Schneebälle im Frühling

Sieben Tage, sieben Nächte

  • Von Stephan Kaufmann
  • Lesedauer: 2 Min.

Schnell reich werden, wer wollte das nicht? Vor ziemlich genau 101 Jahren entwickelte zu diesem Zweck der vielleicht berühmteste Betrüger der Finanzgeschichte, Charles Ponzi, seine Masche, die bis heute als »Ponzi-System« bekannt ist. Material seines Betrugs waren Internationale Antwortscheine - also Gutscheine, mit denen damals ein Luftpostbrief ins Ausland ohne Porto aufgegeben werden konnte. Ponzi warb bei Anlegern Millionen Dollar ein und stellte ihnen 50 Prozent Rendite in nur 45 Tagen in Aussicht, die er mit dem billigen Erwerb und dem teureren Verkauf der Antwortscheine zu erzielen versprach. Tatsächlich aber bezahlte Ponzi die zugesagte Rendite mit dem Geld, das Neuanleger ihm überließen. Irgendwann wurde der Schwindel offenbar, und Ponzi wanderte ins Gefängnis.

Dieses schneeballartige System ist oft kopiert worden. Jüngster - bekannter - Fall ist der des Mittel- bis Unterklasseschauspielers Zachary Horwitz, der diese Woche verhaftet worden ist. Der 34-Jährige, der unter dem Künstlernamen Zach Avery sein Glück versuchte, wollte sich mit seinen schmalen Nebendarsteller-Gagen nicht abfinden und gründete die Investmentfirma 1inMM Capital. Anlegern versprach er 2015, ein Heidengeld damit zu verdienen, indem er regionale Filmvertriebsrechte exklusiv erwarb, um sie an große Sender wie Netflix oder HBO für den Vertrieb in Lateinamerika zu lizenzieren.

Der Verlockung von 35 Prozent Rendite erlagen zahlreiche Anleger, die Horwitz 690 Millionen Dollar überließen - immerhin das Vierfache dessen, was die von Ponzi eingeworbene Summe heute wert wäre. Mit dem Geld kaufte Horwitz allerdings keine Filmrechte, so der Vorwurf der US-Börsenaufsicht, sondern er machte sich ein schönes Leben in seiner Sechs-Millionen-Dollar-Villa inklusive Weinkeller und Fitnessraum. Ein Teil der Summe floss in die Auszahlung von Investoren. Als die Geldzufuhr stockte, flog Horwitz auf. Nun drohen ihm bis zu 20 Jahre Haft.

Ein ganz anderer Fall ist der Internationale Währungsfonds (IWF). Auf seiner Tagung diese Woche wurde diskutiert, den Fonds mit weiteren Kreditmitteln über 650 Milliarden Dollar auszustatten. Ein Teil davon soll hoch verschuldeten Ländern zugutekommen, die durch die Pandemie in eine finanzielle Schieflage geraten. Diese 650 Milliarden Dollar an Kreditmitteln werden in Form von »Sonderziehungsrechten« von den IWF-Mitgliedsländern freihändig in die Welt gesetzt. Zweck dieser neu geschaffenen Milliarden ist es, jene Länder zahlungsfähig zu halten, die es nicht mehr sind oder bald nicht mehr sein könnten. Neue Schulden, um faule Alt-Schulden zu retten - mit einem »Ponzi-System« hat das natürlich nichts zu tun, schon allein deshalb, weil hier am Ende niemand ins Gefängnis geht. Stephan Kaufmann

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