- und Hainbuche, seien Wildbirne und Weißdorn stark vertreten. 21 Baumarten zählt die Flora auf dem Vilm, darunter auch die Ulme. Vermutlich ihr verdankt das Ostsee-Eiland seinen Namen. Denn Vilm soll in der Sprache jener Altwestslawen, die Rügen einst besiedelten, so viel wie »Ulmenhain« bedeuten. Ihnen war die Insel heilig, galt die Ulme ihnen doch als Schutz vor bösen Geistern. Diese machten scheinbar immer einen Bogen um den Vilm. Denn von großem Unheil blieb er stets verschont.

Werkstatt der Romantik

Spuren aus der Steinzeit, wie zum Beispiel Reste eines Hünengrabs, bezeugen früheste Besiedlungen. Später gab es eher einzelne Bewohner: Einsiedler, Kaplane, welche sich um die Kapelle kümmerten, die es bis ins 17. Jahrhundert gab, Fürstenwitwen, -kinder, Förster. Als man die Insel 1249 erstmalig erwähnte, gehörte sie bereits zum Hause Putbus. Aus dieser Adelsfamilie westslawischer Herkunft gingen dänische, schwedische sowie preußische Grafen und Fürsten hervor.

Der prominenteste war Wilhelm Malte I. (1783-1854), Staatsmann und Wegbereiter des Tourismus an der Ostsee. Er verpasste Putbus ein modernes Antlitz, machte es zur Stadt und gründete das erste Seebad Rügens. Seine tiefe Liebe zur Natur wuchs in der Kindheit auf dem Vilm. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verhinderte der Fürst, Anhänger von Aufklärung und Romantik, dass die französischen Besatzer Rügens den imposanten Inselwald zu Bau- und Feuerholz verarbeiteten. 1812 wurde auf dem Vilm zum allerletzten Mal ein Baum gefällt.

Wilhelm Malte, der mit Königen befreundet war, den Dichter Goethe traf und mit Karl Marx korrespondierte, war ebenso ein Zeitgenosse Caspar David Friedrichs. Der Maler liebte Rügen und half mit seinem Schaffen wie kein anderer, die größte Ostseeinsel als einen Sehnsuchtsort zu etablieren. Auch einer von den kleinsten setzte er ein künstlerisches Denkmal. Sein Werk »Landschaft mit Regenbogen« zeigt einen Blick zum Vilm.

Idyll und Rummelplatz

Dort war es 1810, als Friedrich das Gemälde schuf, noch still. Nachdem man das Gehöft aus Wilhelm Maltes Kindertagen als Meierei mit Gastwirtschaft verpachtet hatte, begann der Vilm-Tourismus. Ersten Gästen aus dem Seebad Putbus folgten bald schon Ausflügler von weiter weg. 1886 bot erstmals ein Logierhaus Ferienzimmer an. Ab 1890 fuhr die Eisenbahn bis an die Landungsstelle. Für Direktverbindungen mit Greifswald sorgten später Linienschiffe. Der Besucheransturm wuchs und nahm am Ende überhand. Die Natur litt arg darunter.

Erst der Status eines Schutzgebiets gebot 1936 dem wilden Treiben Einhalt. In den 1950ern wiederholten sich der Massenandrang und dessen schlimme Folgen - bis 1959 Otto Grotewohl, Ministerpräsident der DDR, das begehrte Eiland kurzerhand zur Sperrzone erklärte und darauf für jeden seiner damals elf Minister ein Ferienhaus erbauen ließ. Doch das abgeschirmte exklusive Datschendorf war ein offenes Geheimnis. Walter Ulbricht etwa sorgte selbst dafür. Ab September 1960 Vorsitzender des Staatsrats und damit Staatsoberhaupt der DDR, ging der Mauer-Initiator und Liebhaber feucht-fröhlicher Gelage abends gern mal auswärts mit den Einheimischen einen zischen. Das sprach sich natürlich rum. Genauso ließ sich nicht verbergen, wenn Ministerinnen und Minister nebst Familien und Entourage in ihren schwarzen Tatra-Staatskarossen (später Volvo oder Citroën) zum abgesperrten Lauterbacher Hafen rollten, um von dort zum Vilm zu schippern oder umgekehrt.

