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Wo übernachtet eigentlich der Busfahrer?

Ohne Bus und Chauffeur wären geführte Rundreisen gar nicht möglich. Wie wichtig der Busfahrer auf einer Reise ist, fällt sofort auf, wenn er fehlt und alle fragen, wo er ist.

  • Von Tinga Horny
  • Lesedauer: 5 Min.
Manchmal auch Seelsorger: die Busfahrer
Manchmal auch Seelsorger: die Busfahrer

Es ist kein Geheimnis, dass auf Rundreisen ohne den Busfahrer nichts geht. Er wartet morgens zur vereinbarten Zeit vor dem Bus und achtet an jedem Haltepunkt darauf, dass keiner zurückbleibt. Wenn dann der Bus entlang der engen Kurven haarscharf am Abgrund der Amalfiküste entlang schaukelt oder sich millimetergenau durch den Verkehrsstau von Hanoi quält, dann hält so mancher Insasse die Luft an.

Doch es sind nicht nur Fahrkünste, die von einem Busfahrer gefordert werden. Zusammen mit dem Reiseleiter trägt er wesentlich zum Gelingen einer Tour bei. Dafür braucht es mehr als umsichtiges Fahren und technisches Know-how. Teamfähigkeit, Zuverlässigkeit und Selbstständigkeit sind gefragt - kurzum: soziale Kompetenz. Jede Gruppe entwickelt schließlich ihre eigene Dynamik und ihre eigenen Befindlichkeiten.

Darüber hinaus ist der Busbegleiter auch der stets präsente Ruhepol, bei dem es kühle Getränke gibt und der auf Gepäck und Taschen aufpasst, wenn alle unterwegs sind. Wer müde ist, geht früher zum Bus zurück oder steigt erst gar nicht aus. Wer Geld wechseln möchte oder eine Toilette sucht, fragt den Mann im Bus. »Als Reisebusfahrer muss man bis zu einem gewissen Grad als Seelsorger und Entertainer für das Wohl und die Stimmung der Gruppe sorgen«, weiß Sébastien Beyer, Touristikleiter beim Münchner Busveranstalter Geldhauser.

Während der Busfahrer tagsüber stets präsent ist, fällt es oft beim Abendessen auf: Er ist nicht da. Ja, wo ist er nur geblieben? Die Antwort kann - je nach Reiseland - unterschiedlich ausfallen. Einheitlich geregelt sind die Arbeitsbedingungen in der EU. Die Lenkzeit dauert höchstens neun Stunden und muss spätestens nach 4,5 Stunden für eine 45-minütige Pause unterbrochen werden. Bei längeren Anreisen sind daher zwei Fahrer im Schichtbetrieb im Einsatz. Im wirklichen Leben erfolgen die Pausen aber meist in kürzeren Intervallen, denn selten liegen die Besichtigungsorte länger als zwei bis drei Autostunden entfernt. Dann rastet der Fahrer, während die Gruppe dem Reiseführer folgt.

Was die Übernachtung betrifft, so schlafen Busfahrer Europas immer in Pensionen oder Hotels. Ob mit der Reisegruppe im selben Hotel oder woanders kann genauso variieren wie die Unterkünfte von Land zu Land. Geldhauser-Touristikleiter Beyer zufolge hängt das aber auch von der Firma ab. Im besten Fall kann das bedeuten, dass auch der Bus-Chauffeur, genauso wie Reiseleitung und alle Teilnehmer, im Berliner Fünf-Sterne-Hotel Adlon nächtigt.

Was die täglichen Mahlzeiten betrifft, so handhaben die Busfahrer das unterschiedlich. Tagsüber wird nicht selten mit der Gruppe pausiert und gegessen, aber abends zieht sich so mancher Fahrer ganz gerne zurück. Das hat weniger damit zu tun, dass er in der Reisegesellschaft unerwünscht ist, sondern er zieht es manchmal schlicht vor, in den verdienten Feierabend zu gehen.

Innerhalb der EU-Staatengemeinschaft schwankt das Lohnniveau heftig, aber zumindest gelten in Sachen Unterkunft und Verpflegung einheitliche Vorschriften. In Asien und Afrika sieht das anders aus. »Das ist von Land zu Land und Kultur zu Kultur tatsächlich sehr unterschiedlich«, bestätigt Matthias Palm, der die Abteilung Reiseleiter bei Gebeco führt. Grundsätzlich gelten für jedes Land dieselben gesetzlichen Vorgaben, die auch vertraglich mit den Agenturen vor Ort vereinbart sind. »So stellen wir sicher, dass Arbeitsbedingungen, die in Deutschland als selbstverständlich gelten, auch weltweit Geltung behalten«, erklärt Palm.

Trotzdem gehören Indien und Marokko zu den Staaten, wo das Fahrpersonal nicht selten im Bus übernachtet. Ob Zimmer oder Rückbank, entscheidet bei Gebeco jeder Fahrer für sich selbst. Noch ein wenig komplizierter sind die Umstände in Marokko, wo zwar die Unterbringung des Fahrers in einer festen Unterkunft vorgeschrieben ist. Doch der Chauffeur hat in dieser streng hierarchisch geordneten Gesellschaft stets einen Assistenten dabei. »Graisseurs« heißen diese meist jungen Burschen, die den Bus sauber halten und bewachen. Ihr Schlafplatz ist der Bus.

Auf Reisen von Studiosus schläft bereits seit 2012 niemand mehr im Bus. Im hauseigenen Magazin erzählt der Länderexperte Fabian Balz, der selbst lange als Reiseleiter gearbeitet hat, dass indische Fahrer zuvor auf der Rückbank ihrer Vehikel übernachtet und sich abends vor dem Bus im Campingstil das Essen selber gekocht haben. Doch seit der Veranstalter das Engagement für Menschenrechte im eigenen Firmenleitbild verankert hat, pocht er darauf, dass die lokalen Kollegen - egal welche Position sie in der touristischen Dienstleistungskette einnehmen - ordentlich untergebracht sind. Dass dies auch für die marokkanischen Graisseurs gilt, dürfte ziemlich einmalig sein.

Weniger mit der sozialen Rangordnung hat das separate Essen zu tun. Zwar mögen die Busfahrer in fernen Ländern alle ein paar Brocken Deutsch oder Englisch verstehen, doch für eine Konversation reichen die Sprachkenntnisse oft nicht aus. Und wer will schon stumm an einem Tisch mit munter schnatternden Touristen sitzen, ohne ein Wort zu verstehen? Folglich ziehen sie sich viel lieber zurück und tauschen sich mit den Kollegen aus.

Gebeco-Manager Palm nennt einen weiteren Grund, warum Busfahrer bei den Mahlzeiten lieber unter sich bleiben: Oft schmeckt ihnen das Essen nicht, das die Reisegruppe bekommt. Vor allem in Ländern wie Sri Lanka, Indien oder Thailand, aber auch einigen Regionen Chinas, wo extrem scharf gegessen wird, wären ihnen die Gerichte, die westlichen Gästen aufgetischt werden, viel zu fade. Zudem haben viele Speiseräume außerhalb Europas, wo Busfahrer ihren Feierabend genießen, einen Vorteil: Dort dürfen sie noch in Ruhe rauchen.

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