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Unvorbereitet in den Titelkampf

Dem FC Bayern fehlt der Beste, RB Leipzig stimmt seine Nationalspieler virtuell auf das Spitzenduell ein

  • Von Ullrich Kroemer, Leipzig
  • Lesedauer: 4 Min.
FC Bayern: Unvorbereitet in den Titelkampf

Dass der Fußballzwerg Andorra einen Einfluss auf den Ausgang der Deutschen Meisterschaft haben könnte, war vor einigen Tagen auch noch nicht abzusehen. Doch weil Albert Alavedra Jimenez vom spanischen Drittligisten Pobla de Mafumet im Qualifikationsspiel zur WM 2022 zwischen Polen und dem 75 000 Einwohner zählenden Zwergstaat seinem Gegenspieler Robert Lewandowski unglücklich aufs Knie fiel, fehlt der nun wochenlang. Auf das Titelduell zwischen RasenBallsport Leipzig und dem FC Bayern München am kommenden Sonnabend hat es natürlich erheblichen Einfluss, dass der Weltfußballer und aktuelle 35-Tore-Stürmer nicht dabei ist. Wenn man so will, treten dann beide Teams unter gleichen Voraussetzungen an, denn RB hat seit dem Abgang von Timo Werner auch keinen Wunderstürmer mehr, der auch nur annähernd so sicher zielt wie Lewandowski. Die besten Leipziger Torschützen sind drei Mittelfeldspieler mit jeweils sechs Treffern.

Doch auch über die Personalie Lewandowski hinaus hat die WM-Qualifikationsphase mit drei Länderspielen erheblichen Einfluss auf dieses Spitzenspiel in der Bundesliga. Zum einen wegen der Reise- und Spielbelastung, zum anderen wegen der Corona-Situation. Der Leipziger Linksfuß Marcel Halstenberg befindet sich derzeit nach einem Backgammonspiel beim Nationalteam mit dem infizierten Gladbacher Jonas Hofmann in Quarantäne. RB hofft noch, dass das Leipziger Gesundheitsamt den Abwehrspieler vorzeitig entlässt.

Frühestens ab Donnerstag wird sich herausstellen, ob noch weitere Spieler beider Klubs von Infektionen betroffen sind. »Ich habe schon bei der Abstellungsperiode im November gesagt, dass ich finde, dass man die Länderspiele hätte aussetzen müssen«, sagte Leipzigs Sportdirektor Markus Krösche. »Die Gefahr der Ansteckung ist bei den Nationalmannschaften durch das Zusammenkommen aus unterschiedlichen Gebieten deutlich erhöht. Neben gesundheitlichen Themen ist dadurch auch der Spielbetrieb der nationalen Ligen in dieser entscheidenden Phase der Saison gefährdet.«

Wegen der Testungen können die meisten der zwölf Leipziger Nationalspieler erst am Freitag mit der Mannschaft trainieren. Lediglich die ungarischen Nationalspieler Peter Gulacsi und Willi Orban stießen eher zum Team, weil RB eine Vereinbarung mit dem ungarischen Verband getroffen hatte, laut der das routinierte Duo eher abreisen durfte. Eine normale Vorbereitung ist so nicht möglich, nicht einmal ein scharfes Abschlusstraining Elf gegen Elf wird es wegen der zu hohen Belastung geben. Doch das geht dem FC Bayern genauso. »Wir haben nun seit fast einem Jahr diesen engen Spielplan und kennen die Situation aus den vorherigen Länderspielpausen«, sagte Krösche auf Anfrage. »Die Lage ist für alle Klubs gleich, die haben wir nicht exklusiv. Sicherlich hätten alle Teams gern die eine oder andere gemeinsame Einheit mehr, aber wir nehmen die Situation so, wie sie ist und freuen uns einfach auf das Spiel gegen den FC Bayern.«

Trainer Julian Nagelsmann vertritt eh die bayrische Devise: »Scheiß’ dir nix, dann fehlt dir nix!« Heißt übersetzt: Kümmere dich nur um die Dinge, die du beeinflussen kannst. Die Leipziger Nationalspieler werden vom Verein seit Tagen via App mit Vorbereitungsinformationen und -videos versorgt, um sie virtuell einzustimmen. Nagelsmann analysierte auch im kurzen Heimaturlaub in der bayerischen Heimat zahlreiche Spiele der Münchner, um Schwachpunkte herauszufiltern. Einen konkreten Matchplan bekommt das Team dann am Freitag oder gar erst Sonnabend direkt vor dem Spiel an die Hand.

Wer spielen wird, hängt auch vom Grad der Regeneration ab. Beste Einsatzchancen bei RB haben somit ausgeruhte Profis wie Tyler Adams, Amadou Haidara und Hee-chan Hwang. Die nichteuropäischen Nationalspieler hatten wegen der Quarantänebestimmungen für Virusmutationsgebiete in Leipzig bleiben müssen. So lautet die Frage für beide Trainer auf vielen Positionen nicht, wer der Beste für einen Einsatz ist, sondern wer überhaupt noch kann und zur Verfügung steht. Bei RB sind neben dem gesperrten Kevin Kampl die angeschlagenen Dayot Upamecano und Angeliño fraglich. Bei den Münchnern fehlt neben Lewandowski mit Jerome Boateng und Niklas Süle sowie dem gesperrten Alphonso Davies nahezu die komplette Abwehr. Personell gehen die Leipziger so vielleicht mit einem leichten Vorteil in die Partie, weil weniger Stammspieler als beim FC Bayern unterwegs waren oder ausfallen. Die Franzosen Christopher Nkunku oder Nordi Mukiele etwa sind keine Nationalspieler und konnten sich so optimal auf die Partie vorbereiten.

Doch die Länderspiele haben nicht nur negative Aspekte. Mit Selbstvertrauen kommen die Leipziger Dani Olmo und Alexander Sörloth zurück, die für ihre Nationalteams aus Spanien und Norwegen Tore erzielten. Die Münchner Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Serge Gnabry und Leroy Sané wirbelten sogar gemeinsam im deutschen Nationaltrikot und konnten weiter an ihrer Abstimmung feilen. Wenn alles normal läuft, ist allein die Qualität dieses Quartetts so gut, dass RB kein Sieg gegen den Rekordmeister gelingen dürfte - trotz des ungewollten Eingriffs aus Andorra in den Titelkampf der Bundesliga. Drei Punkte im direkten Duell sind für die Leipziger angesichts von vier Zählern Rückstand fast schon Pflicht.

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