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Astrazeneca nur noch für Menschen ab 60 Jahren

Erst sollte der Impfstoff vor allem bei Jüngeren eingesetzt werden - nach Thrombosefällen erneute Kehrtwende

  • Lesedauer: 4 Min.
Thrombosen: Astrazeneca nur noch für Menschen ab 60 Jahren

Berlin. Bund und Länder drücken bei den Impfungen mit Astrazeneca vorsorglich auf die Bremse: Ab heute sollen in Deutschland nur noch Menschen über 60 Jahren uneingeschränkt das Präparat gespritzt bekommen - außer Jüngere wollen es nach Klärung mit dem Arzt auf eigenes Risiko.

Das beschlossen die Gesundheitsminister von Bund und Ländern am Dienstagabend. Hintergrund sind Fälle von Blutgerinnseln (Thrombosen) in Hirnvenen. Die Änderungen bei den Impfplanungen und Auswirkungen auf das Impftempo wollen Bund, Länder und Kommunen nun gemeinsam klären. Erst Mitte März waren Astrazeneca-Impfungen nach einer mehrtägigen Impfpause und neuen Überprüfungen wieder angelaufen.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte bereits vor Bekanntwerden des teilweise Impfstopps erklärt: «Irgendwann wird man bei Astrazeneca speziell mit sehr viel Freiheit operieren müssen und sagen müssen: Wer will und wer es sich traut quasi, der soll auch die Möglichkeit haben», sagte der CSU-Chef. Astrazeneca funktioniere nicht so, wie die meisten gehofft hätten, sagte Söder. «Bei Astrazeneca ist ja jeden Tag irgendein neues Problem zu erwarten. Und das spürt man auch ehrlicherweise in der Wahrnehmung draußen», betonte er.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bekräftigen am Abend das Ziel, bis Ende des Sommers allen Bürgern ein Impfangebot zu machen. Spahn appellierte gleichwohl an alle 60-Jährigen, das Impfangebot auch wahrzunehmen. Der Impfstoff sei sehr wirksam, gerade auch bei Älteren. Auch dass verschiedene Impfstoffe zur Verfügung stünden, sei ein großes Glück, sagte Merkel. Zu ihrer Impfung mit dem Präparat von Astrazeneca sagte die Kanzlerin: «Wenn ich dran bin, lass' ich mich impfen, auch mit Astrazeneca».

Thrombose vs. Thrombose. Nach dem Stopp der Astrazeneca-Impfungen werden angebliche Nebenwirkungen des Mittels heiß diskutiert

In dem der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Beschluss der Gesundheitsminister heißt es, die Länder sollen nun auch schon 60- bis 69-Jährige für das Mittel von Astrazeneca mit in ihre Impfkampagnen einbeziehen können. «Dies gibt die Möglichkeit, diese besonders gefährdete und zahlenmäßig große Altersgruppe angesichts der wachsenden 3. Welle nun schneller zu impfen.» Derzeit laufen generell Impfungen in den ersten beiden Prioritätsgruppen, zu denen - bezogen auf das Lebensalter - Menschen ab 70 Jahre gehören. Wenn Menschen unter 60 sich für Astrazeneca entscheiden, sollen diese Impfungen grundsätzlich in den Praxen der niedergelassenen Ärzte erfolgen.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zeigte sich am Abend optimistisch, dass die die Entscheidung keine großen Auswirkungen auf die Impfkampagne in Deutschland haben wird. «Wir werden eine kleine Delle haben von ein paar Tagen, wo es Verwirrung gibt, aber dann wird das Impftempo wieder voll anziehen», sagte Lauterbach in den ARD-«Tagesthemen». Generell überwiege bei über 60-Jährigen der Nutzen über möglichen Risiken. «Es ist ein sehr guter Impfstoff, den ich weiter empfehlen kann», sagte Lauterbach. Die Entscheidung der Bundesregierung sei aber richtig gewesen. Man müsse auf die neuen Daten reagieren, denn «das ist keine Kleinigkeit, über die wir hier reden.»

FDP-Generalsekretär Volker Wissing kritisierte derweil das Krisenmanagement der Regierung: «Dieses sprunghafte, dass die Bundesregierung an den Tag legt, führt zu Vertrauensverlust. Wir verlieren Zeit, wir zerstören das Vertrauen in die Impfung, sagte Wissing bei »Bild live« am Dienstagabend. Es sei »mehr als erklärungsbedürftig«, dass der Impfstoff »erst für Jüngere, dann für Ältere, dann wieder mit Risiko und plötzlich nur für Ältere« sicher sei. Die Verunsicherung nehme von Tag zu Tag zu.

Grundlage für die Entscheidung der Gesundheitsminister von Bund und Ländern war eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko), die auf derzeit verfügbare Daten zum Auftreten »seltener, aber sehr schwerer thromboembolischer Nebenwirkungen« basiere. Diese seien 4 bis 16 Tage nach der Impfung ganz überwiegend bei Personen im Alter unter 60 Jahren aufgetreten. In Deutschland sind bisher 31 Fälle solcher Blutgerinnsel nach Impfungen mit Astrazeneca bekannt, wie das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) berichtete.

Die Auswirkungen der geänderten Empfehlung sind nach Angaben des Vorsitzenden der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, schwer abzusehen. »Es kann sein, dass dadurch Vertrauen schwindet«, sagte Mertens den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Mittwoch). Es könne aber auch das Gegenteil bewirken. In jedem Fall habe die Kontrollfunktion des Paul-Ehrlich-Instituts gut funktioniert. »Sie haben mehr als 30 besorgniserregende Fälle registriert, es wurde intensiv geprüft und Alarm geschlagen, und jetzt reagiert man darauf. Das sollte eigentlich vertrauensbildend sein.«

Zur Zweitimpfung von Menschen, die bereits die erste Dosis Astrazeneca erhalten haben, will die Stiko bis Ende April eine Empfehlung abgeben. Nach dem Beschluss von Bund und Ländern könnten aber Menschen unter 60, die schon die erste Dosis Astrazeneca erhielten, bereits davor die Zweitimpfung von Astrazeneca bekommen - nach Rücksprache mit dem Arzt. Laut Impfquotenmonitoring des Robert-Koch-Instituts (RKI) wurden bisher rund 2,7 Millionen Erstimpfungen gemacht, aber vorerst nur 767 Zweitimpfungen. dpa/nd

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