Rückstau in den Kitas befürchtet

Platzmangel könnte durch mehr Schulrücksteller noch verschärft werden

  • Von Anja Sokolow
  • Lesedauer: 3 Min.
Hier ist kein Haken mehr frei. Berlin berfüchtet durch die Pandemie einen Rückstau in den Kitas.
Hier ist kein Haken mehr frei. Berlin berfüchtet durch die Pandemie einen Rückstau in den Kitas.

Bekommt mein Kind einen der knappen Kitaplätze? Diese Frage entscheidet sich für viele Eltern normalerweise im Frühjahr und im besten Fall unterschreiben sie in diesen Wochen ihre Verträge mit den Kitas. Doch die Corona-Pandemie sorgt für noch mehr Unsicherheit als ohnehin schon. Eltern und Träger berichten von einem zusätzlichen Problem: Mehr Eltern von Vorschulkindern wollen den Schulstart verschieben, die Kitaplätze werden noch knapper.

Coronakrise verschärft Platzknappheit

»Es ist auffallend, dass mehr Eltern ihr Kind nicht in die Schule schicken wollen. Das führt zu einem Rückstau und zu einem handfesten Problem«, sagt etwa der Geschäftsführer der BOOT Kitas Berlin, Wolfgang Freier. Noch könne er keine verlässlichen Zahlen nennen, aber: »Normalerweise stellen bei uns ein bis zwei Prozent der Eltern ihre Kinder zurück. In diesem Jahr könnten es etwa bis zu zehn Prozent werden«, schätzt er.

Die Kita-Fachreferentin Dorothee Thielen vom Paritätischen Wohlfahrtsverband spricht von einer möglichen »Rückwärtslawine«, wenn mehr Kinder in der Kita bleiben und weniger mit der Schule beginnen. Es ließe sich aber noch nicht sagen, wie groß das Problem tatsächlich sei. Erst im Anschluss an die ärztlichen Untersuchungen bei den Kinder- und Jugendgesundheitsdiensten erfolge »eine Bereinigung der Daten«, so Thielen.

Auch der Senatsbildungsverwaltung ist das Thema bekannt. Nach Auskunft der Spitzenverbände der Liga der freien Wohlfahrtspflege sowie des Dachverbandes der Berliner Kinder- und Schülerläden bemühten sich mehrere Eltern um eine Zurückstellung ihres Kindes vom Schulbesuch, berichtet Verwaltungssprecher Ralph Kotsch. Auch er verweist auf die unklare Datenlage: »Die Entwicklung bis zum Sommer bleibt abzuwarten.« Laut Dorothee Thielen gab es bereits im vergangenen Jahr eine leichte Tendenz nach oben: »Die Quote der Schulrückstellungen hatte sich in Berlin schon zum Schuljahr 2021 von 11,7 auf 12,8 Prozent erhöht.« Zum Teil seien die Eltern sehr verunsichert, wie der Schulbeginn unter den jetzigen Bedingungen ablaufe. »Eine Rückstellung ist sinnvoll, wenn es Entwicklungsrückstände gibt. Aber anderen Kindern tut man damit keinen Gefallen«, so BOOT-Geschäftsführer Freier.

»Während manche Kinder in den letzten Wochen auch zu Hause große Entwicklungsschritte tun konnten, zeigen anderen deutliche Defizite in ihrer Entwicklung, sodass eine Rückstellung vom Schulbesuch angezeigt sein könnte«, berichtet Michaela Liebezeit von den Kindergärten City. Einzelne Kitas des Trägers hätten berichtet, dass es etwas mehr Rücksteller sein könnten als in den Vorjahren. »Es gibt Eltern, die Bedenken und Sorgen haben, ob der Übergang in die Schule gut funktioniert«, sagt auch die Vorsitzende des Landeselternausschusses Kita, Nancy Schulze. Schließlich funktioniere der Unterricht derzeit in einigen Schulen gut, in anderen weniger gut. »Andererseits: Wohin mit den neuen Kindern, wenn es viele Schulrücksteller gibt? Das sind unsere Bedenken. Man kann die neuen Kinder ja schlecht im Keller oder in der Küche aufbewahren. Es gab schon immer Platzmangel in Berliner Kitas«, so Schulze.

23 000 neue Kitaplätze bis 2025 benötigt

Die Senatsverwaltung schätze, dass bis 2025 weitere 23 000 Plätze gebraucht werden. Davon sei aber nur für 15 000 die Finanzierung geklärt. Sie zweifle daran, dass selbst diese Plätze pünktlich geschaffen werden können, so Thielen. »Grundsätzlich verweisen wir darauf, dass der Kitaplatzausbau mit Landes- und Bundesprogrammen weiter vorangetrieben wird, um allen Kindern auch perspektivisch ein Betreuungsangebot unterbreiten zu können«, betont Verwaltungssprecher Kotsch. Die Planung für die Kitas 2020/2021 bis 2025/2026 berücksichtige ohnehin einen Anteil zurückgestellter Kinder von rund elf Prozent, so Kotsch. /dpa

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