Indien verliert die Kontrolle

In keinem anderem Land der Welt steigt die Zahl der Corona-Neuinfektionen derzeit so rasant an

  • Von Philipp Hedemann
  • Lesedauer: 5 Min.
Corona-Pandemie: Indien verliert die Kontrolle

Als der Test ergab, dass Ravi (Name geändert) Corona hat, rannte der Tagelöhner davon und verschwand in den engen Gassen des Slums Lalbagh in der indischen Megacity Delhi. Der 38-Jährige wollte sich nicht in eines der Quarantänezentren des dicht besiedelten Slums begeben. Mindestens 14 Tage hätte der alleinige Ernährer seiner Familie dort festgesessen, ohne eine einzige Rupie verdienen zu können. Niemand weiß, wie viele Menschen Ravi auf seiner Flucht vor der Quarantänestation bereits angesteckt hatte, bevor er sich nach Tagen stellte.

Verzweifelte wie Rave sind einer der Gründe, warum die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Indien seit Ende März explodiert. Zuletzt meldete das indische Gesundheitsministerium mehr als 230 000 Neuinfektionen - an einem Tag! Da in der größten Demokratie der Welt nach wie vor wenig getestet wird, dürfte die tatsächliche Zahl der Infizierten viel höher liegen. Mit rund 14,5 Millionen Erkrankten und mehr als 175 000 Toten ist Indien nach Angaben der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität mittlerweile nach den USA das Land mit den meisten Infizierten. Aufgrund der katastrophalen Zahlen hat Indien jetzt den Export von Corona-Impfstoff gestoppt. Impfkampagnen in aller Welt könnten so ins Stocken geraten.

Tagelang war Shiv Kumari auf der Suche nach dem Corona-positiven Ravi. Als staatliche Gesundheitshelferin, die ehrenamtlich für die Hilfsorganisation World Vision arbeitet, will sie helfen, die heftige zweite Welle im Slum, in dem sie aufwuchs, zu brechen. Sie berichtet, dass viele Krankenhäuser bereits an ihre Grenzen stoßen und Corona-Patienten abweisen. Zuletzt gab es alleine in der indischen Hauptstadt mehr als 17 000 Neuinfektionen pro Tag, unter den Erkrankten sind auch immer mehr Kinder, einige Krematorien mussten zusätzliche Öfen in Betrieb nehmen. Damit Infizierte ihre Sauerstoff-Sättigung im Blut selbst überprüfen können, verteilt die Gesundheitshelferin deshalb jetzt an Erkrankte Sauerstoffmessgeräte, die die indische Regierung kostenlos zur Verfügung stellt.

»Auch wenn die Zahl der Infektionszahlen gerade rasant steigen, haben die Menschen eher Angst, dass sie wegen einer Zwangsquarantäne oder eines zweiten harten Lockdowns verhungern könnten, als dass sie am Virus sterben. Deshalb wollen viele sich nicht testen lassen«, berichtet die 42-Jährige.

Mit der weltweit größten Ausgangssperre versuchte Indien zu Beginn der Pandemie den Corona-Kollaps zu verhindern. Damals gab es mutmaßlich zahlreiche unentdeckte Fälle, sodass man schon von einer ersten Welle hätte sprechen können, die häufig aber nicht als solche gezählt wird. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft waren katastrophal, Staat und Hilfsorganisationen mussten Millionen Menschen mit Lebensmittelhilfslieferungen unterstützen.

Seit Anfang Juni des vergangenen Jahres wurde der strikte Lockdown gelockert, nun kamen Anfang April beim Kumbh Mela, dem größten hinduistischen Fest der Welt, Millionen Menschen zusammen, um gemeinsam und oft ohne Abstand und Maske zu feiern und im Ganges zu baden. Auch wenn die Teilnahme offiziell nur mit einem negativen Corona-Test erlaubt war, wurden die Feierlichkeiten sowie überlaufene Wahlkampfveranstaltungen und gut besuchte Cricket-Spiele zu Superspreader-Events.

»Der erste strikte Lockdown war notwendig, damit das Gesundheitssystem sich auf die Pandemie vorbereiten und der Bevölkerung der Ernst der Lage klargemacht werden konnte. Dennoch haben viele Menschen mittlerweile die Angst vor dem Virus verloren«, sagt Dr. Suvirajh John, Chefarzt am renommierten Sir-Ganga-Ram-Krankenhaus in Delhi.

Nach Angaben des Arztes ist die jetzt in Indien vorherrschende Virusmutation ansteckender und wahrscheinlich auch gefährlicher und tödlicher als das Virus der ersten Welle. Viele Krankenhäuser füllten sich jetzt deshalb schnell mit COVID-19-Patienten und Hunderte Ärzt*innen und Pfleger*innen haben den Kampf gegen Corona schon mit dem Leben bezahlt. »Wenn das Gesundheitssystem in bestimmten Regionen unseres Landes an seine Grenzen gerät - und das wird passieren - wird die Regierung mit regionalen Lockdowns reagieren, um den Krankenhäusern eine Chance zu geben, wieder die Oberhand über das Virus zu bekommen«, sagt Dr. Suvirajh John.

In der Hauptstadt Delhi und im besonders betroffenen Bundesstaat Maharashtra, in dem auch die 12,5 Millionen Einwohner Wirtschaftsmetropole Mumbai liegt, wurden bereits Wochenend-Lockdowns und nächtliche Ausgangssperren verhängt. Außerdem soll die größte Impfkampagne der Welt Indien jetzt im Kampf gegen das Virus helfen.

Mitte Januar hatte das Land mit der zweitgrößten Bevölkerung der Welt begonnen, unter anderem besonders Gefährdete, Mitarbeiter*innen des Gesundheitssystems und Polizist*innen zu impfen. Mittlerweile sind alle Menschen über 45 Jahre impfberechtigt. Mehr als 106 Millionen Menschen wurden nach Angaben des indischen Gesundheitsministeriums zum Stichtag 18. April bereits mindestens ein Mal geimpft. Laut Plan sollen bis Ende Juli 300 Millionen Menschen immunisiert werden. Doch zuletzt geriet die Kampagne ins Stocken.

»Indien hat die Wucht der zweiten Welle unterschätzt. Beim derzeitigen Impftempo würde es 13 Monate dauern, um 60 Prozent der Bevölkerung zu schützen. Die Regierung muss jetzt sehr schnell sehr viel mehr Geld in die Hand nehmen, die Produktionskapazitäten dramatisch erweitern und weiteren Impfstoffen eine Notfallzulassung erteilen«, sagt Dr. Christian Wagner, Indien-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Nach dem Motto »India First« will Indien, das sich als Heimat des weltgrößten Impfstoffherstellers »Serum Institute of India« gerne als »Apotheke der Welt« bezeichnet, voraussichtlich bis mindestens Ende Juni keine Corona-Impfstoffe mehr exportieren. Dr. Suvirajh John: »Wir leben in einer globalisierten Welt. Die Pandemie kann weltweit nur besiegt werden, wenn auch die Schlacht in Indien gewonnen wird.«

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