Typisch Biskupek

Er war ein Literat und Satiriker, kein Comedian: Zum Tod von Matthias Biskupek

  • Von Mathias Wedel
  • Lesedauer: 4 Min.

Hans-Georg Stengel, Jochen Petersdorf, Eddi Külow, Wolfgang Mocker, C. U. Wiesner, Otto Häuser, Ernst Röhl, Lothar Kusche, Peter Ensikat, Renate Holland-Moritz - viele Autoren, die politischen Witz wie Frühlingsgewitter über die DDR gebracht haben, sind nicht mehr am Leben. Sie waren alle Satiriker (nicht etwa »Comedians«!), die sich nach der Wende anhören durften - auch von Berufskollegen im Westen (ausgenommen Dieter Hildebrandt und Martin Buchholz) -, sie könnten gar keine richtigen Satiriker gewesen sein. Weil Satire in der Diktatur nämlich nicht gehe. Wenn die wüssten, wie toll das Lachen eines Publikums war, das sich ertappt fühlte, sich aber nicht erwischen lassen wollte!

Am Sonntag ist Matthias Biskupek im Alter von 70 Jahren gestorben. Als wir uns vor 50 Jahren kennenlernten, als »junge Autoren«, stand uns wahrscheinlich der Sinn nach Poesie, wegen der Mädchen. Aber Matthias, Jungingenieur im Chemiefaserkombinat, sprang frühzeitig ab: Er war eigentlich gegen alles - Satire ist gegen alles! -, aber mit einem Charme, einer Leichtigkeit, einer Toleranz und Selbstironie, einem belustigten Verzeihen (»Ja, Wedel, so isses ähm«, sagte er gern in seiner Mittweidaer Sprechart). In einer Zeit, in der immerzu Kampf in der Luft lag, und sei es für den Weltfrieden, war er ganz und gar unkämpferisch, aber immer politisch.

Politisch vielschichtig war zum Beispiel sein Verhältnis zu seinem Nachbarn Hümpe, einer autoritären Kreatur. Die Hümpe-Geschichten (oder war es nur die eine?) waren mir die liebsten seiner Anfängerjahre. Denn Matthias hatte seinen Hümpe richtig lieb! Bald erschienen seine ersten Bücher - »Leben mit Jacke« (ich sehe sie vor mir, diese Jacke) und »Meldestelle für Bedenken«.

Gern spielte er in jungen Jahren den »Deutscher Dichter«. Nichts beflügelte seinen Spott mehr als die eingebildete Aura der »Deutschen Dichter«. Unvergessen ist mir, wie er mir bei einem Aufenthalt im Schriftstellerheim in Petzow die deutschen Dichter vorstellte, die da auf der Terrasse mit dem Rührei kämpften. Er parodierte in Texten einige von ihnen - auch große Namen der Staatsliteratur, was natürlich böses Blut machte. Als deutscher Dichter war er sich für nichts zu schade, war »halber« Dramaturg beim Kabarett in Gera, arbeitete journalistisch, rezensorisch, viel für den Rundfunk. Alles, was ich von ihm las und hörte, war »typisch Biskupek«: fein gesponnen, leise, unerbittlich genau.

Er liebte den Literaturbetrieb, er war gerne beruflich Literat. Quell seines Humors war oft der Klatsch. Er saß gern in den Redaktionen, für die er schrieb, und brachte Leute zueinander. Schon deshalb wäre der »Eulenspiegel« - vor und nach dem Staatsstreich - ohne ihn nur trostlos gewesen. Er kooperierte gern (mit mir auch). Er hatte ein unnachahmliches Talent, Reiseaufträge auf sich zufliegen zu lassen. Er erzählte mir, wie er bei der Sekretärin vom Schriftstellerverband in der Friedrichstraße sitzt und klatscht, und ein gestresster Verbandsmitarbeiter die Tür aufreißt und ruft: »Ich habe hier eine Schriftstellerreise nach Tallinn. Biskupek, willst du nicht vielleicht nach Tallinn? Oder willst du lieber Peking?«

Literat zu sein, war ihm auch ernst. Er wirkte in vielen Schriftstellergremien, saß in Jurys, ging in Schulen, arbeitete fürs Rudolstädter Theater. Er schrieb die Rudolstädter Literaturgeschichte auf - für die Thüringer war er, der Sachse, die Inkarnation des Heimatschriftstellers (was sein Ministerpräsident in einem Nachruf würdigte).

Wenn ein Schriftsteller stirbt, bleibt sein Werk. Was bleibt von einem Satiriker und Polemiker? Hunderte Texte im »Eulenspiegel«, in der »Weltbühne«, in »Ossietzky«.

Einmal rief ich ihn an, weil ich beglückt einen wunderbar scharfen Text von ihm in einer alten »Weltbühne« gefunden hatte. »Ach, Wedel«, sagte er (als deutsche Dichter sprachen wir uns mit Nachnamen an), »ich habe doch so viel geschrieben!« Soll heißen: Ich bin kein Max Frisch und kein Heinrich Böll. Glücklicherweise war er das nicht. Aber die Haltung und wohl auch die Technik hatte er von Erich Kästner, den er verehrte; am liebsten wäre er vielleicht Karl Valentin gewesen.

Bis vor wenigen Wochen schrieb er Tagebuch auf seiner Internetseite, die ihm Sohn Johannes gebaut hatte. Anfang des Jahres erzählte er dort launig, wie er das Dutzend Kalender, das ihm ins Haus geflogen war - einer origineller, schöner, lehrreicher als der andere -, an würdige Plätze verteilt. Nun ist erst das vierte Blatt umgeschlagen, und er ist nicht mehr da. Zum letzten Mal, wie ich seit Montag weiß, sahen wir uns, als wir von Renate Holland-Moritz Abschied nahmen: In der Andachtshalle von Berlin-Friedrichsfelde erscholl »Durchs Gebirge, durch die Steppe zog«, und Biskupek hielt die Trauerrede. Als ich unter den Trauernden einen Kollegen, den ich lange nicht gesehen hatte, nicht sofort wiedererkannte und Biskupek nach ihm fragte, sagte er böse: »Du wirst auch alt, Wedel, wahrscheinlich stirbst du sogar.«

Damit könnte er recht behalten.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung