Erdbewohner oder Himmelsstürmer

Vor 60 Jahren flog Juri Gagarin als erster Mensch ins All. Was auf der politischen Bühne des Kalten Krieges hohe Wellen schlug, hatte auch in der Philosophie Folgen. Von Miguel de la Riva

  • Von Miguel de la Riva
  • Lesedauer: 7 Min.

Vor 60 Jahren, am 12. April 1961, startet um 9.07 Uhr vom Weltraumbahnhof Baikonur in der kasachischen Steppe eine R-7-Trägerrakete mit dem Raumschiff »Wostok« (»Osten«) gen Himmel. An Bord befindet sich der 27 Jahre junge Jagdflieger Juri Alexejewitsch Gagarin. Mit ihm durchbricht erstmals ein Mensch die Himmelsdecke und erreicht eine Höhe von 315 Kilometern. Sein erster Funkspruch aus der Schwerelosigkeit handelt nicht vom Ziel, sondern dem Ausgangspunkt seiner Reise: »Ich sehe die Erde! Es ist bewundernswert, was für eine Schönheit!«

Erst als damit feststeht, dass Gagarin wohlbehalten in der Erdumlaufbahn angekommen ist, macht die Sowjetunion die streng geheim gehaltene Mission öffentlich, gab es doch Grund zur Sorge, das waghalsige Unternehmen könnte im Desaster enden. Von den bei Tests gezündeten Raketen explodierten mehr als die Hälfte beim Start, noch am Vorabend musste ein Kurzschluss in der Sensorik der Kapsel behoben werden.

Doch der Flug verläuft erfolgreich. In 108 Minuten umrundet Gagarin in der vom Boden gesteuerten Wostok einmal den Erdball. Wie geplant landet er um 10.55 Uhr nahe der Stadt Saratow wieder auf sowjetischem Boden, wo er von einer Bäuerin gefunden wird. Zwei Tage später von Chruschtschow einer jubelnden Menschenmenge am Roten Platz präsentiert und in den Folgejahren auf Tournee rund um den Globus geschickt, wird der stets lächelnde Bauernsohn zu einem der bekanntesten Menschen der Welt.

Wettkampf im Weltall

Keine vier Jahre, nachdem Sputnik als »piepender Kunstmond« (Hans Blumenberg) wochenlang die Erde umkreiste, stellte die Sowjetunion damit aufs Neue ihren Vorsprung in der Raumfahrt unter Beweis. Zwar fliegt mit Alan Shephard nur 23 Tage später auch der erste US-Astronaut ins All, doch absolviert dieser einen weniger spektakulären suborbitalen Flug. Zuvor hatte die UdSSR bereits mit Hündin Laika das erste Lebewesen in den Weltraum befördert und erreichte im Januar 1959 per Sonde erstmals den Mond.

In den USA werden nun endgültig die Befürchtungen laut, im beginnenden »Space Race« abgehängt zu werden. Kurz nach Gagarins Flug kündigt US-Präsident Kennedy darum in einer Sondersitzung des Kongresses an, noch innerhalb der Dekade Menschen zum Mond und sicher wieder zurückzubringen. Er beschwört eine nationale Kraftanstrengung, um den Rückstand aufzuholen und prägt dazu den »Frontier«-Mythos: So wie einst die amerikanischen Pioniere das Land bis an die Westküste, die »old frontier«, eroberten, gelte es nun, in den Weltraum vorzudringen, die »new frontier.«

Was auf der politischen Bühne des Kalten Krieges hohe Wellen schlägt, bleibt auch in der Philosophie nicht folgenlos. In den 60er Jahren wird die mit Sputnik und Gagarin beginnende Raumfahrt vielmehr zu einem zentralen Bezugspunkt für das Nachdenken über das Wesen des Menschen und seine Stellung im Kosmos. So macht Hannah Arendt den ersten künstlichen Erdtrabanten zum Ausgangspunkt ihres Hauptwerks »Vita Activa« von 1958. Was Enthusiasten als »Ausbruch aus dem Gefängnis der Erde« bejubelten, beschreibt sie dort vielmehr als »Rebellion des Menschen gegen sein eigenes Dasein.« Wie eine unheilvolle Prophezeiung zitiert sie die Grabinschrift eines rund 20 Jahre zuvor verstorbenen russischen Wissenschaftlers: »Nicht für immer wird die Menschheit an die Erde gefesselt bleiben«.

Arendt spielt damit auf Konstantin Ziolkowski (1857-1935) an, der 1903 erstmals bewies, dass man sich mittels Rückstoßantriebs im Vakuum des Alls fortbewegen kann. Wie in den USA der »Frontier«-Mythos, prägen seine utopischen Visionen das Imaginäre der Raumfahrt auf sowjetischer Seite. Von Lenin 1921 mit einer Leibrente ausgestattet, beeinflussten Ziolkowskis Ideen nicht nur den Vater der sowjetischen Raumfahrt Sergei Koroljow, sondern beflügelten auch die Fantasie von Künstlern wie Kasimir Malewitsch. In der avantgardistischen Anfangszeit der UdSSR galt die Erstürmung des Himmels als logische Fortführung der Weltrevolution, schon 1924 wird die erste Raumfahrtgesellschaft der Welt gegründet.

