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Wie reagieren auf Corona-Proteste?

In Märkisch-Oderland überlegt die Zivilgesellschaft, was zu tun ist.

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
Vor dem Filmmuseum Potsdam gab es vor einer Woche Widerspruch, als Gegner des Lockdowns in der Stadt demonstrierten.
Vor dem Filmmuseum Potsdam gab es vor einer Woche Widerspruch, als Gegner des Lockdowns in der Stadt demonstrierten.

Zu Beginn der Videokonferenz gibt es eine Blitzumfrage unter den Teilnehmern: Sollten die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie verschärft oder gelockert werden, oder sind sie genau richtig, wie sie sind? Alle drei Optionen werden angeklickt. Und was bereitet Kopfzerbrechen? Nur zehn Prozent machen sich keine Gedanken, nur zehn Prozent fürchten, dass der Sommerurlaub ausfallen muss. Aber 80 Prozent machen sich Sorgen wegen zunehmender Polarisierung und Radikalisierung in der Bevölkerung.

Das ist der Anlass für dieses Treffen, zu dem das Netzwerk für Toleranz und Integration eingeladen hat - unter der Überschrift: »Corona-Proteste im Landkreis Märkisch-Oderland - Welche Herausforderungen gibt es für die Zivilgesellschaft?«

Das Thema interessiert viele. Doch so mancher konnte wegen schlechter Internetverbindung nicht zusagen. Deshalb bleibt der Kreis der Teilnehmer überschaubar. Es sind aber E-Mails eingegangen, die dann auch noch einmal andere Perspektiven erlauben. Die bedauerliche Vereinsamung alter Menschen wurde dort angesprochen. Das hatten die Teilnehmer, die noch jung oder zumindest noch fit sind, zuerst nicht unbedingt als ein brennendes Problem auf dem Schirm. Es sind Bürger aus unterschiedlichen Ecken des Landkreises, die sich in Vereinen und Initiativen engagieren oder in der Kommunalpolitik. Das politische Spektrum reicht von linkssozialistisch bis christlich-konservativ. Aber in dem sehr offen und stets freundlich geführten Meinungsaustausch zeigt sich, dass die Bindung an dieselbe Partei nicht bedeutet, in allem übereinzustimmen.

Ein junger Mann sagt: »Linke laufen nicht bei den Querdenkern mit.« Dann präzisiert er: »Emanzipatorische Linke.« Denn tatsächlich beteiligen sich Linke an Corona-Protesten genauso wie esoterisch angehauchte Grüne und andere. Die in der linken Szene verbreitete Ansicht, Querdenken sei eine fast ausschließlich rechte Bewegung, wird bei der Videokonferenz überwiegend nicht geteilt. Jemand betont sogar, Querdenken komme aus der Mitte der Gesellschaft. Das sagt er als Antwort auf die Vorstellung, man müsse die Mitte stärken, damit sich die radikalen Ränder nicht breitmachen.

Fest steht: Die AfD versucht, bei den Querdenkern anzudocken und sich an ihre Spitze zu stellen. Die Partei veranstaltet auch eigene Kundgebungen gegen die Corona-Maßnahmen. Dagegen klare Kante zu zeigen, dürfte doch nicht so schwer sein, findet einer, der bei den Grünen aktiv ist. Aber so leicht möchten es sich andere nicht machen. Eine Linke berichtet, eine Freundin sei bei der Kommunalwahl für die AfD angetreten, aber sie wolle den Kontakt zu ihr nicht abbrechen. Der Konservative in der Runde versteht das. Es sei anstrengend, mit AfD-Anhängern und überhaupt mit Querdenkern zu sprechen. »Das bleibt uns aber nicht erspart«, meint er. Wie sonst solle man diese Menschen von ihren irrigen Ansichten abbringen? »Wenn menschenverachtende Positionen und Gewalt ins Spiel kommen, da hört für mich das Gespräch auf«, definiert er seine rote Linie.

Als im Jahr 2016 die Flüchtlinge kamen, habe es Bürgerversammlungen gegeben. Jetzt nicht. Jetzt läuft nur die AfD rum und verbreitet ihre verharmlosenden Ansichten über die Infektionskrankheit. Aber was lässt sich dagegen tun? Das stellt sich als die Frage der Fragen heraus. Gleich zu Beginn ahnt einer von den Grünen, die an der Konferenz teilnehmen, dass man sich untereinander sicher einig sei. Die Schwierigkeit bestehe darin, an die übrige Bevölkerung heranzukommen und auf die Skeptiker einzuwirken. Da herrsche Ratlosigkeit. Er befürchte, diese Ratlosigkeit werde bei allen Bemühungen auch nach der Konferenz zurückbleiben.

Das richtige Rezept, das Allheilmittel gegen Corona-Wahnsinn, wird wirklich nicht gefunden. Dennoch ist der mehr als zweistündige Austausch keineswegs vergeblich. Man entwickelt ein Gefühl füreinander. Nicht umsonst sagt jemand: »Wir brauchen diese Kommunikation, weil wir Druck auf dem Kessel haben.« Man muss nicht zu denen gehören, die das Coronavirus für ungefährlich halten. Man kann trotzdem von den Kontaktbeschränkungen genervt sein und den Sinn bestimmter Eindämmungsmaßnahmen anzweifeln. Ein Beispiel kommt zur Sprache: Warum sind Urlaubsreisen nach Mallorca möglich, aber eine Ferienwohnung in Bayern darf nicht gemietet werden?

Kritik deutlich zu artikulieren, könnte auch wichtig sein, um nicht der AfD das Feld zu überlassen. Immerhin werde man nicht mehr in die rechte Ecke gestellt, wenn man nur sage, es laufe etwas schief und die Regierung mache das nicht gut, stellt der Mann fest, der klare Kante gefordert hat. Ein Fazit des Abends lautet: »Es sind bei allen mehr Fragen als Antworten.« Einige möchten früher als erst in drei Monaten wieder zusammenfinden. Sie wollen weiter beraten.

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