Zivilisten in Mali bei Luftangriff getötet

UN-Bericht erhebt schwere Anschuldigungen gegen Frankreichs Militär

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Inspekteure der UN-Mission für die Stabilisierung Malis (Minusma) sind überzeugt: Bei einem französischen Luftangriff in Mali Anfang Januar sind 19 Zivilisten getötet worden. Das steht in dem am Montag veröffentlichten Bericht der Vereinten Nationen. Die 15 Inspektoren wurden durch zwei Kriminaltechniker der UNO begleitet und durch Soldaten der in Mali stationierten »Blauhelme« geschützt.

Bei den Opfern habe es sich um Gäste einer Hochzeit in dem 600 Kilometer östlich der Hauptstadt Bamako gelegenen Dorf Bounti gehandelt. Von den 22 Toten waren 19 Zivilisten und nur drei gehörten der Islamistenorganisation Katiba Serma, einer Untergliederung der »Jama’a Nusrat al-Islam wa al-Muslimin« (JNIM - Streitmacht für den Islam und die Muslime) an. Die Opfer im Alter zwischen 23 und 71 Jahren waren durchweg Männer, denn zum Zeitpunkt des Angriffs hatten sich die Frauen und Kinder entsprechend den Gebräuchen abseits versammelt. Mindestens acht weitere Personen wurden verletzt. Das ermittelten die Inspekteure vor Ort durch die Anhörung von Augenzeugen. Dabei wurde allerdings eingeräumt, dass der Ort - ein Hain außerhalb der Ortschaft - für Hochzeitsfeiern ungewöhnlich war und dass es weder Musiker und Tanzende oder andere äußere Zeichen einer Feier gab.

Nach französischer Darstellung hatte die Attacke von zwei Jagdbombern der Eingreiftruppe Barkhane einer Ansammlung von islamistischen Terroristen gegolten. Die verdächtige Zusammenrottung von bewaffneten Männern auf Motorrädern sei durch Aufklärungsdrohnen signalisiert und über Tage beobachtet sowie durch ergänzende Hinweise von Vertrauenspersonen in der Region bestätigt worden. Bei dem Angriff wurden etwa zwei Dutzend Personen »neutralisiert«. Das hat das französische Verteidigungsministerium bereits im Januar erklärt und das wurde jetzt wortwörtlich wiederholt.

Gleichzeitig ließ ein Sprecher des Ministeriums Zweifel an der »Methodologie« der UN-Inspekteure und an der Glaubwürdigkeit der von ihnen angehörten Zeugen durchblicken. Die Dschihadisten verfügten über Unterstützung in der Bevölkerung, die sie zu manipulieren und dabei Stammesrivalitäten auszunutzen verstünden. Die französischen Militärs hätten die Operation »minutiös vorbereitet«, nachdem sich die »überaus robusten« Aufklärungsergebnisse »erhärtet« hätten und man sicher sein konnte, dass es sich bei den Zielpersonen wirklich um Terroristen handelte. Das bestätigte auch Verteidigungsministerin Florence Parly gegenüber den Medien und sie versicherte, es seien alle französischen und völkerrechtlichen Regeln für das Verhalten und Vorgehen in solchen Situationen eingehalten worden.

Der Zwischenfall, der von den französischen Medien von Anfang an als vermutlicher »Übergriff« (Bavure) bezeichnet wurde und seine Einordnung durch die UNO kommt für Frankreich denkbar ungelegen. Präsident Emmanuel Macron ist seit mehr als einem Jahr bemüht, das französische Engagement in der Sahelzone mit zur Zeit 5100 Militärs, das Jahr für Jahr etwa eine Milliarde Euro kostet, zurückzufahren. Darunter soll allerdings der Kampf gegen die Terroristen, die nicht zuletzt auch Europa bedrohen, nicht leiden. Darum will Paris andere EU-Länder für ein Engagement in den Ländern der Sahelzone gewinnen, hatte damit allerdings bisher wenig Erfolg. Auch die Eigenverantwortung der afrikanischen Staaten für die Sicherheit auf ihrem Territorium mahnt Macron immer wieder an. Doch an der mangelhaften Organisation der Streitkräfte dieser Länder hat sich bisher kaum etwas geändert. Andererseits wachsen die Ressentiments in der Bevölkerung den Barkhane-Truppen gegenüber. Diese antifranzösische Stimmung, die durch Vorkommnisse wie das vom 3. Januar Auftrieb bekommt, wird von einigen afrikanischen Politikern noch angefacht. Sie stellen das französische Militärengagement als Element des Neokolonialismus dar. Das geht so weit, dass angesichts des Unmuts über den nicht enden wollenden Konflikt einzelne Politiker in Mali bereits defätistisch dafür plädiert haben, den Kampf gegen die Dschihadisten einzustellen und mit ihnen Verhandlungen aufzunehmen.

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