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Kaufcenter zu Impfzentren

Bei der Pandemiebekämpfung knüpft US-Präsident Biden nahtlos an Trump an.

  • Von Max Böhnel , New York
  • Lesedauer: 5 Min.
In einer K-Mart-Filiale unweit von New York, im Bundesstaat New Jersey, wird derzeit geimpft statt geshoppt.
In einer K-Mart-Filiale unweit von New York, im Bundesstaat New Jersey, wird derzeit geimpft statt geshoppt.

Einfach den Pfeilen auf dem Boden folgen«, sagt die in blaues Plastik gekleidete, mit Maske, Visier und Gummihandschuhen ausgestattete Bezirksangestellte am Eingang. Sie hat das Datum auf dem ausgedruckten Impfformular kontrolliert und weist den Weg nach innen. Früher war das Flachgebäude eine K-Mart-Filiale. Doch der Bekleidungsgroßmarkt, eine Dreiviertelstunde von New York City entfernt, ist Covid-bedingt verschwunden. Stattdessen wurde dort vor ein paar Wochen ein riesiges Impfzentrum eingerichtet. Auf der Fläche mehrerer Fußballfelder können Dutzende von Menschen gleichzeitig registriert und geimpft werden, während sie den Sicherheitsabstand einhalten. Ventilatoren sorgen für Durchzugsluft, aus Lautsprechern tönt Michael Jackson: »It doesn’t matter if you’re black or white«. Warteschlangen gibt es keine. Die Impfung - mit dem Vakzin von Moderna - findet in einem der 60 schwarzen Behelfszelte statt.

Mitte März 2021 gegen Covid-19 geimpft zu werden, ist im Bundesstaat New Jersey wie im Rest der USA fast Routine. Jeder und jede fünfte der 330 Millionen Amerikaner*innen hat mindestens eine Dosis erhalten. Und das Impftempo nimmt täglich zu. Geimpft wird nicht nur in Supermarkthallen wie dem ehemaligen K-Mart, sondern auch im Freien, etwa in improvisierten Drive-in-Stationen, wo man in Sekundenschnelle bei heruntergekurbeltem Fenster seinen QR-Code scannen und sich dann eine Injektion verpassen lässt. In ländlichen Gebieten sind Impfmobile unterwegs. Hebammen, Augen-, Zahn- und Tierärzte sowie - natürlich - die Hausärzte spritzen geradezu im Akkord, inzwischen mehr als 2,5 Millionen Mal pro Tag.

So geht alles noch viel schneller als erhofft. Als Präsidentschaftskandidat hatte Joe Biden versprochen, in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit, also bis Mitte April, hundert Millionen Corona-Impfungen zu ermöglichen. Das Versprechen war so schnell eingelöst, dass er in seiner Pressekonferenz am Donnerstag die doppelte Anzahl als Ziel ausgeben konnte. In der Hälfte der 50 Bundesstaaten soll es bis April allen Impfwilligen möglich sein, einen Termin zu buchen.

Im Bundesstaat New Jersey gilt das Rauchen als besonders großes Gesundheitsrisiko und fällt bei der Online-Registrierung in dieselbe Kategorie wie Herzerkrankung, Asthma oder Diabetes. Ein weiteres Kriterium, das eine vorzeitige Impfung möglich macht, ist die »hauptberufliche oder ehrenamtliche Arbeit in einem Umfeld mit Kranken«. Ankreuzen oder nicht? Im Anmeldeformular sind jedenfalls »Rauchen«, »ehrenamtliche Arbeit« wie auch weitere »Umstände« nicht näher definiert. Bekannte aus anderen Bundesstaaten erzählten, dass ihnen keinerlei Nachweis abverlangt wurde. Das ist tatsächlich auch in New Jersey der Fall. Nicht einmal ein persönliches Ausweisdokument ist erforderlich. Die ausgedruckte Bestätigung des Impftermins genügt. Auf diese Weise können sich auch Undokumentierte - sie werden in den USA auf elf Millionen Menschen geschätzt - relativ problemlos mit dem Vakzin versorgen. Und der deutsche Begriff »Impfdrängler« ist insofern ohne Bedeutung.

nd-Autor Max Böhnel ist einer von denen, die dort das Vakzin von Moderna verabreicht bekamen.
nd-Autor Max Böhnel ist einer von denen, die dort das Vakzin von Moderna verabreicht bekamen.

