Einer für die Ostkurve der Politik

Mit der Initiative »Aufbruch Ost« gilt Philipp Rubach als junge Stimme Ostdeutschlands. Jetzt strebt er für die Linkspartei in die Politik

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 11 Min.
Der Osten lebt, aber er ist in keinem guten Zustand: Philipp Rubach in der Dresdner Robotronkantine
Der Osten lebt, aber er ist in keinem guten Zustand: Philipp Rubach in der Dresdner Robotronkantine

Jetzt sollen also bunte Bänder für Wohlgefallen sorgen. Die Kunststoffbahnen in Orange, Weiß und Grün spannen sich um die Säulen der Robotronkantine in Dresden. Der Bau hat ein wenig Kosmetik dringend nötig. Errichtet Anfang der 70er Jahre als Betriebsgaststätte des Kombinats Robotron, gilt er als wichtiges Zeugnis der Architekturmoderne in der DDR - und dämmert doch seit Jahren ungenutzt vor sich hin. Ideen zur Nutzung gab es viele, umgesetzt ist keine. Kürzlich scheiterte die Idee, das Gebäude für die Stadt zu kaufen. Nun sollen regelmäßige »künstlerische Interventionen« zumindest weiteren Vandalismus verhindern. Die bunten Bänder sind ein Zeichen: Es passiert etwas - auch wenn noch niemand genau weiß, wohin es geht und wann die Lage wirklich gut wird.

Ein wenig, sagt Philipp Rubach, ist es mit der Robotronkantine wie mit dem Osten insgesamt: Er ist noch da, aber die Zustände sind alles andere als rosig, und wann sie sich endlich mal bessern, weiß niemand. Rubach sitzt auf einem Stuhl im früheren Speisesaal; vor sich eine Wand aus Formsteinen, die einst den Sinn der Werktätigen für Ästhetik ansprechen sollten und jetzt mit Graffiti besprüht ist. Sie zieren auch die Fassade des gesamten Gebäudes. Die bunten Plastikbahnen verhüllen die Tristesse nur notdürftig. Sie ähneln darin den Festreden zum jährlichen Tag der Deutschen Einheit, die Missstände im Osten des Landes für einen Moment überdecken. »Wer hier arbeitet, verdient im Schnitt 5000 Euro weniger als sein Kollege im Westen und arbeitet dafür noch 56 Stunden mehr«, sagt Rubach: »Was bitteschön hat das mit Einheit zu tun?!«

Die Lohnlücke ist nicht das einzige, was Rubach ärgert. Sie zieht, sagt er, für viele einen »Mobilitätszwang« nach sich: Wer passabel verdienen will, muss in den Westen pendeln. In der ostdeutschen Provinz fehlen dadurch die jungen, gut ausgebildeten Menschen, auf die sich eine rege Zivilgesellschaft stützen könnte. Ostdeutsche halten in Bayern und Hessen die Betriebe am Laufen; führen dürfen sie das Land nicht: Von den Spitzenposten der Republik besetzen sie auch 30 Jahre nach der deutschen Einheit nur magere 1,7 Prozent. Defizite, die angeprangert gehören, fanden Rubach und ein paar seiner Freunde. Als im Herbst 2018 beim »Lichtfest« in Leipzig wieder einmal mit einigem Pathos an die »friedliche Revolution« in der DDR erinnert wurde, entrollten sie neben der Bühne vor 15 000 Menschen ein zehn Meter langes Transparent. »Friede, Freude, Einheit?«, war darauf zu lesen - und die Forderung: »Treuhand-Aufarbeitung jetzt«.

Das Transparent stieß auf Interesse; noch mehr jedoch der Umstand, dass diejenigen, die es hielten, erst Anfang oder Mitte 20 waren. Rubach ist 1996 geboren: sieben Jahre, nachdem Demonstrationen auf dem Leipziger Ring das Ende der DDR befördert hatten; sechs Jahre, nachdem die Treuhandanstalt ihre Tätigkeit aufgenommen, Zigtausende Betriebe abgewickelt und Hunderttausende Menschen in die Arbeitslosigkeit geschickt hatte. Als Rubach geboren wurde, war die Behörde bereits wieder Geschichte und in ihre Nachfolgeinstitution BvS überführt.