Bereits als Kind von der Schwerelosigkeit träumend, sah Ziolkowski in der Gravitation eine »Fessel«, die uns ebenso an die Erdoberfläche wie die dort herrschenden Unterdrückungsverhältnisse kettet. Um das irdische Leben in Not und Armut, die Bedingungen materieller Knappheit zu überwinden, sei die Expansion in den Weltraum mit seinen unbegrenzten Ressourcen unumgänglich. Die Befreiung von der Schwerkraft gilt Ziolkowski so zugleich als Emanzipation vom irdischen Jammertal mit seinen repressiven politischen und sozialen Verhältnissen.

Der dezentrierte Mensch

Die Eroberung des Alls befürwortete Ziolkowski nicht nur aus politisch-ökonomischen Gründen. Sie gilt ihm auch philosophisch als Erfüllung des Wesens des Menschen: »Die Erde ist die Wiege der Menschheit, aber niemand bleibt sein Leben lang in der Wiege.« Als kosmisches, universales Wesen sei die Heimstatt des Menschen nicht die Erde, sondern der Himmel - zu dessen Besiedlung Ziolkowski noch im Zarenreich kilometerlange Raumstationen entwirft, inklusive Andockschleusen, Gewächshaus und Vorrichtungen zur Energiegewinnung aus Sonnenlicht.

Mit dessen Ideen offenbar bekannt, wendet Arendt gegen Ziolkowski ein, dass eine Emanzipation des Menschen von der Erde einer Entfremdung von der condition humaine gleichkomme. Wer aus der Erde ausbrechen will, sieht in ihr offenbar einen zu verlassenden Ort - und würdige damit die menschliche Existenz als solche herab, deren Quintessenz die irdische Natur sei. Die Erde sei für uns keine Option, sondern insoweit einzigartig, als nur sie Bedingungen bereitstellt, die uns ein müheloses, nicht auf die Hilfe von Apparaten angewiesenes Dasein erlauben.

In der Raumfahrt sieht Arendt die schon auf Erden sichtbare Bestrebung, diese vorgefundene Natur mit Technik und Wissenschaft durch eine menschengemachte Kunstwelt zu ersetzen, was den Menschen in die Gefahr bringe, zum Sklaven seiner eigenen Schöpfungen zu werden. Sinnbildlich stehe dafür der Raumfahrer, wie sie nach Gagarins Flug in ihrem Aufsatz »Die Eroberung des Weltraums und die Statur des Menschen« von 1963 ergänzt. Stets bleibe er in seiner Kapsel eingekerkert, wäre jeder direkte Kontakt mit seiner Umgebung doch sofort tödlich. Soweit er auch ins All reisen mag, nie könne er etwas anderes treffen als sich selbst und menschengemachte Dinge.

Durch den Weltraum reisen zu können verdanke sich dabei einer Wissenschaft, die seit Kopernikus gelernt hat, »die Natur von einem außerhalb der Erde im Universum liegenden Punkte zu meistern«. Indem wir auf Erden Prozesse wie im Inneren der Sonne entfesseln - womit Arendt auf die Atombombe anspielt, die sie in eine Reihe mit der Raumfahrt stellt -, verhielten wir uns längst wie »erdgebundene Wesen, die handeln, als seien sie im Weltall beheimatet«.

Doch in der Optik des »archimedischen Punktes« erscheine der Mensch nicht als mit Freiheit und Vernunft begabtes Wesen. Wie die neuzeitliche Wissenschaft die Erde zu einem bloßen Gestirn unter anderen degradiert hat, so sehe sie auch im Menschen nur einen »Spezialfall organischen Lebens«, dessen »Verhalten« mit denselben Methoden wie das von Ratten zu studieren sei. Die Raumfahrt würde die »Stellung des Menschen im Kosmos« darum nicht erhöhen, sondern drohe sie zu zerstören: »Der Mensch kann in der Weite des Universums nur verloren gehen.«

In seinem Aufsatz »Heidegger, Gagarin und wir« von 1961 erteilt der französische Philosoph Emmanuel Levinas einer solchen Haltung, die er auch bei Arendts philosophischem Lehrer Martin Heidegger vorfindet, eine Absage. Dass sich der Mensch durch Technik und Wissenschaft von seinem Dasein entfremde, entspringe einem reaktionären, zivilisationsfeindlichen Denken. Die wiederzugewinnende Verwurzelung auf der Erde und die damit verbundene Beschwörung einer erdenschweren, gravitätischen Existenz rede der Unterscheidung von Autochthonen und Fremden das Wort. Die Mystifizierung des Heimatbodens sei Ursprung jeder Gewalt.

Daher sieht Levinas das Großartige an Gagarins Raumflug gerade darin, dass sich mit ihm ein Mensch erstmals aus allen Bezügen gelöst hat, die es erlaubten, ihn auf der Erde zu verorten - dass »eine Stunde ein Mensch jenseits aller Horizonte existiert hat«, umgeben nur vom geometrischen Raum, der kein Oben und Unten, keinen Ort mehr kennt. Mit Blick auf die jüdische Tradition schreibt Levinas Gagarins Flug eine theologische Dimension zu. Im Gegensatz zum Christentum kenne sie nicht die Verwurzelung an einen bestimmten Ort. Wie die buchstäblich kosmopolitisch gewordene Technik habe das Judentum das Universum demystifiziert und die Natur entzaubert - und in seiner abstrakten Universalität den Menschen in der Nacktheit seines Antlitzes entdeckt.

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