Kurzlehrgang Immobilienökonomie

SIEBEN TAGE SIEBEN NÄCHTE: Über den Fall des Mietendeckels

  • Von Stephan Kaufmann
  • Lesedauer: 2 Min.
Nicht mehr gedeckelt: Berliner Wohnungen.
Nicht mehr gedeckelt: Berliner Wohnungen.

Das Verfassungsgericht hat den Berliner Mietendeckel gekippt, was bedeutet, dass die Mieten nun wieder steigen dürfen. Zudem können die Vermieter*innen Millionen Euro an Mieten nachfordern. Und das ist letztlich gut für die Mieter*innen. Sagt der herrschende ökonomische Sachverstand. Wieso?

Ausgangspunkt für den Mietendeckel waren die explodierenden Preise fürs Wohnen. Ursache dieser Explosion ist laut herrschender Ökonomielehre die stark steigende Nachfrage nach Behausung. Denn laut dieser Lehre steigt der Preis, wenn die Nachfrage zunimmt und das Angebot nicht Schritt hält. Daraus folgt: Wenn nur das Angebot an Wohnungen wieder kräftig zunimmt, dann sinken auch die Mieten. So weit der erste Teil unseres Ökonomie-Kurzlehrgangs »Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis«.

Der zweite Teil lautet »Der Preis bestimmt Angebot und Nachfrage«: Wenn die Immobilienpreise steigen, sinkt laut ökonomischer Lehre die Nachfrage, weil die Wohnungen zu teuer werden. Gleichzeitig führen steigende Preise zu steigendem Angebot. Denn wenn Investoren höhere Einnahmen erwarten, dann bauen sie auch. Und wenn sie bauen - siehe Teil 1 -, dann wächst das Angebot an Wohnungen, und dann sinken die Preise wieder und alles wird gut. Deswegen begrüßen Ökonomen das Ende des Mietendeckels: Der Markt wird sich wieder »entspannen«, kommentiert das Institut DIW das Urteil.

So weit die Theorie. In der Praxis stellt sich für viele Menschen erstens das kleine Problem, dass sie bei steigenden Mieten ihre Nachfrage nach Wohnraum nicht einfach senken und unter eine Brücke ziehen können. Sie müssen schlicht die höheren Preise zahlen und können wegen der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands auch keine entsprechend höheren Löhne zur Kompensation verlangen. Sie werden ärmer. Zweitens zum Angebot: Privatinvestoren bauen Häuser, um damit eine Rendite auf ihr eingesetztes Kapital zu erwirtschaften, um reicher zu werden. Sie bauen also nur dann mehr, wenn die Preise steigen und daher mehr Rendite winkt. Zusätzlich gibt es hier ein selbstverstärkendes Moment: Hausbauer wollen nicht nur höhere Preise, sie müssen sie auch verlangen, denn wenn Grundeigentum teurer wird, steigen ihre Kosten.

Wenn steigende Preise also die Voraussetzung dafür sind, dass Privatanleger mehr bauen, dann folgt daraus logisch, dass die Preise kaum sinken werden, wenn es zusätzliches Angebot an Wohnraum gibt. Denn dieses zusätzliche Angebot existiert nur als Renditeanspruch der Eigentümer, und der verlangt eben hohe Mieten. Das Ende des Mietendeckels wird daher nicht die Mieter*innen »entspannen«, dafür aber die Vermieter*innen - und die Ökonom*innen. Denn für sie ist der Markt endlich wieder im Gleichgewicht.

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