Eine plausible Reaktion darauf, dass derart junge Menschen die Feierstimmung im Herbst 2018 störten und, wie Rubach später in einem Interview formulierte, »das Gelingen der Wiedervereinigung infrage stellen« wollten, wäre Ablehnung gewesen: Ihr wisst ja gar nicht, wovon ihr redet! Das Gegenteil aber sei der Fall gewesen. »Die Leute reagierten neugierig und aufgeschlossen«, sagt er: »Sie schienen dankbar, dass sich junge Menschen für die Geschichte interessieren.«

Die Aktion beim Lichtfest in Leipzig war so etwas wie eine Initialzündung: der erste öffentlich sichtbare Auftritt einer Initiative namens »Aufbruch Ost«, die Rubach und einige Mitstreiter nach der Bundestagswahl 2017 und dem für sie erschreckend starken Abschneiden der AfD in Ostdeutschland gegründet hatten. Es war eine Blaupause für weitere Projekte. Nur dass die nicht mehr vor Zehntausenden Menschen und im Licht der Scheinwerfer stattfanden, sondern an teils verregneten Samstagen vor Kaufhallen in der ostdeutschen Provinz, in den Vorstädten von Zwickau, Bautzen oder Zeitz. »Wir sind in Regionen gegangen, wo nichts mehr los ist und Parteien nur selten hinkommen«, sagt er. Bierbänke wurden aufgeklappt und zum »Straßencafé« deklariert, in dem Rubach & Co. mit Menschen reden: über Ost und West oder über ihre Erinnerungen an die Treuhand. Oft, sagt Rubach, »war es, als hätten sie nur darauf gewartet, dass mal einer fragt.«

Zu hören bekamen sie Geschichten über dubiose Privatisierungen, über hochnäsige westdeutsche Manager, die Ostfirmen kalt abwickelten, und über Beschäftigungstherapien namens ABM. Rubach kannte sie aus seiner Familie und vor allem von seinem Großvater nur allzu gut. »Bei jeder Kaffeerunde in der Familie war das ein Thema«, sagt er. Was ihm anfangs nicht klar war, ist, wie vielen Menschen im Osten es ebenso geht - und wie sehr auch seine eigene Generation die Folgen spürt. Für viele Ältere verkörpere das Wort »Treuhand« wie kein anderes »biografische Brüche, Entwertung von Lebensleistungen, Scham, Resignation und Sprachlosigkeit bis heute«. Für die Jüngeren bedeutet es oft, wählen zu müssen zwischen Heimat und gut bezahlten Jobs oder Aufstiegschancen. Und es heißt, in einer Region zu leben, in der die AfD doppelt so hohe Ergebnisse einfährt wie im Westen. Rubach, der sich schon als Schüler antifaschistisch engagierte und etwa im Bündnis »Dresden nazifrei« betätigte, hält das für scher erträglich. Die Wahl der Partei, glaubt er, gebe aber vielen Ostdeutschen das Gefühl, politisch etwas bewirken zu können - anders als im Umgang mit der Treuhand oder beim Widerstand gegen Hartz IV. Dort habe man Niederlagen erlitten, denen viele endlich einen Sieg folgen lassen wollten. Im Osten, sagt er, gehe es um »Selbstermächtigung«.

Es hat gedauert, bis Rubach die Geschichten seines Großvaters vom Kaffeetisch in solchen Kategorien analysierte - und bis er den Plan fasste, eine »Selbstermächtigung« der Ostdeutschen auf andere Weise und mit einem linken Projekt zu bewirken. Zunächst war selbst »Ostdeutsch sein« nur ein Gefühl, das an Sonnabenden an einem Ort nicht weit von der Robotronkantine gepflegt wurde: im Stadion von Dynamo Dresden, in dem er eine Zeit lang praktisch jedes Spiel miterlebte; im legendären K-Block und einer Fangruppe, die sich »Ostblock« nannte. Sie zog bei Spielen gegen Vereine aus Osnabrück oder Fürth mit unflätigen Sprüchen über »asoziale Wessis« her. Das war in einer Zeit, als der Verein den Aufstieg schaffte, wonach er freilich immer noch nur in der 2. Liga spielte. In der ersten Liga war der Osten damals nicht präsent.

