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Sharon Dodua Otoos neues Werk »Adas Raum« ist ein fantastisch ungewöhnlicher Generationenroman

Berlin-Romane gibt es mittlerweile wie Sand am Meer, und fast täglich kommen neue dazu. Eine außergewöhnliche, unter anderem im heutigen Berlin angesiedelte Geschichte mit reichlich Bezügen zur großstädtischen Gegenwart und ihren sozialen Ein- und Ausschlussmechanismen bietet Sharon Dodua Otoos Roman »Adas Raum«. Wobei dieser in mehreren Erzählebenen und unterschiedlichen Jahrhunderten angesiedelte Roman der Bachmann-Preisträgerin von 2016 die Grenzen des gängigen Gegenwarts- oder Großstadtromans bei Weitem sprengt.

Das fängt schon bei der Erzählperspektive an. Denn ähnlich wie bereits in dem Text »Herr Gröttrup setzt sich hin«, der aus der Sicht von einem Frühstücksei erzählt wird und mit dem die 1972 in London geborene und seit 2006 in Berlin lebende Autorin in Klagenfurt einen der renommiertesten Preise für deutschsprachige Literatur erhielt, gibt es in »Adas Raum« sogar mehrere äußerst ungewöhnliche Erzählstimmen. Im Zentrum der unterschiedlichen, mitunter schlicht genial miteinander verwobenen Erzählebenen steht stets eine Frau namens Ada.

Erzählt wird die vielschichtige und stellenweise fantastische Geschichte einmal aus der Sicht eines Reisigbesens Mitte des 15. Jahrhunderts, mit dem in einem Dorf an der westafrikanischen Küste, das von portugiesischen Konquistadoren heimgesucht wird, nicht nur der Boden gefegt, sondern auch regelmäßig jemandem der Hintern versohlt wird. Dann gibt es Mitte des 19. Jahrhunderts die Erzählung aus der Perspektive eines edel verzierten Türknaufs am Eingang des Londoner Wohnhauses von Ada Lovelace, ihres Zeichens Lyrikerin und Mathematikerin, die gerne als eine der Erfinderinnen des Computers abgefeiert wird.

Im Jahr 1945 wird die Geschichte vom titelgebenden Zimmer »Adas Raum« erzählt, in dem im Konzentrationslager Mittelbau-Dora Frauen zwangsprostituiert werden. Und zu guter Letzt gibt es da noch einen britischen Reisepass, der die Geschichte der schwangeren Ada erzählt, die kurz vor der Brexit-Abstimmung aus dem ghanaischen Accra über London zu ihrer in Berlin lebenden Halbschwester Elle reist und ziemlich viel Frust bei der viel zu lange dauernden Suche nach einer Wohnung erlebt, inklusive jede Menge alltagsrassistischer Borniertheiten, die sie sich dabei anhören muss.

Sharon Dodua Otoo entwirft in ihrem Roman vier ganz unterschiedliche Welten, die aber motivisch nicht nur durch die Frauen verknüpft sind, die gegen männliche, koloniale, rassistische, kapitalistische und nationalsozialistische Gewalt kämpfen und ihr ebenso zum Opfer fallen, wie sie diesen Bedrohungen auch etwas entgegenhalten. Inmitten dieser ungemein pointiert inszenierten literarischen Welten mit Stränden in Ghana, an denen die Schiffe der mörderischen Eroberer landen, heruntergekommenen Arbeitervierteln in London, dem Überlebenskampf in einem Konzentrationslager in Thüringen und dem Alltagsstress bei der Wohnungssuche in Berlin gibt es auch ein ursprünglich aus dem heutigen Ghana stammendes Armband, das von den weißen Kolonialherren gestohlen und von Jahrhundert zu Jahrhundert weitergereicht wird, bis es schließlich in einem Katalog des Berliner Museumsbetriebs von heute wieder auftaucht.

Außergewöhnlich ist die Fähigkeit Sharon Dodua Otoos, diese einzelnen Geschichten ineinanderfließen zu lassen und aus ihnen einen stimmigen und trotz all des experimentellen Charakters der Erzählstimmen süffigen und überaus spannenden Roman zu machen. Dabei entwickelt der Text an vielen Stellen eine sehr feine Ironie. So gibt es hier neben der ständig die Gestalt verändernden Erzählstimme, die auch mal als vor sich hin schimpfende Brise durch die Weltgeschichte segelt, einen Gott mit Rauschebart, der bei seinen kurzen Auftritten fleißig berlinert.

»Adas Raum« ist aber vor allem eine vielstimmige Erzählung über die Unterdrückung von Frauen und People of Color, deren Kämpfe, egal ob im Londoner Arbeiterviertel oder im bürgerlichen Haushalt, an der westafrikanischen Küste oder im Albtraum eines deutschen Konzentrationslagers, über die Jahrhunderte in dieser Geschichte miteinander in einen Kontext gestellt werden.

Gleichzeitig eröffnet das Buch den Blick auf eine globale Perspektive im Stil eines Generationenromans, der sich aber einer herkömmlichen Kategorisierung entzieht und nicht von einer oder mehreren Familien erzählt, sondern von den immer noch nicht zu Ende geführten Kämpfen gegen Herrschaftssysteme, die durch die Jahrhunderte ebenso fortdauern und sich verändern wie die Praktiken des Widerstandes gegen sie.

Dabei wird etwa der kleingeistige Rassismus eines Berliner Hipsters, der bei einer Wohnungsbesichtigung Ada und ihre Schwester mit stereotypen Belanglosigkeiten über Ghana nervt, der mörderischen Gewalt von Ada Lovelaces Ehemann nicht einfach plump gegenübergestellt. Die außergewöhnliche literarische Fähigkeit von Sharon Dodua Otoo besteht darin, diese unterschiedlichen Fäden miteinander zu verknüpfen, in ein Spannungsfeld zu setzen und daraus einen komplexen und bis in die kleinen Details stimmigen Roman zu komponieren, der zum Besten gehört, was diesen Frühling an deutschsprachiger Literatur veröffentlicht wird.

Sharon Dodua Otoo: Adas Raum. Fischer, 320 S., geb., 22 €.

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