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Nie wieder Fischgräten-Korsett!

Die Satirikerin Ella Carina Werner über ihre neue Kolumne in der »Titanic«, Humor und die Frauenquote

  • Von Interview: Marta Moneva
  • Lesedauer: 7 Min.
Humor, Satire und andere Überlebenstechniken: Nie wieder Fischgräten-Korsett!

Frau Werner, Sie sind Satirikerin. Wie fühlt es sich an, eine der wenigen Frauen an Bord der »Titanic« zu sein?
Also, am Anfang hat mich das durchaus verunsichert, weil ich immer auf die »Frau« festgenagelt wurde. Nach Lesungen kamen oft Leute und haben mir auf die Schulter geklopft: » Es ist so toll, dass du als Frau da mitmachst!« Das ist immer ganz süß gemeint, aber auf die Dauer auch anstrengend. Oder als ich mal in der Tür in der Redaktion stand, als jemand geklingelt und gefragt hat »Oh, ist denn keiner von den Redakteuren da?«. Aber ich bin da reingewachsen und inzwischen sind auch mehr Frauen da. Frauen ziehen Frauen nach.

Können Frauen etwa keinen Humor? Oder haben sie das öffentliche Feld Männern immer großzügig überlassen und eher im Kreißsaal und am Herd Satire gemacht?
Ja, natürlich können Frauen genauso Satire. Ich glaube auch nicht, dass es einen Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Humor gibt. Und ja, sie mussten zwangsweise den Männern das Feld überlassen. Es würde charmant klingen zu sagen, dass sie es freiwillig gemacht haben und nur zu Hause vor sich rum geulkt haben. Leider war es aber auch traurige Realität, dass die Frauen nicht in die Kreise reinkamen. Es ist schön, dass das sich jetzt langsam ändert.

Überhaupt nahm das Bürgerliche Gesetzbuch in der alten BRD erst 1977 Abschied von dem Leitbild der Hausfrauenehe.
Ich komme aus einer Kleinstadt, wo die Mütter meiner Freundinnen eigentlich alle nicht gearbeitet haben. Das war total traurig, die haben ihr Potenzial nicht nutzen können. Manche haben noch ihr Abi gemacht und sind dann in der Hausfrauenehe verschwunden. Meine eigene Mutter hat den Dreh noch bekommen: Sie wurde Bauchtänzerin, das war für sie eine schöne Emanzipationsgeschichte. Aber die meisten haben zu Hause viel geputzt, teilweise jeden Tag die Fenster, um irgendwas zu tun zu haben. So war das im tiefsten Westdeutschland.

Gehören Komik und Feminismus unbedingt zusammen?
Finde ich inzwischen schon. Lange hielt man Emanzen für humorlos und lange, fand ich, waren die Bühnenshows von feministischen Kabarettistinnen auch nicht so wahnsinnig komisch. Das hat auch historische Gründe, da war noch viel Wut in den Anfangsjahren. Inzwischen hat sich das verändert. Margarete Stokowski und Liv Strömquist schreiben sehr lustig zum Thema Feminismus, auch Komikerinnen wie Carolin Kebekus machen viel. Das ist, finde ich, inzwischen ganz eng verschränkt. Ich kenne keine Komikerin, die nicht auch feministisch ist.

Und wenn Sie irgendwann die Chefredaktion der »Titanic« übernehmen, wer geht dann zuerst über Bord? Lacht dann das Land das erste Jahr kompensatorisch nur noch über die Geburt, ein bislang völlig unterrepräsentiertes Thema?
Natürlich könnte ich dann alle Männer rausschmeißen und nur noch Redakteurinnen einstellen. Es gibt ganz tollen weiblichen Nachwuchs. Und ja, gewisse Themen waren noch nie in der »Titanic« und könnten groß rein, zum Beispiel das Thema Geburt. Ich hatte ganz früher so eine Parodie auf eine Frauenzeitschrift vorgeschlagen, mit Umstylen. Das wurde abgelehnt, dafür wurden immer so typische Auto- und IT-Themen genommen.

Bis zur Chefredaktion dauert es noch, aber Sie übernehmen jetzt erst mal die große Kolumne in »Titanic«. Wohin geht die Reise?
Es wird eine Großstadt-Kolumne mit Menschengewimmel. Ich gehe dahin, wo sich ganz viele Leute begegnen, aufeinanderprallen quasi. Das Ganze wird in Hamburg spielen, aber auch in jede andere Stadt passen. Zu meinen ersten Orten gehört die Alster, wo Prominente wie Markus Lanz und Johannes B. Kerner joggen gehen. Danach gehe ich in die Frauensauna, und auf eine Auktion. In Corona-Zeiten muss ich aber natürlich auch ein bisschen aus Erinnerungen schöpfen, gerade tummeln sich ja kaum Leute. Die Ich-Erzählerin Ella geht in der Kolumne durch die Welt und begibt sich in absurde Gespräche mit allerlei Menschen. In der ersten Folge wird es um Nachtzugfahrten gehen: Ich bin jahrelang nachts zwischen Frankfurt und Hamburg gependelt. Da habe ich viele schlimme Gespräche geführt.

