Boykott? Besser spät als nie

Sonntagsschuss

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

Manchmal können einem der DFB und seine Nationalmannschaft aber auch wirklich leidtun. Zugegebenermaßen nicht sehr oft, denn meist, wenn es Kritik hagelt, ist die mehr als gerechtfertigt. Dass die Nationalspieler nun aber von einigen kritisiert wurden, weil sie vorm Länderspiel gegen Island Shirts mit der Buchstabenkombination »Human Rights« trugen, muss man nicht verstehen. Zumal zumindest Joshua Kimmich im Nachgang auch aussprach, worum es ging: Bei einem Qualifikationsspiel für die WM, die 2022 in Katar stattfinden soll, auf die dortige Menschenrechtslage aufmerksam zu machen.

Kritik wird ja immer dann ein bisschen wohlfeil, wenn sie beim Eintreten des Gegenteils noch harscher ausfallen würde. Und Kritik hätte es erst recht gegeben, wenn sich die Nationalspieler so schweigsam verhalten hätten, wie sie sich in den vergangenen Jahren fast immer verhalten haben, wenn es darum gegangen wäre, Position zu beziehen.

Das war diesmal anders, und es darf gegrübelt werden, ob allen Beteiligten auch klar war, was sie da forderten. Zum Beispiel Antonio Rüdiger, der in Duisburg das Shirt mit dem »I« trug und noch vor gar nicht langer Zeit den Instagram-Post eines islamistischen Kampfsportlers geliked hat, der nach der Ermordung des Geschichtslehrers Samuel Paty seinem Hass auf den französischen Präsidenten Emmanuel Macron Ausdruck gab. Man darf jetzt also wohl davon ausgehen, dass auch Herr Rüdiger mitbekommen hat, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung zu den »Human Rights« gehört, Morde im Namen einer Steinzeit-Religionsauslegung indes eher nicht. Und auch Joshua Kimmich, der ja erst vor ein paar Wochen mit seinem Arbeitgeber zu einem Sinnlos-Turnier nach Katar geflogen ist, wird künftig sicher bei der Ankunft in Doha im Wechselgesang mit Karl-Heinz Rummenigge laut seine Stimme für die Einhaltung der Menschenrechte erheben. Wenn das überhaupt noch nötig sein wird. Denn ziemlich sicher wird ja jetzt auch der FC Bayern die Millionen aus dem Scheichtum abschreiben und auf die Einhaltung universeller Werte pochen. Deren Missachtung kann man schließlich nicht dadurch sanktionieren, dass man sich von den entsprechenden Staaten aushalten lässt.

So sieht das sicher auch der DFB, in dessen Kommandozentrale schon vor Monaten ein ausgeklügelter Plan erdacht worden sein muss. Oder etwa nicht? Das wäre überraschend. Denn selbstverständlich weiß man in Frankfurt, dass Katar 2022 das unbeliebteste Turnier in der Geschichte des Fußballs sein wird. Selbst viele unkritische Fans werden dieses Turnier, das auch noch im deutschen Winter stattfinden wird, geflissentlich ignorieren. Und natürlich wissen sie in Frankfurt erst recht, dass sie das Turnier jetzt nicht einfach so abblasen können.

Hofft man beim DFB also, dass die Machthaber am Golf durch die nun auch bei den Sportlern aufkeimenden Proteste umdenken? Dass sie plötzlich Frauen die gleichen Rechte einräumen wie Männern? Arbeitsmigranten - 6500 aus fünf asiatischen Ländern sollen auf den Baustellen bisher gestorben sein - wie Menschen behandeln? Dass sie eine Opposition zulassen? Meinungs- und Pressefreiheit gewähren?

Darauf, dass der DFB so naiv ist, deutet nichts hin. Vielmehr scheint das Kalkül, Katar durch die Erzeugung öffentlichen Drucks, der formal nicht von den Verbänden, sondern von den Sportlern selbst ausgeht, zu symbolischen Zugeständnissen zu bringen. Zumindest für die wenigen Wochen Ende kommenden Jahres, in denen die Weltöffentlichkeit sich ausnahmsweise mal für die dortige Menschenrechtslage interessiert. Ob Spieler und Verbände damit durchkommen, werden die nächsten Monate zeigen. Vor drei Wochen hat »ProFans« zum Boykott von Katar aufgerufen, die Initiative »Boycott Qatar« (www.boycott-qatar.de) nimmt jetzt erst richtig Fahrt auf.

»Für einen Boykott ist es ungefähr zehn Jahre zu spät«, hat Joshua Kimmich am Freitag dennoch gesagt. »Die Gedanken hätte man sich machen müssen, als die WM an Katar vergeben wurde.« Der zweite Satz ist richtig, der erste wird sich hoffentlich schon bald als Fehleinschätzung erweisen.

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