Falscher Stadtteil

DER KHAN-REPORT: Warum Wohnen politisch ist

  • Von Ayesha Khan
  • Lesedauer: 3 Min.
Wohnen: Falscher Stadtteil

Als letzte Woche die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes zum Berliner Mietendeckel durch die Nachrichten ging und daraufhin Hunderte Menschen ihre Geschichten teilten, kam auch in meinem Umfeld das Thema »Wohnen« wieder auf. Geschichten über skrupellose Vermieter*innen gibt es zuhauf. Dass Menschen - auch in Deutschland - prekär arbeiten und auch prekär leben, macht es Eigentümer*innen und Wohnungsgesellschaften einfach, von der Not der Menschen zu profitieren. Die Politik tut ihr Übriges. In Deutschland wissen die wenigsten, wie die Menschen in ihrem Umfeld wohnen und leben oder ob sie ihre Miete zahlen können, ob sie sicher sind in ihren vier Wänden. Wie, wo und mit wem wir wohnen und leben, ist intim und privat. Aber es kann helfen zu verstehen, woher wir kommen und was uns beschäftigt.

Während meiner Schulzeit gehörte ich zu den wenigen, die zwar unweit der Schule wohnten, aber im »falschen« Stadtteil. Wir lebten im Arbeiter*innenviertel. Fünf Gehminuten von unserer Wohnung war das »Museum der Arbeit«. In der Straße, die direkt in den Stadtteil mit den Plattenbauten, den Hochhaussiedlungen führte, standen viele Häuser, die so aussahen, wie unser Haus. Ein kleiner Klinkerbau.

Dass dieser Begriff, Klinkerbau, abschätzig benutzt wurde, lernte ich erst Jahre später. »Ich weiß nicht, wie ihr in so einem Haus leben könnt. Im Klinkerbau leben nur seltsame Menschen.« Ein Arbeitskollege fuhr uns nach einer Weihnachtsfeier nach Hause. Als wir vor meiner Wohnung ankamen, fielen diese Sätze. Ich wollte noch sagen, dass ich gerne in diesem Haus lebe. Dass ich die Wohnung mag. Dass ich die Nachbar*innen nett finde und eine Freundin hier habe. Aber ich sagte nichts.

Wir hatten zweieinhalb Zimmer auf 55 Quadratmetern. Mit vier Personen. Zwischenzeitlich auch mit sieben und acht Personen. Als meine Großeltern, meine Tante und mein Onkel nicht mehr im »Lager«, so nannten wir Geflüchtetenunterkünfte in den 90er Jahren, leben konnten, kamen sie zu uns. Und auch sonst gab es ein reges Kommen und Gehen von Verwandten auf Durchreise, mit Duldung und unsicherem Aufenthalt. Verwandte und Bekannte, die gerade in Deutschland gelandet waren, oder die, die keine Wohnung fanden. So lebten wir wochenlang mit ihnen auf 55 Quadratmetern, schliefen im Wohnzimmer auf dem Boden. Im Keller hatten wir Gästematratzen und unzählige Decken und Kissen. Wir waren Kinder, wir haben es geliebt.

Wohnen und Leben hieß immer Gemeinschaft. Ein eigenes Zimmer wie meine Klassenkamerad*innen hatte ich sowieso nicht. Hohe Decken oder Stuck kannte ich nur aus dem Fernsehen. Ich wusste nicht einmal, dass »normale« Menschen in solchen Wohnungen leben konnten, bis ich aufs Gymnasium kam. Wohnen als Statussymbol habe ich nicht verstanden, bis ich die Altbauwohnungen von Klassenkamerad*innen sah. Das Konzept »Eigentumswohnung« hätte mich damals völlig durcheinander gebracht.

Ich will nicht falsch verstanden werden: Natürlich kannte ich auch aus meiner Community Menschen, die eigene Häuser besaßen, ja selbst gebaut hatten. Menschen, die angekommen waren. Es »geschafft« hatten. The German Dream.

Andererseits kenne ich immer noch Familien, die wie auf gepackten Koffern sitzen. Damit meine ich wortwörtlich: in ihren Schlafzimmern stehen Koffer. Jederzeit bereit die Zelte abzubrechen, weiterzuziehen, weil es hier zu unsicher ist. Oder weil sie hier nicht zu Hause sind. Und das seit über zwanzig Jahren. »Wenn man einmal geflüchtet ist, kann man es jederzeit wieder.« So sagen sie.

Ich denke oft zurück an unsere 55 Quadratmeter, in denen ich etwa 20 Jahre meines Lebens gelebt habe. Und wie gern ich dort gewohnt und gelebt habe. Auch wenn wir keine hohen Decken hatten. Es war egal, wie klein und eng die Wohnung war: In jedem Millimeter dieser Wohnung stecken Erinnerungen, die ich mit mir trage, egal wohin es mich weiterzieht.

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