Nicht real, aber wünschenswert

Weder an Geld noch Macht interessiert? Die Arztserie »Doktor Ballouz«

Das fiktionale Arztfernsehen deutscher Provenienz ist äußerst wohlgeordnet. Meist männliche Mediziner sind darin stets kompetent, selbstlos und hilfsbereit. Sie haben blütenreine Kittel, Sonne im Herzen und für jedes Wehwehchen Zeit, Muße und ein offenes Ohr. Gemessen daran ist auch »Doktor Ballouz« ein Prachtexemplar klinisch weißer Abendunterhaltung.

Kaum, dass er nach langer Abwesenheit in sein Krankenhaus am Rand der Uckermark zurückkehrt, erweist sich der Chefarzt schon wieder als branchenübliches Multitasking-Genie. Noch auf dem Arbeitsweg versorgt er mit größter Sorgfalt ein Unfallopfer und sein Kind. Vor der Notaufnahme dann macht er seinem Stellvertreter wortlos klar, dass er wieder ins zweite Glied zu rücken habe. Später kümmert sich der fürsorgliche Klinikleiter in loser Reihenfolge um schwere Geburten, schwerkranke Väter und komplizierte Operationen.

Er ist also Virtuose und Seelsorger, Psychologe und Personaler, Boss und Diener, alles in einem und das mit einer Gelassenheit beim Zuhören, Zupacken und Zusammenhalten, als sei er zwei Chefärzte. »Doktor Ballouz« (Merab Ninidze) ist jedoch kein normaler Halbgott in Weiß, sondern ein gebrochener, brüchiger, fachlich kompetenter, aber seelisch sanierungsbedürftiger, weil frisch verwitweter. Er hat zwar Marotten wie seinen Hang zu schlampiger Kleidung oder einen - hihi - Trabi, mit dem er durch zauberhafte Alleen der Uckermark heimfährt. Unter der ulkigen Oberfläche aber steckt die androgynste Männerfigur der Alphatierherde TV-Medizin.

Deshalb, bittet Merab Ninidze, sollten wir Ballouz »nicht als real, sondern wünschenswert sehen«. Gerade in unserer Zeit, fährt der Hauptdarsteller fort, »kann es inspirierend sein, dass da jemand in dieser Position nicht an Macht und Geld interessiert ist«. Dieses Interesse kauft man seinem Doktor vor allem deshalb ab, weil Ninidze es so tiefgründig verkörpert. Unter Andreas Mencks stereotyper Regie, ist es daher dem 55-jährigen Georgier aus Wien zu verdanken, dass die Vorlage von Headautorin Conni Lubek nie in der Klischeekiste landet.

Während viele Kollegen vom arroganten Oberarzt Doktor Schilling (Daniel Fritz) bis zur quirligen Assistentin Doktor Schwan (Nadja Bobyleva), von der resoluten Pflegerin Irina (Monika Anna Wojtyllo) bis zum lustigen Pfleger Vincent (Vincent Patzke) allesamt überdrehen, bewahrt nur Ninidze als Doktor Ballouz im Durcheinander des medizinischen Fernsehalltags die Ruhe. Und das kann er. Schon als deutscher Jude in Caroline Links oscarprämierten Fluchtdrama »Nirgendwo in Afrika« gelang es dem in Tiflis geborenen Charakterdarsteller 2001, der sein aufgewühltes Heimatland kurz zuvor Richtung Österreich verlassen hatte, schließlich Gefühl mit Gelassenheit zu vereinen.

Das war zwar, wie Merab Ninidze selbst bemerkt, einer der letzten Charaktere seiner langen Karriere ohne Migrationshintergrund im schauspielerischen Vordergrund. Er sorgte jedoch für ein Portfolio, das selten ist im deutschsprachigen Film: Es führte Ninidze an die Seite von Simone Thomalla oder Benedict Cumberbatch, auf internationales Terrain wie bei »Homeland« oder provinzielles wie den »Usedom-Krimi«. Mit etwas Wohlwollen könnte man die Serie »Doktor Ballouz« in der Mitte von Masse und Klasse verorten, der auch Julia Richter und Barbara Philipp als Kollegin und Tankstellenbekanntschaft etwas hinzufügen. Für eine Arztproduktion aus Deutschland ist das fast schon spitze.

»Doktor Ballouz«, ab 8. April im ZDF.

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