Fachgeschäft für Demokratie

In Rheinsberg eröffnete der Stadtverordnete Freke Over einen außergewöhnlichen Treffpunkt

  • Von Andreas Fritsche, Rheinsberg
  • Lesedauer: 5 Min.
Bis Freke Over den neuen Treffpunkt für Veranstaltungen aufschließen kann, wird es wegen der Corona-Pandemie mit Sicherheit noch eine ganze Weile dauern.
Bis Freke Over den neuen Treffpunkt für Veranstaltungen aufschließen kann, wird es wegen der Corona-Pandemie mit Sicherheit noch eine ganze Weile dauern.

Vor der Schloßstraße 20 in Rheinsberg (Ostprignitz-Ruppin) ist eine Ampelanlage mit einer langen Rotphase installiert. Dort stand der Stadtverordnete Freke Over (Linke) mit seinem Auto und wartete auf Grün. Dabei fiel sein Blick in das Schaufenster. Dort hing ein Zettel. Der Laden, in dem sich eine Fahrschule befand, werde frei und sei zu vermieten. »Da begann es in mir zu arbeiten«, erzählt der Kommunalpolitiker. Doch es dauerte noch einige Wochen, bis er die zündende Idee hatte. Am 14. März eröffnete Over in der Schloßstraße sein Fachgeschäft für Demokratie. »Ich wollte nicht bei Facebook auf den dort verbreiteten Hass reagieren. Dafür war mir meine Lebenszeit zu schade«, sagt er.

Wegen der Corona-Maßnahmen kann das Geschäft jedoch bisher nur eingeschränkt genutzt werden. Künftig gibt es hier zum Preis ab drei Euro die Demokratie zu kaufen: in Form von Dosen in verschiedenen Formen, Farben und Größen. Sie enthalten im Prinzip nichts als Luft. Für die Inhalte muss der Kunde eigenverantwortlich sorgen. Auf die Deckel ist das Wort »Demokratie« geklebt. Öffnet man die Dose, finden sich innen Hinweise wie »alles andere ist Quark«, »tut gut« und »macht schöner«. In einer Variante ergibt sich in Kombination mit der Aufschrift auf dem Deckel auch die berühmte Formel von SPD-Bundeskanzler Willy Brandt (1913-1992): »Demokratie wagen!« 60 Dosen mit insgesamt 25 Sprüchen haben Freke Over und seine Mitstreiter für das Fachgeschäft gebastelt. Einmal steht statt »Demokratie« auch »Demokratin« auf dem Deckel. Das griechische Wort Demokratie bedeutet Volksherrschaft. Doch in ihren Ursprüngen in Athen und bis ins 20. Jahrhundert hinein blieben Frauen ausgeschlossen. Heute sollen alle gleichberechtigt mitbestimmen dürfen.

In den ersten zwei Wochen sei die Demokratie ein Ladenhüter gewesen, muss Freke Over einräumen. Noch keine einzige Dose konnte verkauft werden. »Aber weil wir wegen Corona geschlossen haben«, betont Over. Er hofft, dass die Infektionszahlen im Sommer sinken und sein Geschäft dann rechtzeitig vor der Bundestagswahl im September noch brummt.

Gesprächsrunden und Filmabende werden dann auf dem Programm stehen. Die Technik für die Filmvorführungen steht schon bereit. Die kleine Leihbibliothek füllt sich. Freke Over und sein Stadtfraktionskollege Paul Kurzke räumen schrittweise die gespendeten Bücher ein. Es handelt sich um politische Literatur.

Das Regal hat Kurzke aus dem alten Atomkraftwerk Rheinsberg organisiert. Dort stand es im Verwaltungsgebäude und sollte entsorgt werden. Kurzke ist Bauingenieur und bei der langwierigen Demontage des bereits 1990 stillgelegten Kraftwerks beschäftigt. »Mindestens bis 2040 werden wir dort noch zu tun haben«, sagt der 30-Jährige.