Dimitri ist acht Stunden lang für Impfzelt 16 verantwortlich. Mit russischen Akzent sagt er »Welcome, please come in«, zieht den Vorhang zu und nimmt die Impfterminbestätigung entgegen. Gerne macht er ein Foto von der freien linken Schulter, in die sein Kollege schweigsam das Moderna-Vakzin injiziiert. Es piekst kaum. Die zweite Dosis soll exakt vier Wochen später am selben Ort verpasst werden, mahnt Dimitri. Nach der Entgegennahme des Impfpasses, eingehüllt in Plastik, erfolgt eine 15-minütige Sitzpause.

Das »America-first«-Getöse der Trumpisten ist leiser geworden und wurde längst übertönt von der Biden-Regierung, die die Pandemiebekämpfung zur Priorität erklärt hat. Gleichwohl war es noch Trump, der die Impfstoffproduktion mit der damals viel verlachten »Operation Warp Speed« in die Gänge brachte. Damit gingen den heimischen Pharmariesen, die in Forschung und Produktion weltweit führend sind, Milliarden Dollar zu. Trump, der sich über das Maskentragen lustig gemacht hatte, wollte sich das lästige Thema Covid, das seine Chance auf Wiederwahl zu mindern drohte, schnellstmöglich vom Hals schaffen. Nach der Notfallzulassung der Vakzine von Pfizer/Biontech und Moderna erteilte die Food and Drug Administration Ende Februar auch dem Impfstoff von Johnson & Johnson die Genehmigung. Mit Letzterem ist nur eine Impfung nötig, und zudem muss er nicht tiefgefroren gelagert werden. Biden knüpft nahtlos an Trumps Anweisung, zuerst den Bedarf des eigenen Landes zu decken, an. Der Ex-Präsident hatte das Kriegsproduktionsgesetz »Defense Production Act« von 1950 herangezogen, um Unternehmen zur Herstellung von Ventilatoren sowie von Masken und Schutzkleidung für Beschäftigte im Gesundheitssektor zu verpflichten. Auch Biden stützt sich darauf und geht noch deutlich weiter als sein Vorgänger. So wurden unter seiner Regie mit einem Eilauftrag Maschinen für ein Pfizer-Werk beschafft. Außerdem zwang die neue Regierung die beiden Konkurrenten Johnson & Johnson und Merck zur gemeinsamen Produktion.

Ein großer Unterschied zwischen Trump und Biden ist die Impfstoffverteilung. Trump hatte den Software-Hersteller Palantir, der mit Überwachungstechnologie riesige Profite einfährt, damit beauftragt, die Impfstoffverteilung zu zentralisieren. Doch das Projekt ging nach hinten los. Einzelne Bundesstaaten und regionale wie örtliche Gesundheitsbehörden hielten die Daten, die Palantir lieferte, für unzureichend und irreführend. Biden verzichtete auf die Zentralisierung. Die Einzelstaaten werden zwar nach bestimmten Kriterien beliefert, aber die Verteilung bleibt ihnen überlassen.

Den strukturellen Rassismus überwinden kann und will die Pandemiebekämpfung der US-Regierung wie der einzelstaatlichen Behörden allerdings nicht. Ist vielerorts die Rede von der Rückkehr des angeblich typisch amerikanischen Optimismus und der »Wir schaffen das«-Mentalität, so sprechen die Zahlen eine andere Sprache. Laut der führenden Gesundheitsbehörde Center for Disease Control waren am 23. März nur acht Prozent der Schwarzen und weniger als neun Prozent der Latino-Bevölkerung wenigstens einmal geimpft. Dabei liegt ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wesentlich höher.

Welche der beiden gegenläufigen Entwicklungen - Impferfolge versus stagnierende Fallzahlen und zunehmende Mutanten - letztendlich die Oberhand gewinnt, ist auch in den USA noch längst nicht ausgemacht. Auch hier gibt eine Reihe von Gouverneuren dem Druck der Unternehmen nach, »die Wirtschaft zu öffnen«. Am 30. April soll es für Disneyland so weit sein. Ob bis zum Unabhängigkeitstag am 4. Juli wieder alles im Lot ist, wie Biden verkündete, darf bezweifelt werden.

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