Vom Körper und anderen Schmerzen

Die Wut, die Gewalt: Emilie Pines Essayband »Botschaften an mich selbst«

  • Von Isabella Caldart
  • Lesedauer: 5 Min.
Noch einen Schluck: In ihrem Essayband thematisiert Emilie Pine neben anderen Traumata den Alkoholismus ihres Vaters.
Noch einen Schluck: In ihrem Essayband thematisiert Emilie Pine neben anderen Traumata den Alkoholismus ihres Vaters.

Der Einstieg ist krass: »Als wir ihn finden, liegt er schon seit Stunden in seinem Kot.« Schockieren will Emilie Pine will mit ihren »Botschaften an mich selbst« aber nicht. Vielmehr schont die irische Autorin in ihren sechs Essays weder sich noch ihre Umgebung. Der Mann, um den es in »Über Unmäßigkeit« geht, ist niemand anderes als ihr eigener Vater Richard Pine, selbst Autor und Journalist - der übrigens den Text vorher las und sein Einverständnis gab.

Persönliche Erfahrungen, universelle Wahrheiten

Ausgehend von einem Krankenhausaufenthalt ihres Vaters auf Korfu, reflektiert Pine darüber wie es ist, Kind eines Alkoholikers zu sein. Dieses Essay, im Original 2018 erschienen, liest sich nach einem Jahr Pandemie ganz anders: Pine beschreibt die katastrophalen Zustände in Korfus Krankenhaus, erzählt etwa von Einweghandschuhen, die von Angehörigen der Patient*innen für die Pfleger*innen gekauft und die von diesen mehrfach verwendet werden, weil ihr Lohn vorne und hinten nicht reicht. Die Corona-Brille, mit der die Lesenden im Jahr 2021 diesen Text rezipieren, lenkt aber auch ein wenig ab vom eigentlichen Inhalt. Denn worum es Pine geht, ist, die Auswirkungen des väterlichen Alkoholismus aufzuzeigen; konkret an diesem Krankenhausaufenthalt, aber auch allgemeiner im Leben einer Tochter, die einen suchtkranken Vater liebt - mit all den Enttäuschungen, die das mit sich bringt, und all der Wut, die teilweise in trotzigen Gedanken wie »Stirb doch einfach« mündet. »Wie alle Kinder von starken Trinkern entwickelten wir eine spezielle Art von Wachsamkeit«, reflektiert sie rückblickend. »Wir lernten aus Erfahrung, nicht zu vertrauen. Wir lernten, Krisen zu bewältigen. Und wenn wir ihm in die Quere kamen, konnte er auf sehr kreative Weise verletzende Dinge sagen.«

Der Band »Botschaften an mich selbst« erzählt aber nicht nur von schwierigen Verhältnisse von Eltern und Kindern. Emilie Pine nimmt sich auch den Themen komplexe Beziehung, Körper und Wahrnehmung an: Den Kinderwunsch und die Kinderlosigkeit, die Trennung der Eltern, die selbstzerstörerische Kontrolle über den eigenen Körper, der Abwärtsstrudel in einer Mischung aus jugendlicher Rebellion, Einsamkeit, dem Wunsch nach Aufmerksamkeit und Liebe, und ihre Position als Frau im akademischen Betrieb seziert sie Stück für Stück. Und bleibt dabei auch mit sich selbst gnadenlos. Die Bereitwilligkeit, unverblümte literarische Texte aus der Tiefe der persönlichen Abgründe zu publizieren, liegt in der Familie.

Körperlichkeiten

Es ist kaum möglich, unter den sechs Essays eines hervorzuheben, das besonders stark ist, weil sie alle lesenswert sind. So persönlich Pine aus ihrem eigenen Leben berichtet, so universell sind die Wahrheiten, von denen sie erzählt. Allein der (kürzeste) Text »Reden/nicht reden« über die Trennung der Eltern verweist auf eine explizit irische Realität, weil es zu jenem Zeitpunkt, 1982, noch fast 15 Jahre dauern würde, bis das katholische Irland Scheidungen legalisieren würde.

Die konservative Sozialisation spielt für Pine eine große Rolle, weil sie extrem mit Scham behaftet war: »Ich hatte Sex ohne Kondom, weil ich es einfach nicht fertigbrachte, das Wort ‚Kondom‘ laut auszusprechen.« Generell brauchte die Autorin viele Jahre, um ihren Körper angemessen zu behandeln. Ihre Menstruation ist für die junge Emilie so schambesetzt, dass sie mit niemandem, nicht mal späteren Sexpartnern, darüber sprechen kann. Den Körper als den eigenen zu akzeptieren, entsprechend zu behandeln und zu verlernen, was einem beigebracht wurde, benötigt Zeit und gesellschaftlichen Wandel.

Erst im Alter von 39 Jahren, auf einer feministischen Veranstaltung vor Publikum, realisiert sie, dass sie als junge Frau zweifach vergewaltigt wurde: »In all den Jahren habe ich diese beiden Taten also nur als Situationen betrachtet, in denen ich gegen meinen Willen zum Sex gezwungen worden war. Die beiden Male, die ich nein gesagt hatte und es nichts geholfen hatte.« Die Vergewaltigungen als solche zu bezeichnen, fällt Emilie Pine noch heute schwer, wie sie schildert - in der Angst, die Erfahrungen anderer Frauen durch ihre eignen zu »bagatellisieren«.

Kontrollverlust, Kontrollgewinn

Eine Art der Kontrolle über ihren Körper erlangt sie als Jugendliche, doch es ist eine Scheinkontrolle, ein Zwang, der sie erst in eine Essstörung treibt, später ins Austesten der Grenzen durch Alkohol- und Drogenexzesse, zum Gebrauch ihres Körpers für Sex mit bedeutend älteren Männern. Was dieser Kontrollverlust auch noch bedeuten kann, merkt die erwachsene Pine, als sie sich entschließt, Kinder haben zu wollen. Sie ist körperlich gesund - und doch klappt es nicht. Frust, Angst und Enttäuschung, Wut, all diese Emotionen durchdringen das Essay »Aus den Babyjahren«. Und doch verliert sie dabei nie eine gewisse ironische Selbstdistanz: »Ich lese, dass mein Zervixschleim für eine optimale Beweglichkeit der Spermien eiweißartig sein soll. Okay. Bis gerade war mir nicht einmal bewusst, dass ich Zervixschleim habe, aber jetzt werde ich zu einer Connaisseuse seiner Konsistenz. Ich mache extra ein Omelett, um mir in Erinnerung zu rufen, wie Eiweiß aussieht«, beschreibt sie trocken, wie sie ihren Körper kennenlernt.

Nicht minder stark auch der letzte Text des Bandes, »Das steht nicht im Lehrplan«, in dem sie ihre Rolle im akademischen Bereich unter die Lupe nimmt: »Mir selbst wurde nie eine Beförderung verwehrt, und ich wurde bei der Arbeit nie sexuell belästigt, also geht es mir insgesamt gut. Aber dass ich mich deswegen glücklich schätze, erzählt eine ganz andere Geschichte.« Und auch ohne verwehrte Beförderung bemerkt Pine, wie oft sie sich in gewissen Kontexten zügelt, um weder zu forsch noch zu weiblich zu erscheinen, was beides für die Wahrnehmung ihrer Person und somit die Karriere hinderlich sein könnte. Situationen, die sehr viele Frauen kennen.

Emilie Pines »Botschaften an mich selbst«, gekonnt aus dem Englischen übertragen von Cornelia Röser (allein die wiederholte Verwendung des Worts »Scheide« die Leser*innen mit Karacho zurück in die 90er Jahre), sind, anders als der deutsche Titel von »Notes to Self« samt nichtssagend-kitschigem Cover glauben lassen, keine Coelho’schen Kalenderblattweisheiten, sondern feministische, wütende, witzige, knallhart ehrliche Essays darüber, wie es ist, in dieser patriarchalen Welt als Frau zu leben und zu überleben. Absolut gelungen, absolut lesenswert.

Emilie Pine: Botschaften an mich selbst. A. d. Engl. v. Cornelia Röser. btb, 224 S., geb., 20 €.

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