Diesen Platz hatten vorher Max Goldt und Heinz Strunk. Wie fühlt es sich an, in ihre Fußstapfen zu treten?
Vor fünf Jahren hätte mich das noch total verunsichert, glaube ich. Jetzt nehme ich die Herausforderung an und versinke nicht mehr in Ehrfurcht.

Reden wir über Ihr neues Buch »Der Untergang des Abendkleids«. Oswald Spengler dürfte sich bei diesem Titel im Grabe umdrehen. Aber wer braucht noch Abendkleider, wo es im letzten Jahr doch keine einzige Einladung gab?
Ich mag Abendkleider eigentlich persönlich ganz gern. Ich meine das Abendkleid als Synonym für ganz enge, alte Kleiderkonventionen, die die Frau betreffen. Das Abendkleid mit diesen Fischgräten-Korsetten, die so eng geschnitten waren, dass man damit nicht rennen oder auf ein Pferd steigen konnte. Ich wollte ein bisschen abfeiern, dass das mal eingestampft wird.

Um den Onkel Bernhard aus Ihrem Buch zu zitieren: »Das Patriarchat ist abgemolken, futsch, aus, niente. War schön die letzten hunderttausend Jahre, sehr schön sogar, wenn ich noch mal darüber nachdenke, aber nun ist es auch mal gut.« Ist es nun Zeit für Womanspreading und Mehrmännerehe? Oder würde Letzteres einfach zu viel Arbeit machen?
Ich finde es schon cool, dass es das gibt. Ich mache selbst auch mal Womanspreading, indem ich mich etwa in der U-Bahn breitbeinig hinsetze. Ich liebe es, wenn alles einfach mal umgekehrt wird. Aber ob ich jetzt selbst mehrere Männer haben will? Hm, da muss man ganz schön viel denken und auch so viele Kinder kriegen für all die. Ich glaube, grundsätzlich wäre das keine Verbesserung.

Übertrieben formuliert könnte man sagen, Gleichberechtigung sei erst erreicht, wenn wir unfähige, beispielsweise unqualifizierte Frauen in den Vorständen sitzen hätten. Wo findet man denn überhaupt so viele unfähige Frauen?
Ah, überall. Ich will gar nicht sagen, dass Frauen besser und cleverer sind und dass es im Matriarchat schöner wäre, aber es gibt so unfassbar viele unqualifizierte Männer in Führungspositionen. Sehr clevere und ehrgeizige Frauen kommen heute schon weit, aber ich finde es eben wichtig, dass auch die Nicht-Qualifizierten es schaffen.

Worüber würden Sie mit Ulf Poschardt plaudern, der ja bekanntlich seinen Don Alphonso innig liebt, würden Sie bei einem Dinner nebeneinander sitzen?
In der »Titanic«-Redaktion ist Don Alphonso eine beliebte Witzfigur. Ich liebe Leute wie Ulf Poschardt. Das ist ja eigentlich genau so ein Typ wie der, der in der Geschichte »Pro und Kontra« in meinem Buch vorkommt. Wahrscheinlich würde ich mit ihm über Klimawandel, Feminismus oder Autos reden. Ich glaube, wir würden uns ganz gut verstehen - ich mag solche Fieslinge.

Margarethe von Trotta zum Beispiel fände es schöner, wenn die Männer freiwillig die »Hälfte des Himmels« mit den Frauen teilen würden. Aber solange sie dazu nicht in der Lage sind, müsse man die Frauenquote verteidigen. Was halten Sie davon?
Ja, auf jeden Fall. 50 Prozent überall! Das ist eine historische Zwischenlösung auf bestimmte Zeit, die es braucht, bis es sich dann von selber regelt. In meinem Buch redet die Mutter immer von 95 Prozent. Das ist natürlich süß, aber die Hälfte reicht schon.

95 Prozent finde ich auch ein bisschen viel. Ist Satire systemrelevant?
Natürlich ist Satire systemrelevant - sie steckt die Finger in die Wunden. Dadurch werden bestehende Ungerechtigkeiten und Widersprüche nach Außen gespiegelt, und zwar auch auf lustige Weise, nicht nur in Leitartikeln.

Lesen Ihre Kinder Ihre Texte?
Die interessieren sich zum Teil für die Cartoons in »Titanic«. Manchmal lachen sie darüber. Meine Kinder nehmen mich als Autorin nicht so ernst, weil ich nicht viele Likes und Views auf YouTube habe. Manchmal klicken sie meine Sachen aus Mitleid an. Sie wissen aber, dass ich ihnen ab und zu von den Honoraren eine Pizza kaufen kann.

Gibt's noch eine Frage, die Sie gerne beantwortet hätten?
Ich finde es komisch, dass ich nie nach Vorbildern gefragt werde.

Das könnte man als Kompliment deuten. Aber, bitte, welche Vorbilder haben Sie?
Mein größtes Idol ist Flann O‘Brien, ein irischer Humorist, der über Jahrzehnte ganz absurde Romane und eine fantastische Kolumne für die »Irish Times« geschrieben hat. Die hat er immer betrunken verfasst. Zu nennen wären auch Max Goldt oder Fanny Müller, der das Buch auch gewidmet ist. Und Lucia Berlin ist ebenfalls ganz toll.

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