Der Junge mit der Harmonika

Zum Tod des Antifaschisten Günter Pappenheim

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 3 Min.

Es war ziemlich laut am 14. Juli 1943 in der Maschinenhalle der Schmalkalder Werkzeugfabrik »Gebrüder Heller«. Wie immer, wenn die Arbeit in vollem Gang war. In einer Ecke, sich unbeobachtet fühlend, saßen ein paar französische Zwangsarbeiter und lauschten einem jungen Thüringer, der ihnen auf der Ziehharmonika ihre Hymne vorspielte, die »Marseillaise«. Ein Geschenk des Schlosserlehrlings an die Franzosen zu ihrem Nationalfeiertag. Heimlich, denn Kontakt zu den Zwangsarbeitern war verboten.

Die kleine Runde war doch nicht so gut versteckt. Kollegen denunzierten den noch nicht ganz 18-jährigen Lehrling Günter Pappenheim, die SS nahm ihn umgehend fest. Es folgten brutale Verhöre, Gefängnis, Arbeitslager und im Herbst schließlich die Hölle des Konzentrationslagers Buchenwald. Dort wurde er zur Häftlingsnummer 22.514 und musste in der Waffenproduktion arbeiten.

Pappenheim hatte schon in der Schule den Hitlergruß und den Dienst in der Hitlerjugend verweigert. Seine Eltern – der Vater ein sozialdemokratischer Funktionär, der 1934 von Faschisten ermordet wurde; auch die Mutter Mitglied der SPD und in der Frauenbewegung aktiv – hatten ihn so erzogen. Im KZ Buchenwald manipulierte er gemeinsam mit Kameraden die Gewehre, die sie für den Krieg herstellen sollten, und machten viele davon unbrauchbar. Als die SS den Saboteuren auf die Spur kommen wollte, steckten ihn alte Freunde seines Vaters in die Krankenstation und entzogen ihn so dem Zugriff der Folterer.

Als das Konzentrationslager befreit wurde, war Pappenheim gerade 19. Die beiden Jahre in Buchenwald prägten ihn fürs Leben. Gemeinsam mit mehr als 20.000 Überlebenden sprach er am 19. April 1945 den Schwur von Buchenwald: Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln, Schaffung einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit.

In dieser neuen Welt fasste Pappenheim erst nach und nach Fuß. Er brauchte einige Zeit, seinen Platz zu finden, arbeitete als Pförtner, Hausmeister, Heizer und Telefonist, studierte dann. Es folgten Funktionen in FDJ und SED; ein paar Jahre war er Vorsitzender des Rates des Bezirks Potsdam. Auch in der Antifaschisten-Organisation VVN war er aktiv. Der Schwur von Buchenwald, dieses »Nie wieder«, blieb sein Credo, über sein Berufsleben hinaus. Pappenheim war Vorsitzender der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora, Vizepräsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Mitglied des Ehrenpräsidiums der Internationale Föderation der Widerstandskämpfer.

Nach der deutsche Vereinigung fand sein politischer Einsatz im Ausland früher Anerkennung als in der Heimat. 2017 ernannte ihn der französische Staat zum Ritter der Ehrenlegion. Erst kürzlich, am 1. März dieses Jahres, verlieh ihm die Stadt Weimar, in deren Nähe die KZ-Gedenkstätte Buchenwald liegt, die Ehrenbürgerschaft.

Der Schwur von Buchenwald erfüllte sich bis in Pappenheims hohes Alter nicht vollständig. »Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht. Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel« - die Wirklichkeit ist noch weit davon entfernt. »Wichtig für mich und andere Buchenwalder«, sagte Pappenheim vor Jahren im nd-Interview, »ist die Gewissheit, dass junge Leute unseren Schwur aufgreifen und fortführen.« Am 31. März ist Günter Pappenheim im Alter von 96 Jahren gestorben.

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