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VW und seine Kritiker

HEISSE ZEITEN: Bisher simuliert der Autokonzern die Verkehrswende nur. Es ist Zeit, wirklich damit zu beginnen, meint Clara Thompson.

  • Von Clara Thompson
  • Lesedauer: 3 Min.
Verkehrswende: VW und seine Kritiker

Graue Betonbauten, riesige Schlote und egal, wohin man sieht, das Logo von VW. Mittendrin: Das Amtsgericht Wolfsburg. Am 23.März 2021 wurde dort gegen zwei Menschen verhandelt, die sich im August 2019 von einer Eisenbahnbrücke abseilten, um einen Zug aufzuhalten, der neue Autos aus dem VW Werk liefern sollte. Die Anklage lautete Mittäterschaft zur Nötigung. Die Verhandlung selbst dauert circa vier Stunden. Die Angeklagten waren von ihren Verteidiger*innen aufgrund von Corona-Auflagen durch Plastikschilder getrennt, sie konnten kaum miteinander kommunizieren. Das erste Angebot des Staatsanwalts, das Verfahren gegen Auflage einzustellen, lehnten die Angeklagten ab. Zwei Stunden später kam ein Angebot, das angenommen wurde: Einstellung der Anklage ohne Auflagen. Es wirkte so, als ob der Konzern so schnell wie möglich aus diesem Prozess heraus wollte.

Im Sommer 2019 war es in Wolfsburg zu einer großen Aktion unter dem Motto »Block VW« gekommen - gegen den Riesenkonzern und gegen Autos allgemein. Einige Aktivist*innen stoppten einen Zug mit Neulieferungen, andere kletterten auf den riesigen Globus in der Eingangshalle des Konzerns. Die Aktion sollte Aufmerksamkeit dafür generieren, dass Elektroautos das falsche Mittel für eine Verkehrswende sind, die vielmehr eine stärkere Betonung des öffentlichen Verkehrs beinhalten sollte.

VW reagierte verkrampft auf die Aktion. Die letztliche Anklage gegen die Aktivist*innen an der Eisenbahnbrücke kam vom Staat. Der Konzern wollte weder gegen sie klagen noch gegen jene, die die Aktion im Globus durchführten - wohl aus Angst vor schlechten Schlagzeilen über eine direkte Konfrontation. Auch das Angebot zu einem öffentlichen Gespräch lehnte der Konzern ab.

Es wird deutlich, dass der Konzern jegliche Art von Negativ-Aufmerksamkeit vermeiden wollte. Ein Blick in die Geschichte VWs lässt Gründe vermuten. Nach dem Abgasskandal von 2015 begann VW E-Autos zu bauen, um das vermeintlich umweltfreundliche Image des Konzerns wieder herzustellen. Tatsächlich sind E-Autos jedoch deutlich schwerer und in der Produktion noch rohstoffintensiver als Verbrenner. Auch andere Nachteile wie Flächenverbrauch durch Straßen und Unfalltote bleiben. Der Anschein, E-Autos seien umweltfreundlich, trügt.

Der Konzern VW entstand unter dem Naziregime, um der deutschen Wirtschaft Aufschwung zu verleihen. Tausende KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter*innen wurden dort eingesetzt. Obwohl sich VW für diesen Teil seiner Geschichte entschuldigte, kam es immer wieder zu Vorkommnissen: Trotz der Menschrechtsverletzungen während der Militärdiktatur in Brasilien ab 1964 betrieb VW sein Werk dort weiter. Auch hierfür entschuldigte sich der Konzern später. 2013 wurde ein Werk in der chinesischen Region Xingjiang eröffnet - wo Uiguren festgehalten und unterdrückt werden. Im Gegensatz zur chinesischen Polizei kommen Journalist*innen nicht in das Werk hinein. Niemand weiß genau, was dort abläuft.

Es lässt sich feststellen, dass VW sehr bemüht ist, ein Image als fortschrittlicher Konzern aufzubauen und mit seiner Geschichte von rassistischen Werbungen, CO2-Skandalen und Menschenrechtsverletzungen umzugehen. Man könnte fragen, ob es realistisch ist, etwas gegen diesen Konzern zu unternehmen. Mit 665 000 Mitarbeiter*innen und einem Absatz von 9,3 Millionen Fahrzeugen 2020 gilt VW nach Toyota als zweitgrößter Autohersteller der Welt. Mehr als jedes dritte neu zugelassene Auto in Deutschland ist von VW. Für Fehler entschuldigt sich VW - und macht sie wieder.

Aber die Aktion im Sommer 2019 in Wolfsburg zeigt, dass VW doch eine wunde Stelle hat: Der Konzern möchte sich nicht mit den Aktivist*innen auseinandersetzen, weil er weiß, dass er bei kritischer Betrachtung angreifbar ist - von der Nazi-Vergangenheit bis zur Xinjiang-Gegenwart, dem Klimawandel und der Naturzerstörung, die auch nicht durch E-Mobilität umgangen werden kann. Der Verkehr ist der einzige Sektor, in dem die Emissionen seit 1990 nicht gesunken sind. Es ist überfällig, die Verkehrswende anzugehen und auf den Bau von Straßenbahnen, Seilbahnen und Bussen zu setzen. Und was wäre passender, als dass die Verkehrswende mit VW beginnt?

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