»Hier stehe ich ...«

Es ist so eine Sache mit den berühmten Aussagen großer Männer, die zu geflügelten Worten wurden, jedoch so nicht artikuliert worden sind. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist die Ermahnung von Michail Gorbatschow an Erich Honecker: »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.« Ein glatter Satz, der in die Geschichtsbücher einging, vom KPdSU-Generalsekretär indes viel umständlicher formuliert wurde. Gleiches gilt für das Bekenntnis von Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms am 18. April 1521: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.« In dieser Knappheit ist der trotzige Widerruf des bereits als Häretiker verurteilten und mit dem Kirchenbann belegten Wittenbergers erstmals auf einem Holzschnitt von 1557 wiedergegeben. Vor dem Kaiser sowie den versammelten Fürsten und erlauchten Ständen des »Heiligen Römischen Reiches« hatte der kleine Mönch seine Weigerung, zu Kreuze zu kriechen, jedoch wie folgt begründet: »Dieweil mir mein gewissen begriffen ist inn den worten gottes, so mag ich, noch will kain wort nit Corrigiern oder widerrueffen, dieweyl wider das gewissen beschwärlich und unhaylsam zu handlen, auch geferlich ist.« Und abschließend: »Got kumm mir zuhülf. Amen. Da bin ich.« Worauf er den Granden den Rücken zuwandte und davon trabte.

Ein Schlüsselereignis, mit der die Reformation erst so richtig Fahrt aufnahm, dreieinhalb Jahre nach Luthers Thesenanschlag, der auch nicht in der Form erfolgt war, wie gemeinhin überliefert. 500 Jahre danach wollte Worms das Jubiläum groß feiern und musste sich nun mit einem digitalen Festakt am Freitag sowie einem Multimedia-Spektakel auf dem Marktplatz der Stadt begnügen. Gott hilft nicht immer. ves

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