Der Vilm-Fehler

Dass man das Refugium der DDR-Führungsriege sogar aus den Landkarten verschwinden ließ, ist eine weit verbreitete Legende. »Ich kann mich an keine Karte erinnern, auf der die Insel nicht verzeichnet ist«, bestätigt Christoph Gebler, Heimatforscher und Mitarbeiter des Verlages »Rügendruck« in Putbus. Genau dort, im ehemaligen Druckhaus Cummerow & Jokiel, soll laut »Die Zeit« vom 7. Juli 1967 die SED-Kreisleitung Bergen verlangt haben, den Vilm aus einer Rügen-Wanderkarte zu entfernen. Dass dies je passierte, war bislang nicht zu belegen. »Die zentral zensierte Kartographie des Landkartenverlages stellte die Insel dar. Deshalb gab es für örtliche Funktionäre eigentlich keinen Grund, das zu ändern«, kommentiert Andreas Kowanda, Professor für Kartographie an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden. Tatsächlich seien Wander- und Touristenkarten in der DDR oft erheblich verzerrt und verfälscht worden, bestätigt der ehemalige DDR-Kartograph. »Ziel war es, die Entnahme von Koordinaten oder Detailinformationen zu verhindern. Dass die Insel Vilm aber gänzlich aus den Wander- und Touristenkarten getilgt wurde, entspringt der Fantasie westdeutscher Journalisten«, so der Wissenschaftler.

Der online zugängliche »Zeit«-Artikel mit dem Titel »Die Insel Vilm muss raus« (in dem es nur um eine Karte ging) scheint offenbar bis heute zahlreiche Autoren zu beflügeln. Auch die »Süddeutsche Zeitung« kolportierte jüngst erst wieder im Juli 2020: »Sie (die DDR-Regierung) löschte Vilm einfach von den Landkarten«.

In die Karten geschaut

Zur Recherche dieses Beitrags wurden über 20 im Internet gezeigte Kartenwerke, hergestellt zwischen 1959 und 1989 in der DDR, gesichtet. In allen ist der Vilm verzeichnet. Auch im Schulatlas der DDR und auf den populären Postkarten des Leipziger Künstlers Alfred Hoppe (1906-1985), die er zwischen den 1950ern und 1970ern für den Verlag Bild und Heimat Reichenbach zeichnete, fehlt die Insel nicht.

Das Glück der Abgeschiedenheit kam vor allem der Natur zugute. Hier durften nicht nur Bäume altern. Ganze Lebensräume, die anderswo schon längst verschwunden sind, blieben auf dem Vilm erhalten. »Es gibt nur wenige Orte im Ostseeraum mit einer so hohen Vielfalt an Landschaftsformen und Arten«, sagt Steffen Sprenger.

Als man 1990 das Biosphärenreservat Südost-Rügen gründete, wurde der Vilm eine von dessen Kernzonen. Diese sind, im Gegensatz zu größeren, touristisch nutzbaren Pflege- und Entwicklungszonen, nur bedingt zugänglich. Im Falle Vilm bedeutet das: »Zutritt nur mit Führung, jeweils höchstens 30 Leute«, so Andreas Kuhfuß, der als Guide und Skipper maximal 9000 Ausflugsgäste jährlich auf die Insel bringen darf.

Schafe weiden zwischen gelben Häusern. Nummer zwei war das von Honeckers. Margot als Volksbildungsministerin brachte Ehegatte Erich mit. Dass der Platz idyllisch wirkt, liegt an den Tieren und der hügeligen Wiese, nicht an der uniformen, im Ganzen eher uncharmanten Siedlung. In strenger Zweierreihe stehen die elf einstmaligen »Bonzen-Villen«, reetgedeckt und farbig angestrichen. Seit 1990 dienen sie einem guten Zweck: als Gästeunterkünfte der Internationalen Naturschutzakademie des Bundes, die hier Tagungen und Workshops anbietet. Zentrum ist das Ex-Gesellschaftshaus.

Träge schiebt der Bodden flache Wellen an den Strand. Durch den noch lichten Vorhang unbelaubter Zweige schweift der Blick vom Kliff hinab und übers Wasser. Regenpfeifer tippeln durch den hellen, feinkörnigen Sand. Auf großen Steinen sitzen Kormorane. Die Menschen müssen jetzt zurück. Die Vögel bleiben - und hoffentlich noch lange.

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