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Späte Milde

Auf seiner Abschiedstournee wird Joachim Löw zum Pragmatiker: Das 1:0 gegen Rumänien sieht er positiv

  • Von Frank Hellmann
  • Lesedauer: 4 Min.
Überlegen, aber nicht zwingend genug: Timo Werner (3.v.l.) und die DFB-Elf nutzten gegen Rumänien zu wenige ihrer Chancen.
Überlegen, aber nicht zwingend genug: Timo Werner (3.v.l.) und die DFB-Elf nutzten gegen Rumänien zu wenige ihrer Chancen.

Fußball-Nationalspieler sind in der Regel zu jung, als dass sich nach einer kurzen Nacht schon Ränder unter den Augen bilden. Aber strapaziös war es, was die deutschen Kicker nach der nächsten Pflichterfüllung in der WM-Qualifikation - 1:0 gegen Rumänien - in der Nacht von Sonntag auf Montag auf sich nahmen. Bundestrainer Joachim Löw stand noch während der Übersetzung bei der digitalen Pressekonferenz von seinem Stuhl vor der Werbewand im Nationalstadion von Bukarest auf, um keine Zeit zu vergeuden. Um 0.30 Uhr kutschierten zwei Busse die Deutschen Richtung Flughafen. Der Charter landete gegen 4 Uhr in Köln, dann ging es für die Delegation noch ins abgeriegelte Mannschaftshotel in Düsseldorf. Klar, dass der Montag am sonnenüberfluteten Rheinufer ganz im Zeichen der Regeneration stand.

Trotzdem sollten die Kräfte der DFB-Auswahl reichen, um am Mittwochabend gegen Nordmazedonien in Duisburg den dritten Pflock auf dem Weg zur umstrittenen Wüsten-WM 2022 in Katar einzuschlagen. Ein zweites Mal adressierten die Nationalspieler nunmehr eine Trikot-Botschaft zur Einhaltung der Menschenrechte an die Öffentlichkeit: Diesmal plädierten Manuel Neuer und Co. für die 30 Artikel in der Allgemeinen Erklärung der Vereinten Nationen. Es scheinen sich gerade die Wertekataloge rasant zu verschieben: Wie die Spieler die Arbeitsmigranten im Emirat für sich entdeckt haben und der Bundestrainer dieses Engagement auch begrüßt, ist er selbst plötzlich auf Arbeitssiege gar nicht mehr schlecht zu sprechen.

»Ich bin überwiegend noch mehr zufrieden«, bekundete Löw. »Im Training und auf dem Platz ist viel Dynamik und Energie zu spüren, das war insgesamt noch besser als gegen Island.« Würde sein Team nun auch gegen den Außenseiter Nordmazedonien reüssieren, wovon ganz Fußball-Deutschland ja ausgeht, dann hätte man »mit neun Punkten die richtige Richtung« eingeschlagen. »Wir müssen noch mal volle Kraft voraus auch das Spiel gewinnen.« Generell lobte der 61-Jährige, »dass die Mannschaft ehrgeizig und willig ist«; dass »intern ein guter Spirit« herrscht. Dafür spricht die erhöhte Geräuschkulisse auf dem Platz: Gegenüber dem stumm ertragenen 0:6 gegen Spanien wird Deutschlands Nationalelf im Frühjahr 2021 über die Richtmikrofone als lautstarke Einheit wahrgenommen, die sich ständig aufmuntert.

Dass man sich »das Leben selbst schwer gemacht« hatte, wie Torschütze Serge Gnabry erklärte, und es am Ende »eine kleine Zitterpartie« wurde, wie Vorlagengeber Kai Havertz ergänzte, darüber ging Löw beinahe hinweg. Klar könne man kritisieren, dass man den Sack nicht früher zugemacht habe, vor der EM-Endrunde ist dem Südbadener jedoch nicht bange. Im Gegenteil: »Jetzt ist der Hunger groß, auch Richtung Turnier.« Nur: Sind Pflichtsiege gegen Island und Rumänien wirklich der Gradmesser auf dem Weg zurück an die Weltspitze? Doch geht es Löw auf seiner Abschiedstournee nicht mehr um die langfristigen Perspektiven.

Zum Ende seiner Amtszeit muss er nicht mehr den Entwickler geben, sondern kann den Pragmatiker herauskehren. Deshalb werden bei ihm auch die ästhetischen Ansprüche nicht mehr so hoch gewichtet. Unter diesen Aspekten ist Löws leicht gefärbte Analyse zu betrachten, in der er den Auftritt in einem von zwölf geplanten EM-Spielorten ausgesprochen positiv bewertete. Defizite gab es ja sehr wohl: Zum einen gelangen seinem gegenüber dem Island-Spiel unveränderten Ensemble in der ersten Halbzeit selten so ansehnliche Kombinationen wie beim 1:0, als Antonio Rüdiger mit einem langen Ball hinter die Abwehrkette kam und Havertz und Gnabry im geschickten Zusammenspiel den Spielzug veredelten (16.). Zum anderen befleißigte sich die Löw-Elf im zweiten Durchgang mal wieder einer nachlässigen Chancenauswertung, die sich in der EM-Gruppe mit Weltmeister Frankreich und Europameister Portugal fatal auswirken könnte.

Kapitän Neuer kritisierte denn auch: »Wir müssen früher den Deckel drauf und einfach das dritte und vierte Tor machen.« Der am Samstag 35 Jahre alt gewordene Tormann vermisste bei seinen Vorderleuten im Abschluss »Coolness und Cleverness« und »den letzten Willen in der Box«. Gerade Wirbelwind Leroy Sané versuchte sich mitunter an viel zu verspielten Lösungen und hätte in der Nachspielzeit mit einem schlimmen Rückpass fast noch den Ausgleich von Nicolae Stanciu begünstigt (90.+2). »Das wäre die Rache gewesen«, gab Antreiber Joshua Kimmich zu, der sich mit einer ungewohnten Manndeckung konfrontiert sah.

Merkwürdig wirkte, dass Löw seine fünf Wechseloptionen nicht ausschöpfte - und bei den Hereinnahmen von Florian Neuhaus und Amin Younes sogar bis in die Nachspielzeit wartete. Es sei ihm wichtig gewesen, »sich einzuspielen«, erklärte der Bundestrainer, der um ein kampf- wie spielstarkes Dreier-Mittelfeld ein neues Gerüst gebaut hat. Das 4-3-3-System scheint zudem am besten zu passen, um die offensiven Anlagen von Gnabry, Sané oder Havertz zu entfalten. Nun soll in Löws letztem WM-Qualifikationsspiel »der eine oder andere frische Spieler« eingebaut werden, wobei sich Neuer-Vertreter Marc-André ter Stegen, Florian Neuhaus und Timo Werner sicherlich die größten Hoffnungen auf die Startelf machen können.

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