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Hallo, uns gibt es übrigens auch

Die Dramatikerin Esther Becker über ihren Debütroman »Wie die Gorillas«, weibliche Körper und Solidarität

  • Von Marit Hofmann
  • Lesedauer: 5 Min.
Kein Sich-Verstecken mehr: Autorinnen wie Esther Becker widmen sich vermehrt dem Thema des weiblichen Coming-of-Age.
Kein Sich-Verstecken mehr: Autorinnen wie Esther Becker widmen sich vermehrt dem Thema des weiblichen Coming-of-Age.

In Ihrem Coming-of-age-Roman arbeiten Sie die Absurdität weiblicher Standardsituationen heraus: Scham über Menstruation, Risiken der Verhütung, sexuelle Belästigung, Zurichtung des Körpers nach dem Fitness- und Modediktat. Die Protagonistin bleibt namenlos. Soll das dazu beitragen, dass sich jede Frau mit ihr identifizieren kann?

Ja, wenn da so ein Ich steht, könnte das erst mal jede sein. Außerdem habe ich generell eine Scheu, meinen Figuren Namen zu geben. Svenja und Olga, die Freundinnen der Erzählerin, sind die Einzigen, bei denen ich mich zu Figurennamen durchgerungen habe.

Zwar leidet die Erzählerin unter der Erfahrung der Vereinzelung und es gibt Tabuthemen, aber die Freundschaft mit den beiden anderen lässt bereits in der Pubertät utopische Momente der Solidarität, der Lust und der kollektiven Freiheit aufscheinen. Sie erklären aber kaum, wie diese für dieses Alter unwahrscheinliche Nähe entstanden ist, die mich geradezu neidisch macht.

Obwohl alles in einem Ton erzählt ist, der nicht nur depressing ist, passiert so viel Niederschmetterndes, da musste etwas Utopisches hinein, damit es sich nicht erschöpft. Ich bin selbst neidisch auf dieses Dreiergespann. Ich hätte das auch gern gehabt: diese Solidarität und das Aushalten des Andersseins, das in der normierten Welt der Erwachsenen nicht funktioniert.

Zu meinen Lieblingsstellen gehören die, in denen die drei sehr unterschiedlichen Mädchen zusammen frei sind: wie sie mit in Wodka getränkten Tampons experimentieren oder mit abgebundenen Brüsten »wie die Gorillas« durch die Straßen laufen. Da ist durchaus kriminelle Energie dabei, die zum Protest und zum Handeln führen kann. Es geht um Stärke, Widerstand, Kreativität.

Auch in Paula Irmschlers Roman »Superbusen« fällt der beneidenswerte Zusammenhalt der jungen Protagonistinnen auf, die politisches Bewusstsein haben und eine Band gründen. Sind es zurzeit eher Autorinnen, die das Thema Solidarität behandeln und einen empowernden Anspruch an Literatur haben?

Das ist gut möglich. Frauen* und andere marginalisierte Personen melden sich nun zu Wort: »Hallo, uns gibt’s übrigens auch! Das, was wir zu sagen haben, ist auch Literatur, nicht nur, was weiße Männer zu sagen haben.« Diese Stimmen waren immer da, finden jetzt aber etwas mehr Gehör. Für diese Personengruppen ist Solidarität das Einzige, was hilft: sich bewusst zu machen, dass das gefühlte Einzelschicksal gar keins ist. Es geht um Strukturen - und wenn wir uns zusammenschließen, können wir auch was verändern.

In der gehobenen Literatur gilt so etwas wie eine Botschaft als verpönt. Ist es auch an der Zeit, dieses Literaturverständnis zu hinterfragen?

