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Gegen die Naturschnuller

In Ralf Husmanns Realsatire »Mirella Schulze rettet die Welt« bekämpft eine junge Frau den Klimawandel

Lassen sich nicht von Greenwashing einlullen: Jugend versus Chemiekonzern
Lassen sich nicht von Greenwashing einlullen: Jugend versus Chemiekonzern

Humor ist, das wussten bereits Filmlegenden wie Charlie Chaplin oder Ernst Lubitsch, wenn man selbst über große Katastrophen trotzdem lacht. Und weil die denkbar größte davon gerade ins Haus steht, weil sie längst fatale Folgen hat - weil der Klimawandel nur noch wenige Zehntelgrad vom Ende unserer Zivilisation entfernt zu sein scheint - wird es Zeit, mal herzlich über Fridays for Future zu lachen. Genauer: Mirella Schulze.

Die sieht der berühmten Umweltaktivistin Greta Thunberg zwar bis rauf zu den traurigen Augen unter dem blonden Haar ähnlich und ist als 13-Jährige auch nur unwesentlich jünger als Thunberg damals mit dem Pappschild vor dem Stockholmer Parlament; doch im Gegensatz zum schwedischen Vorbild ist die deutsche Schülerin einer nicht näher spezifizierten Provinzkleinstadt ganz schön lustig, wenngleich unfreiwillig: Dass »Mirella Schulze rettet die Welt« auf magenschmerzende Art witzig ist, liegt nämlich an Ralf Husmann.

Seit der Drehbuchautor den boomenden Talkshows 1999 die fiktive Moderatorin Anke Engelke zum Fraß vorwarf und genüsslich beim Verschlucken zusah, hält er der Mehrheitsgesellschaft den Spiegel ihrer Mittelmäßigkeit vor. Der bekannteste davon hieß Bernd Stromberg. Es folgten Polizeipsychologen, Gleichstellungsbeauftragte und Elektrofachverkäufer. Jetzt hetzt Husmann klimabewegte Gymnasiasten auf jene Eltern, die sich den Planeten nur geborgt, aber saumäßig behandelt haben.

Gleich zu Beginn des Achtteilers etwa überführen sie den größten Arbeitgeber vor Ort in aller Öffentlichkeit des Greenwashings. Eben noch hat CEO Joosten (famos: Harald Schrott) seine Winterfeld AG dafür gefeiert, den letzten von 10 000 Bäumen zu pflanzen, da ergreift die Initiatorin Mirella Schulze (famoser: Tilda Jenkins) das Mikro, bezeichnet die Aufforstungsaktion vor versammelter Presse »als Naturschnuller, mit dem die Erwachsenen uns ruhigstellen« und erntet dafür zehnmal mehr Likes als Joostens Chemiekonzern im ganzen Jahr. Zwischenfazit nach 15 Minuten: Mirella Schulze hat Recht. Immer.

Sie geht aller Welt damit aber schon deshalb auf den Wecker, weil alle Welt bei Winterfeld arbeitet - die eigene Mutter Pia (Jördis Triebel) inklusive. Dabei hat das Nesthäkchen sie in drei Jahren F4F - Fridays For FUture - ähnlich mürbe mobilisiert wie ihren verständnisvollen Vater (Matthias Führmann), den pubertierenden Bruder Mats (Maximilian Ehrenreich) und die konsumgeile Schwester Maya (Ella Lee). Alle essen fleischfrei, fahren Rad, meiden Plastikmüll. Was sie alle jedoch mit der Überflussgesellschaft eint: ihre Nachhaltigkeit folgt keiner Überzeugung, nicht mal Überredung, sondern Konfliktvermeidung.

Oder wie Mirella meint, als sie von der Oberstufe für ihren Einsatz gegen Klassenreisen per Flugzeug gemobbt wird: »Wenn ich was sage, sind alle sauer, wenn ich nix sage, sind alle anderen sauer. Ich will nicht, dass alle immer sauer auf mich sind.« Was sie stattdessen will, das kauft man ihr von der ersten bis zur 20. Minute jeder Episode ab, ist schließlich, die Welt zu retten. Nicht mehr. Nicht weniger. Und genau hier liegt die Tragikomik einer Serie, in der Husmann wie üblich selbst billige Pointen dazu nutzt, Sollbruchstellen toxischer Männlichkeit zu entlarven, die längst auch von, pardon: Powerfrauen wie Pia Besitz ergreifen.

Mirellas fastfoodsüchtige Mutter will demnach Verpackung sparen, indem sie Kaffeekapseln doppelt aufbrüht. Papa fährt Fahrrad zum Bioladen, beruflich aber Baustoffe im Lkw. Mats füllt Energydrink-Dosen in Flaschen um und verkauft sie teurer. Maya hilft Mirella gegen genervte Mitschüler, sofern sie ihr zum Haustier verhilft, das sich in der nächsten Umweltkampagne als Klimakiller entpuppt. Auch die Titelheldin tappt also in kapitalistische Verwertungsfallen - nur dass sie dabei zur Selbstreflexion fähig ist, während andere bloß ihre Profilneurosen Gassi führen. Dank Ralf Husmanns Beobachtungsgabe wird all dies in beißender Form komisch - und überaus lehrreich.

»Mirella Schulze rettet die Welt«, auf TVNow

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