Kliniken in der dritten Welle

Laut der Krankenkasse AOK läuft noch nicht alles gut bei der Versorgung von Covid-19-Patienten

  • Von Kurt Stenger
  • Lesedauer: 4 Min.
Blick in die Intensivstation des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart
Blick in die Intensivstation des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart
Blick in die Intensivstation des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart
Blick in die Intensivstation des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart

Nicht nur im Pandemiemanagement von Bund und Ländern werden die Rufe nach mehr Zentralisierung lauter - auch im Gesundheitswesen, speziell der stationären Versorgung von Covid-19-Patienten, geschieht dies: »Es braucht gerade in der Krise mehr Zentralisierung und Spezialisierung«, sagte der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, am Dienstag bei der Vorstellung einer Studie zur Lage in den Krankenhäusern. Dies habe zwar schon stattgefunden, aber es gebe »noch ausreichend Luft nach oben«. Auch unter dem Gesichtspunkt der Patientensicherheit sei die Zentralisierung von Leistungen sinnvoll.

Das Wissenschaftliche Institut der AOK (Wido) hat die Behandlungsdaten der Kliniken im Coronajahr 2020 genauer unter die Lupe genommen. Demnach hat etwa die Hälfte der Krankenhäuser 86 Prozent der Covid-19-Fälle behandelt. Die übrigen Fälle verteilten sich auf »viele Krankenhäuser mit oftmals sehr kleinen Fallzahlen, die nicht unbedingt optimal für die Versorgung dieser schweren Erkrankung ausgerüstet sind«, wie Litsch ausführte. Die AOK schlägt deshalb zentral gesteuerte Stufenpläne vor, laut denen Covid-19-Patienten nicht ins nächstgelegene Krankenhaus, sondern in das für die Versorgung am besten geeignete verlegt werden, solange es dort freie Kapazitäten gibt. Laut dem AOK-Chef sind dies vor allem die Unikliniken und die Maximalversorger. Ähnliches werde bisher lediglich in Hessen und Berlin praktiziert.

Krankenkassen stehen an der Schnittstelle zwischen Bestversorgung ihrer Beitragszahler und Kosteneffizienz von Kliniken, einem extrem heiklen Thema in der Pandemie, wo Geld kaum eine Rolle spielen soll. Die AOK bemängelt aber, dass eine »Flatrate« für das Bereithalten von Betten für Corona-Patienten im Umfang von zehn Milliarden Euro im Jahr 2020 wie ein Fehlanreiz gewirkt habe, da auch Krankenhäuser bedacht wurden, die nie einen Covid-Patienten aufnahmen. Etwa in der Psychiatrie brachte die Pauschale laut AOK doppelt so viel ein wie ein belegtes Bett. Kassenchef Litsch stellt die Freihaltepauschale zwar nicht generell infrage, möchte sie aber auf die geeigneten Kliniken beschränken. Ferner kritisiert er das Vorhaben des Bundesgesundheitsministeriums für das laufende Jahr, den Kliniken 98 Prozent der Einnahmen von 2019 aus den Beitragszahlungen zu garantieren. Dabei wurden im ersten Coronajahr 13 Prozent weniger Fälle behandelt.

Ob Fehlanreize letztlich zu einer Unterversorgung der Patienten führten, will die AOK nicht direkt sagen. Doch Fakt ist laut den Wido-Zahlen, dass andere Krankenhausbehandlungen als Covid-19 in den Zeiten mit starkem Infektionsgeschehen zurückgegangen sind. Bei Herzinfarkten gab es in der Zeit zwischen Oktober 2020 und Januar 2021 einen Rückgang um 13 Prozent und damit fast genauso stark wie in der ersten Pandemiewelle (minus 16 Prozent zwischen März und Mai 2020). Ähnlich sah es bei Schlaganfall-Behandlungen aus. »Diese erneuten Einbrüche sind Anlass zur Sorge, zumal wir in einer früheren Auswertung für den Qualitätsmonitor 2020 in der ersten Pandemiewelle bereits eine signifikante Steigerung der Sterblichkeit bei den Schlaganfall-Patienten festgestellt haben«, erläuterte Wido-Geschäftsführer Jürgen Klauber. Er appellierte an Betroffene, auch bei schwachen Symptomen den Notruf zu kontaktieren.

Jenseits der Notfälle gibt es einen anderen Trend: In der zweiten Welle gingen die gesamten Behandlungszahlen weniger stark zurück als noch in der ersten. Dies spricht dafür, dass die Krankenhäuser weniger Operationen absagen müssen und generell besser mit den Herausforderungen der Pandemie klarkommen als vor einem Jahr. Das gilt auch für den Umgang mit Covid-19 selbst; 59 000 Fälle gab es unter den 20 Millionen AOK-Versicherten im Jahr 2020. Auch die Mediziner haben seit dem Schock der ersten Welle dazugelernt: Laut Klauber gibt es eine verbesserte medikamentöse Behandlung der Patienten mit entzündungshemmenden und inzwischen auch mit blutverdünnenden Medikamenten, die anfangs kaum im Blick waren. Auch deshalb geht die Sterblichkeitsrate zurück, außer bei beatmeten Patienten. Dennoch: 18 Prozent der Covid-19-Patienten sind während des Krankenhausaufenthaltes 2020 verstorben. Ebenfalls verändert hat sich inzwischen auch das Beatmungsverfahren. Wurden in der ersten Welle noch 74 Prozent invasiv beatmet, für die Betroffenen extrem unangenehm, waren es im Winter 2020/21 noch 39 Prozent.

Auch die Impfkampagnen werden sich auf die Krankenhäuser auswirken, aber anders als gedacht. Ältere Patienten ab 80, die zunehmend immunisiert werden, blieben kürzer im Krankenhaus und wurden seltener beatmet. Dagegen werden die 50- bis 70-Jährigen häufiger beatmetet und bleiben deutlich länger im Krankenhaus, im Schnitt 16 Tage. »Die Zahlen verdeutlichen, dass sich die Intensivstationen angesichts steigender Infektionszahlen schnell mit Menschen mittleren Alters füllen können, die noch nicht geimpft sind«, warnt Klauber.

Insofern teilt die größte deutsche Krankenkasse die Befürchtungen der Intensivmedizinervereinigung DIVI, die seit Tagen vor einer drohenden Überlastung der Krankenhäuser warnt. Bisher sei das deutsche Gesundheitssystem nicht überfordert worden, heißt es bei der größten deutschen Krankenkasse. Engpässe habe es nur kurzzeitig in einzelnen Regionen gegeben. Doch angesichts höherer Zahlen und längerer Verweildauer sagt AOK-Chef Litsch, er sei »sehr besogt, was in der dritten Welle entsteht«.

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