Das Fachgeschäft ist nur 45 Quadratmeter groß, die Miniküche und die Toilette schon eingerechnet. Over und Kurzke renovierten die Räume mit Freunden. 1500 Euro hat das Material dafür gekostet. Es ist hübsch gemütlich geworden. Vor allem die Holzbalken, die vorher unter Tapete versteckt waren, kommen jetzt schön zur Geltung. Aus Getränkekisten und einer Holzplatte entstand eine kleine Bar. Dort stehen Apfelsaft, Mineralwasser, Bier und Sekt bereit. Doch »Trinken mit Linken« ist im Moment aus Infektionsschutzgründen nicht möglich, ebenso wie »Schöner Tanzen ohne Nazis«. Aber das und noch viel mehr soll zukünftig stattfinden. Einstweilen kann die aus Freke Over und Paul Kurzke bestehende Linksfraktion hier nur ihre Sprechstunde abhalten, immer dienstags von 17.30 bis 18.30 Uhr. Die beiden Kommunalpolitiker nennen es ihren Demokratie-Notdienst.

Auf den zweiten Blick sieht das Fachgeschäft dann doch wie ein klassisches Parteibüro aus, das sich lediglich pfiffiger präsentiert. Seit 1990, als die SED Geschichte war, hatten die Sozialisten kein Büro mehr in Rheinsberg, erzählt Over. Auch die anderen Parteien sind hier nicht vertreten. Nur Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke (SPD) verfügt über eine kleine Anlaufstelle. Ihr offizielles Wahlkreisbüro hat sie dagegen in Neuruppin eingerichtet.

Zwar liegen Postkarten von Bundestagskandidatin Anja Mayer (Linke) auf dem Tisch der Schloßstraße 20. Sie soll aber nicht bloß ein Quartier der Linken sein, sondern ein Treffpunkt für alle Demokraten. Bürgerinitiativen und alle demokratischen Parteien sind willkommen.

285 Euro Kaltmiete im Monat kosten die Räume, inklusive der Betriebskosten sind es rund 350 Euro. Die Summe wird nicht etwa vom Kreisverband der Linken bezahlt. Der hätte gar nicht die Mittel dazu. Finanziert wird alles durch Spenden. Es ist schon genug Geld für die ersten anderthalb Jahre beisammen, freut sich Over. Der 53-Jährige saß bis 2006 im Berliner Abgeordnetenhaus. Dann zog er raus aufs Land nach Rheinsberg, wo er das Ferienland Luhme bereibt.

Bei der Kommunalwahl 2019 ist die AfD in Rheinsberg nicht mit einer eigenen Liste für die Stadtverordnetenversammlung angetreten. Sie holte hier aber bei der Wahl des Kreistags 22 Prozent der Stimmen. Das liegt in etwa im brandenburgischen Durchschnitt. Insofern ist der Bedarf für ein Fachgeschäft für Demokratie hier nicht höher als anderswo. Oder anders formuliert: Fachgeschäfte für Demokratie müssten überall eröffnet werden. Freke Over würde sich sehr freuen, wenn er Nachahmer findet.

Es wäre nicht das erste Mal, dass der 53-Jährige eine Entwicklung anstößt. 1995 war der damals noch junge Mann aus der Hausbesetzerszene für die PDS ins Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen. Unter den Mitgliedern dieses Teilzeitparlaments war es seinerzeit nicht üblich, ein Wahlkreisbüro zu unterhalten. 1996 machte Over mit seinem Wahlkreisbüro am Boxhagener Platz den Anfang. Sein damaliger Fraktionskollege Bernd Holtfreter habe es ihm ein Jahr später nachgemacht, erinnert Over. »Mittlerweile haben alle Berliner Abgeordneten ein Wahlkreisbüro. Inzwischen gibt es ja auch extra Geld dafür.«

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