Bei dem Begriff Botschaft gehen bei mir die Alarmglocken an, ich wehre mich gegen die Idee eines pädagogischen Anspruchs. Wobei Literatur ja auf eine Art immer eine Botschaft hat, nämlich: Das ist erzählenswert, solche Leben sind wichtig und interessant. In meinem Buch kommt Stephen King vor, der beim Schreiben seines Horror-Klassikers »Carrie« Angst hatte, »dass sich niemand für die Probleme menstruierender Mädchen interessiere«. Insofern wäre die »Wie die Gorillas«-Botschaft: Doch, doch, auch diese Themen und Perspektiven sind erzählenswert. Da gilt es, das bestehende Literaturverständnis zu erweitern.

Darf man den »Körperroman«, so Ihr Arbeitstitel, wie das Video, das die Protagonistin am Ende dreht, als feministische Antwort auf das männlich geprägte Körpergenre verstehen, speziell auf die Dämonisierung des Weiblichen, etwa in der Verfilmung von »Carrie«, mit der sich die Protagonistin exzessiv befasst?

Da sage ich: Ja! Ich setze mich damit auseinander, wie von weiblichen Körpern erzählt werden kann, außerhalb der Genres Horror, Porno oder Melodram.

Am Ende wird die ambitionslose Protagonistin zur Regisseurin ihres Lebens, ein vorher unvermittelt auftauchender ressentimentgeladener Refrain entpuppt sich als Videokunst, die die Erzählerin zusammen mit ihrer Freundin realisiert. Gibt es da eine Nähe zu Ihrer Arbeit im Performancekollektiv bigNotwendigkeit?

Ja, ich mag das Arbeiten mit Menschen, die man sich selber aussucht, wo man ganz andere Freiheiten hat, mehr mitbestimmen kann und den herkömmlichen Hierarchien und Arbeitsbedingungen ausweicht. Dieses Selbermachen und Sich-die-Strukturen-Schaffen, in denen man arbeiten möchte, wenn man merkt, die vorhandenen funktionieren nicht, das beschäftigt mich.

Haben Sie Ihren früheren Job als Schauspielerin - wie die Freundin der Protagonistin - wegen sexistischer Erfahrungen und hierarchischer Strukturen am Theater aufgegeben?

Ich wünschte mir, ich hätte auch so einen starken Abgang hingelegt wie Svenja. Bei mir hat sich der Abschied von der Schauspielerei eher organisch ergeben, weil ich da schon angefangen hatte zu schreiben und mir aufging: Ich muss gar nicht auf der Bühne Geschichten von anderen erzählen, die ich unter Umständen gar nicht gut finde. Ich kann mich an den Schreibtisch setzen und meine eigenen erfinden. Aber dadurch, dass der Theaterbetrieb so elitär ist und es so schwierig war, da als Schauspielerin reinzukommen, hat es bei mir etwas gedauert, bis ich auf die Idee kam, dass ich trotzdem einfach aufhören kann. Aus dieser Zeit habe ich viel Material zu Sexismus in der Branche, aus dem ich für den Roman schöpfen konnte.

Ihr sparsamer szenischer Stil lässt vermuten, dass Sie auf eine aktive Leserin setzen.

Ja, man muss schon ein bisschen Lust haben mitzumachen. Wobei man das Buch auch schnell lesen kann und nicht völlig verwirrt zurückbleibt. Aber es ist mosaikartig gebaut, und ich lege gern Fährten aus - da hoffe ich, es macht auch Spaß, sie zu entdecken.

Haben es Mädchen in heutigen Social-Media-Zeiten leichter oder schwerer?

Einerseits ist das Internet ein Raum, in dem man sich solidarisieren und mit Gleichgesinnten austauschen kann und Zugang zu Informationen bekommt. Andererseits gibt es durch Instagram und so weiter einen noch krasseren Körperkult. Das ständige Sich-Inszenieren und -Vergleichen - Bin ich okay, bin ich normal? - findet jetzt auf einer ganz anderen Ebene statt. Die Grundproblematik, dass Frauenkörper reglementiert und bewertet werden, ist geblieben, fürchte ich.

Esther Becker: Wie die Gorillas. Verbrecher-Verlag, geb., 160 S., 19 €.

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