»Mit gehöriger Geringschätzung«

Dirk Laabs über Staatsfeinde in Uniform - wie militante Rechte unsere Institutionen unterwandern

  • Von Harald Loch
  • Lesedauer: 4 Min.
Rechtsextremismus: »Mit gehöriger Geringschätzung«

»Ich schwöre, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen, so wahr mir Gott helfe.« Diesen Eid leisten alle Berufssoldaten der Bundeswehr, ob mit oder ohne religiöse Formel. Das ist der Maßstab für jeden Soldaten. Recht und Freiheit wollen sie tapfer verteidigen. Schwören sie. Und nichts anderes erwartet von ihnen die Bevölkerung, die sich die Bundeswehr leistet. Für Polizisten und alle übrigen Beamten gilt ähnliches, sie schwören ausdrücklich auch auf das Grundgesetz und alle übrigen geltenden Gesetze.

Nun gibt es aber immer einige Angehörige der Organe, die diesen ihnen abgenommenen Eid nicht sonderlich ernst nehmen. Und es gibt welche, die das Recht nicht tapfer verteidigen, sondern kräftig mit Füßen treten. Ob als Soldaten und Polizisten sind sie Teilhaber am Gewaltmonopol des Staates. Zu ihnen gesellen sich Zivilisten wie beispielsweise Waffenhändler. Sie bedrohen, was sie verteidigen sollen. Jenen - laut offizieller Statistik immerhin etwa 2000 Personen zwischen Wismar und Calw - widmet der Film- und Sachbuchautor Dirk Laabs, sein Buch »Staatsfeinde in Uniform«.

Spätestens seit seinem mit Stefan Aust verfassten Buch »Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU« gilt er als der Experte für gewalttätigen Rechtsradikalismus in Deutschland. Laabs schlägt Alarm. Mit zahlreichen, bisher nirgendwo veröffentlichen Belegen führt er sein schockiertes Lesepublikum in ein Schattenreich der Uniformen. Vor allem aber sollten die zur Abwehr der von ihm enttarnten umstürzlerischen Bestrebungen zuständigen Stellen alarmiert werden. Noch geht es »nur« um einen ferneren Tag X. Man sollte jedoch wachsam und vorbereitet sein.

Laabs stellt rechtsradikale Protagonisten aus dem Berufsfeld der zum Waffentragen Berufenen und deren Vernetzung, ihre Ideologie und ihre ungeheuerliche Wortwahl vor. Die Nähe zur AfD verblüfft nicht. Der Autor macht besondere Einheiten aus, die als anfällig und teilweise durchsetzt für solche, unseren Staat im höchsten Grade gefährdende Bestrebungen gelten: Fallschirmjäger, die die Tradition des Kreta- »Absprungs« der Hitler-Armee heroisieren, Gebirgsjäger im Gedenken an deren faschistische Vorläufer im besetzten Norwegischen, in Narvik - das Kommando Spezialkräfte (KSK).

Militärische Einheiten pflegen Traditionen, Tapferkeit braucht Vorbilder. Die militaristische, verbrecherische Vergangenheit Deutschlands taugt dafür nicht, wird aber sogar weit über den von Laabs gebrandmarkten Kreis hinaus immer wieder bemüht. Der Autor bringt krasse Beispiele, die - gepaart mit der Darstellung fanatischer Waffenvernarrtheit von Uniformträgern - Angst einjagen. Ein besonderes Kapitel widmet er dem verkorksten Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan, der bei den Verbündeten besonders wegen der außergewöhnlichen Lieferungen von Bier an die Bundeswehtruppen auf überlasteten Nachschubwegen in Erinnerung bleiben wird. Überhaupt: Alkohol, Rassismus, Antisemitismus, Demokratiefeindlichkeit, ein »unschuldiger« Hitlergruß - all das mischt sich zu einem brisanten Phänomen, das Waffenträger, noch dazu gut und verschlüsselt vernetzte, zu tickenden Zeitbomben macht.

In diesem Zusammenhang zitiert Laabs einen namentlich benannten Hauptmann des KSK, der in einem Brief an Oberstleutnant Jürgen Rose von der Bundeswehr, der den Afghanistaneinsatz mit einigen Gleichgesinnten vehement abgelehnt hatte, schrieb: »Guten Tag Herr Rose, … distanziere mich als deutscher Offizier von diesem linken Zeitgeistkonglomerat uniformierter Verpflegungsempfänger … Ich beurteile Sie als Feind im Innern und werde mein Handeln danach ausrichten, diesen Feind im Schwerpunkt zu zerschlagen. Die Phase des 68er Marsches ist beendet, kehren Sie um in den Gulag der politischen Korrektheit oder in die Sümpfe des Steinzeitmarxismus, dem Sie entkrochen sind. Sie werden beobachtet, nein nicht von impotenten instrumentalisierten Diensten, sondern von Offizieren einer neuen Generation, die handeln werden, wenn es die Zeit erforderlich macht. Somit verbleibe ich mit gehöriger Geringschätzung und trefflicher Erheiterung in der Betrachtung Ihrer weiteren operativen Unfähigkeit. K., Daniel, Hauptmann. ›Es lebe das heilige Deutschland.‹ (Stauffenberg)«

Eigentlich ist ein Kommentar hierzu nicht nötig. Angemerkt sei dennoch: Dieses Dokument aus der Feder eines rangniedrigeren KSK-Hauptmanns an einen ranghöheren Oberstleutnant, beide der Bundeswehr angehörig, lässt von den »Offizieren einer neuen Generation« Schlimmstes erwarten. Vor allem, wenn die »impotenten Dienste« - damit sind wohl der Militärische Abschirmdienst und der Verfassungsschutz gemeint - weiterhin wenig oder gar nicht alarmiert scheinen. Die Zivilgesellschaft sollte um so alarmierter sein.

Dirk Laabs: Staatsfeinde in Uniform. Wie militante Rechte unsere Institutionen unterwandern. Econ, 448 S., geb., 24 €.

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