Verzeihung

Andreas Koristka fragt, ob sich schon jemand bei Angela Merkel für Corona entschuldigt hat

  • Von Andreas Koristka
  • Lesedauer: 3 Min.

Jeder baut mal Mist. Aber nicht jeder hat das Selbstvertrauen, dies auch einzugestehen. Angela Merkel hat sich beim Volk entschuldigt. Sie bat um Verzeihung und zeigte damit die Größe, die viele nicht aufbringen, wenn sie einen beim Sprint zur neu aufgemachten Supermarktkasse »versehentlich« anrempeln oder eine brennende Papiertüte mit Hundekot vor die Tür legen, klingeln und wegrennen. Nein, Angela Merkel ist von anderem Kaliber. Das Ding mit dem Gründonnerstag war überhaupt erst der dritte Fehler in 16 Jahren Kanzlerschaft. Ansonsten muss sie sich nur die Koalition mit der FDP ankreiden lassen und dass sie einmal auf einem Empfang Peter Altmaier mit dem kalten Buffet alleine ließ.

Seien wir ehrlich: Wer in die kalten und toten Augen der Politiker und Politikerinnen nach den Marathonsitzungen schaut, der kann über gar nichts böse sein. Wer würde nicht um zwei Uhr nachts jedem noch so halbgaren Kompromiss zustimmen, nur um Bodo Ramelow nicht mehr Candy-Crush-Spielen sehen zu müssen? Wer wäre dann nicht bereit, das höchste Fest der Christenheit mit der Schließung der Möbelmärkte und Schuhläden zu ruinieren?

Ja, Horst Seehofer hatte recht: Besonders Mitglieder einer Partei, die das C im Namen trägt, dürfen das eigentlich nicht. Aber zu Merkels Ehrenrettung muss man sagen, dass man mit Gott schon etwas hadern darf, nachdem er uns diese Coronaplage geschickt hat. War es nicht der Gott der Christenheit, der Herrscher der Welt des Universums und des Landkreises Greiz, der uns die Pandemie eingebrockt hat? War es nicht Gott höchstselbst, der mindestens zuließ, dass sich die Intensivstationen füllten? Und dieses Mal starb nicht Gottes Sohn für uns, sondern Opa Günther im Altenheim Morgenröte.

Auf die Entschuldigung dafür vom allerhöchsten Wesen wartet man bislang vergebens. Das hat ihm (oder ihr?) Angela Merkel voraus. Dabei hätte ihr Plan klappen können. Die ein bis zwei Ruhetage extra hätten der große Durchbruch sein können. 48 Stunden die Füße still halten und dieses verfluchte Scheißvirus wäre ein für allemal besiegt gewesen. Danach hätte man die Innenbereiche der Restaurants öffnen und heimlich mit dem Koch auf dem Klo knutschen können, ohne sich vorher die Hände zu desinfizieren.
Aber es geht halt alles rechtlich nicht. Und schlecht durchdacht war es auch. Wenn wirklich alles schließen soll, dann hätte ja auch VW zumachen müssen. Das geht nicht in einem Land, in dem man schon längst pickelige Pubertierende und asoziale Mallorca-Urlauber als Haupttreiber der Pandemie ausfindig gemacht hat.

Dabei ist es doch offensichtlich, dass die großen Werke, die Schlachthöfe und die Internierungslager, die sie »Asylunterkünfte« nennen, nichts zum Infektionsgeschehen beitragen. Es sind vielmehr die Leute, die »Mickey Mouse« in Kontaktlisten schreiben, also du und ich – und eben Mickey Mouse. Das einfache pandemiemüde Gesocks, das schon des öfteren den Mindestabstand beim Aussteigen aus der S-Bahn um mehrere Zentimeter unterschritten hat und sich manchmal unachtsam die Augen reibt. Einfache Leute, die – seien wir doch ehrlich – die FFP2-Maske auch dann aufsetzten, wenn sie zwei Wochen lang in der Jackentasche mitgeschleppt wurde. Menschen, die jetzt ihre Kinder in die Kita geben, obwohl sie sie problemlos während des Homeoffice unter Zuhilfenahme von Valium betreuen könnten. Menschen, die in den Parks zusammensitzen, obwohl sie genau so gut in ihren dunklen Erdgeschosswohnungen im Hinterhaus ihre Depressionen pflegen könnten.

Geben wir es doch zu: Wir sind alle schuld an Corona! Hat sich dafür eigentlich jemand bei der Kanzlerin entschuldigt? Das Osterfest wäre ein schöner Anlass, dies nachzuholen.

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