Einen Irrtum von der Apokalypse entfernt

Seit gut einem Dreivierteljahrhundert gibt es Atomwaffen - und keine Garantie dafür, dass die Bomben in den Arsenalen bleiben

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 4 Min.

Der 13. Januar 2018 war ein Samstag. Auf Hawaii stiegen die Temperaturen auf über 25 Grad, das Meer lockte, im 50. Bundesstaat der USA war Erholung angesagt. Plötzlich meldete sich per SMS das örtliche Notfallsystem und warnte vor einem unmittelbar bevorstehenden Raketenangriff. »Dies ist keine Übung«, hieß es auch in einem Textlaufband, das ins aktuelle TV-Programm eingeblendet wurde. Die Einwohner des Archipels wurden aufgefordert, sich rasch in Sicherheit zu bringen. Angst und Schrecken verbreiteten sich, jedermann fragte sich: Hat es Kim wirklich gewagt?

»Wenn US-Imperialisten sich nur einen Zentimeter auf uns zu bewegen, werden wir sie umgehend mit Atomwaffen angreifen«, war bereits zwei Jahre zuvor in einem nordkoreanischen Propagandavideo verkündet worden. Gezeigt wurde die Animation eines Raketeneinschlags in Washington. Das Lincoln-Monument und das Capitol versanken in Schutt und Asche. Eine Atomrakete schlug vor dem Lincoln-Denkmal in der US-Hauptstadt Washington ein. Nun also Hawaii? Oder warnte die US-Regierung ihre Bevölkerung nur vor einem nuklearen Gegenschlag Nordkoreas, weil sie selbst - wie mehrfach gedroht - den kleinen asiatischen Widersacher von der Landkarte wegbomben wollte?

Keines der Gerüchte stimmte. Nach 38 Minuten kam per SMS sowie via Twitter und Facebook die Entwarnung: »Keine Raketenbedrohung für Hawaii«, lautete die erneute Botschaft. Was war geschehen? Ein Mitarbeiter des Katastrophenschutzes hatte versehentlich einen falschen Knopf gedrückt, erklärte die Behörde später. Da der Mann aber die von ihm ausgelöste Alarmnachricht auch selbst auf seinem Handy empfing, bemerkte er den Fehler schnell und leitete die Rücknahme der falschen Nachricht ein.

Das Ereignis geriet rasch in Vergessenheit. So wie die meisten der über 50 Fehlalarme, Unfälle oder Beinahe-Katastrophen seit Mitte der 1950er Jahre. In der Zeit sind nach Angaben US-amerikanischer Forscher auch um die 50 Atomwaffen »verschwunden«. Bomber verloren sie bei Routineflügen, U-Boote versanken in den Weiten der Ozeane. Hinzu kommen Vorfälle, die alles andere als harmlos sind. Mehrfach verloren Teams der US Air Force ihre Befugnis zum Abschuss von Interkontinentalraketen, nachdem sie beim Konsum von Ecstasy oder anderen Rauschmitteln erwischt worden waren.

»Unangemessenes Verhalten« wurde bis in die Spitzen der strategischen US-Streitkräfte bemerkt. So wurde Generalmajor Michael Carey im Juli 2013 nach seiner Teilnahme an einer bilateralen Arbeitsgruppe in Moskau, bei der es um nukleare Sicherheit ging, als Kommandant des Programms für Interkontinentalraketen entlassen. Grund: Der General sprach nicht nur übermäßig dem Alkohol zu, sondern er näherte sich auch gern »gewissen Frauen« und dirigierte eine Hotelband. Das erinnert an den früheren russischen Staatschef Boris Jelzin, der im Mai 2008 betrunken die Leitung eines Berliner Polizeiorchesters übernahm und einem Kinderchor »Kalinka« beibrachte. Ausgerechnet er war damals auch Herr über einen speziellen Koffer, mit dessen Hilfe er die Welt ins Inferno stürzen konnte.

Fälle wie diese wurden fast ausschließlich aus den USA und der Sowjetunion sowie deren russischem Nachfolgestaat bekannt. Doch das bedeutet keineswegs, dass es solche Pannen nicht auch in den anderen Atomwaffenstaaten China, Großbritannien, Frankreich, Israel, Indien, Pakistan oder Nordkorea gab und gibt.

Künftig könnten weitere Länder in den Club der potenziellen Weltvernichter eintreten. Iran zum Beispiel. Denn so gut die Idee hinter dem 1970 von den USA und der Sowjetunion initiierten Atomwaffensperrvertrag war: Er verhinderte keineswegs die Weitergabe von Materialien, Technologien und Know-how zur militärischen Nutzung der Kernenergie. Höchst ungenügend erfüllte sich auch der gemeinsame Wunsch nach nuklearer Abrüstung. Gekündigte Verträge wie der zur Begrenzung der bodengestützten Mittelstreckenraketen in Europa sowie neue Antriebstechniken, mit deren Hilfe Atomsprengköpfe noch sicherer gelenkt werden können, haben die Welt noch unsicherer gemacht.

Es gibt Experten, die haben kein Zutrauen mehr in die Kraft der Diplomatie. Sie vertrauen eher der künstlichen als der menschlichen Intelligenz. Doch sind »denkende Maschinen« wirklich die bessere Lösung? Ist ihr »Wille zum Lernen« nicht womöglich auch geeignet, beim jeweiligen Gegner neue Schwachstellen zu finden, die einen Atomkrieg wieder führbar erscheinen lassen? Und welche Rechte hat dann der Mensch, um dem automatisierten Wahnsinn Einhalt zu gebieten? Der Katastrophenschützer auf Hawaii hatte wenigstens die Chance, seinen Fehler auf dem eigenen Handy zu bemerken. Und bisher gab es noch immer einen Zögerer, der Satellitenanalysen misstraute, laut denen ein Raketenangriff bereits laufe.

Trotz aller neu in die Waffen eingebauten Sicherungen: Bleibt nur ein Prozent Risiko, dass ein Fehler unbemerkt bleibt und so der exakt geplante Vernichtungsmechanismus in Gang gesetzt wird, dann reicht ein einziger solcher Fehler, um das Leben auf der Erde in wenigen Minuten auszulöschen. Nicht von ungefähr werben deshalb Wissenschaftler in vielen Nationen dafür, dass man den Kampf um den Erhalt des Klimas immer auch verbinden sollte mit dem Streiten für nukleare Abrüstung. Und das nicht nur zu Ostern.

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