Stockende Mega-Impfkampagne

Indien stoppt wegen des US-Nationalismus seine Ausfuhren. Jede Dosis wird nun zu Hause gebraucht

  • Von Thomas Berger
  • Lesedauer: 4 Min.
Im Gesundheitszentrum Dharavi in Mumbai kann sich nach der Covid-Impfung noch an einem eigens eingerichteten Selfie-Point fotografieren lassen.
Im Gesundheitszentrum Dharavi in Mumbai kann sich nach der Covid-Impfung noch an einem eigens eingerichteten Selfie-Point fotografieren lassen.

Es sind düstere Nachrichten, die vor einigen Tagen aus Delhi kamen: Auch Indien, das neben seinen Beiträgen für die Covax-Initiative noch mit einem eigenen Programm zur Hilfe gerade für die Nachbarstaaten ein klares Zeichen der Solidarität gesetzt hatte, ist momentan ins Lager des Impfnationalismus gewechselt. Die Gründe dafür sind vielfältig: Die in etwa einem Viertel der 28 Unionsstaaten grassierende dritte Corona-Welle erfordert eine Verstärkung der eigenen Impfkampagne. Gleichzeitig leiden die Produzenten der Vakzine unter Engpässen bei der Zulieferung wichtiger Komponenten. Da dies das verfügbare Angebot an Impfdosen bei zudem erhöhtem Bedarf verknappt, hat die Regierung von Premierminister Narendra Modi entschieden, dass zumindest den ganzen April über die Exporte gestoppt und alle produzierten Dosen nur im Inland verimpft werden.

Früher als die meisten anderen großen Länder hatte Indien im Januar mit einer breit angelegten Impfkampagne begonnen. Inzwischen sind etwa 77 Millionen Dosen verabreicht worden, vor allem an Angehörige des medizinischen Personals und andere, die als »frontline workers« eine Schlüsselstellung im Kampf gegen die Pandemie haben, sowie an Senior*innen über 60. Die Zahl mag beachtlich erscheinen und ist es zweifellos. Nur die USA, wo der neue Präsident Joseph Biden massiv aufs Tempo drückt, kann mengenmäßig noch mehr vorweisen. Dort aber ist fast ein Drittel der Bevölkerung geschützt - in Indien relativiert sich das Zwischenergebnis angesichts von nahezu 1,4 Milliarden Menschen schnell. Etwa fünf Prozent haben die erste Dosis erhalten, gerade einmal 0,8 Prozent sind vollständig geimpft.

Zudem haben die Neuinfektionen in den vergangenen drei Wochen massiv angezogen. Die Tageswerte liegen seit Wochenstart bei über 100 000 Fällen - Zahlen, die wieder das Niveau aus dem Spätsommer 2020 erreichen. Die 7-Tage-Inzidenz liegt bei rund 43.

Nachdem die zweite Welle Mitte September ihren Scheitelpunkt erreicht hatte und die Zahlen bis Mitte Februar zurückgingen, befindet sich auch das größte Land Südasiens nun im Trend der Gesamtregion mit alarmierend steigenden Zahlen. Vorige Woche wurde bei den bisher in der Pandemie erfassten Infektionen indienweit die Marke von zwölf Millionen überschritten. Das Problem konzentriert sich abermals auf fünf bis sechs Staaten, darunter mit 57 Prozent Maharashtra mit der Wirtschaftsmetropole Mumbai - und dort trifft es gerade den größten Slum Dharavi mit einer Million Bewohner*innen.

Umso wichtiger ist das Vorankommen der Impfkampagne. Bisher hatte Indien das Ziel, bis zum August wenigstens 300 Millionen Bürger*innen zu erreichen. Damit wären nicht nur die Ärzt*innen und Pflegekräfte geschützt, die dem höchsten Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind, sondern auch der größte Teil der älteren oder durch Vorerkrankungen besonders gefährdeten Menschen. Von Herdenimmunität kann aber selbst dann noch nicht ansatzweise die Rede sein.

Die bisherigen Planungen drohen aber nun angesichts der Umstände in Gefahr zu geraten. Eigentlich müsste mit der neuen Welle noch mehr als bisher geimpft werden, doch die Produzenten stellen seit Mitte März nicht einmal mehr genügend Impfstoff dafür bereit, was durch die verfügbaren medizinischen Fachkräfte verabreicht werden kann. Insbesondere beim Serum Institute of India (SII), dem weltgrößten Impfstoffhersteller mit Sitz im westindischen Pune, geriet der Produktionsprozess zuletzt ins Stottern. Hintergrund sind unzureichende Zulieferungen bestimmter Zwischenprodukte und Zusatzelemente vor allem aus den USA, die vom dortigen Exportverbot betroffen sind. Es fehlen Spezialbehälter und Filter, Chemikalien und bestimmte Teile, um Zellkulturen anlegen zu können, listete Firmenchef Adar Poonawalla kürzlich gegenüber Journalist*innen auf. SII hat sich schriftlich an die indische Regierung mit der Bitte gewandt, sich auf diplomatischer Ebene für einen reibungslosen Lauf der Zulieferungen einzusetzen. SII kann sein Potenzial, nach einer Erweiterung bis zu zwei Milliarden Dosen pro Jahr herzustellen, längst nicht ausschöpfen.

Das Bestreben der US-Administration, unbedingt möglichst schnell die eigene Bevölkerung zu impfen und damit alle verfügbaren Ressourcen beisammenzuhalten, hat somit eine Kettenredaktion in Gang gesetzt. Aus Indien waren seit Ende Januar 60 Millionen Impfdosen in 76 Staaten gegangen. Denn der nun verfügte temporäre Exportstopp für im Land produzierte Impfstoffe (in erster Linie das Präparat von Astra-Zeneca) schneidet die internationale Covax-Initiative von ihrem wichtigsten Lieferanten ab. Betroffen sind die mehr als 180 ärmsten Länder des Planeten, die gegenüber den Industrienationen mit ihren schnellen Massenbestellungen das Nachsehen hatten. Einige habe noch nicht eine einzige Dosis erhalten.

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