Zu einem politischen Ansatz formten sich das Bauchgefühl aus dem »Ostblock« und die Anekdoten des Großvaters erst, als Rubach zum Studium nach Leipzig ging und dabei Kommilitonen kennenlernte, die »eine andere Sozialisation erfahren« hatten: weil sie aus einem Teil des Landes kommen, der von Umbrüchen verschont blieb; in dem kaum jemand erleben musste, dass sein bisheriges Leben völlig infrage gestellt wurde; wo das Gefühl von Benachteiligung nicht zum Alltag gehört. Er habe begonnen, die Erfahrungen von Menschen wie seinem Großvater zu reflektieren und zu verallgemeinern, sagt Rubach. Eine der Kernforderungen von »Aufbruch Ost« lautet, die Ostdeutschen sollten nicht nur das Recht auf Einsicht in ihre Stasi-Akte haben, »sondern auch ihre Treuhand-Akte einsehen können«. Seine Abschlussarbeit schreibt Rubach ebenfalls über die Behörde - und einen erfolgreichen Akt des Widerstands gegen deren unseliges Wirken, der 30 Jahre später weitgehend vergessen ist. Es handelt sich um den Kampf der Edelstahlwerker in Freital für ihr Unternehmen, das die Treuhand als nicht privatisierungsfähig eingestuft hatte, das aber nach erbittertem Widerstand einschließlich einer Besetzung des Dresdner Flughafens gerettet wurde. Heute arbeiten dort rund 1000 Menschen: »Das zeigt doch, was möglich war.«

Freital ist nach Ansicht von Rubach und seinen Mistreitern auch ein Beispiel, das 30 Jahre später zur Nachahmung zu empfehlen ist. Sie verstehen den Namen ihrer Initiative »Aufbruch Ost« durchaus als Aufforderung. Ging es bei den »Straßencafés« noch vor allem darum, die verbreitete »Sprachlosigkeit« mit Blick auf die Wendegeschichte zu überwinden und »Worte dafür zu finden, was in den letzten 30 Jahren in Ostdeutschland stattgefunden hat«, so haben sich die Akzente in den vergangenen Monaten gewandelt. Zugespitzt formuliert: Es geht nicht mehr um eine Art unverbindlicher Gesprächstherapie, sondern um »Rebellion«. Die Initiative will »Druck von unten aufbauen« und politische Veränderungen anstoßen. Dazu unterstützt »Aufbruch Ost« zusammen etwa mit der Gewerkschaft NGG Arbeitskämpfe wie im Teigwarenwerk Riesa, wo es darum ging, die eklatante Lohnlücke zum Westen zu schließen, oder zuletzt bei Haribo in Wilkau-Haßlau, wo die Belegschaft die Schließung des einzigen ostdeutschen Konzernstandorts verhindern wollte. Gerechte Arbeits- und Lebensbedingungen und Mitbestimmung, sagt Rubach, seien eminent wichtig, um den Rechten im Osten »den Wind aus den Segeln zu nehmen«. Die Aktionen vor den Werkstoren seien für die jungen Aktivisten ein Schritt »heraus aus der widerspruchsfreien Komfortzone«, räumt Rubach ein. Man dürfe aber »die Arbeiter und Arbeiterinnen in Ostdeutschland nicht aufgeben«. Diese sprächen von sich selbst im Übrigen selten als von »Arbeitern«, sondern definierten sich eher als Ostdeutsche. »Im Osten«, sagte Rubach in einem Interview für die Rosa-Luxemburg-Stiftung, »zeigt sich Klassenbewusstsein nicht selten in Form ostdeutscher Identitätspolitik.« Diese zu adressieren, fügte er hinzu, sei »ein Potenzial, das Linke verschenken.«

Es sind nicht nur erstaunlich reflektierte, sondern für einen Mittzwanziger auch verblüffend selbstbewusst vorgetragene Thesen und Forderungen. Rubach steht damit exemplarisch für eine ganze Generation junger Ostdeutscher, die einen anderen Blick auf den Osten fordern, für einen differenzierten, von Klischees befreiten Umgang mit dessen Geschichte werben und den Anspruch artikulieren, die Kluft zum Westen nach 30 Jahren endlich zu schließen. »Aufbruch Ost« knüpft an Initiativen wie »Dritte Generation Ost« an, die bereits vor anderthalb Jahrzehnten zeigte, dass man die DDR nicht erlebt haben muss, um sich als »ostdeutsch« zu fühlen. Heute ist Rubach eine ostdeutsche Stimme neben anderen: Melanie Stein von der Plattform »Wir sind der Osten« etwa oder die Journalistin Valerie Schönian, Autorin des Buches »Ostbewusstsein: Warum Nachwendekinder für den Osten streiten«.

Was ihn von vielen Gleichgesinnten womöglich unterscheidet, ist sein dezidiert politischer Anspruch. Rubach, der als Teenager im »Ostblock« von Dynamo stand, ist heute gewissermaßen in der Ostkurve der Politik angekommen. Gut drei Jahre geschah das mit »Aufbruch Ost« außerhalb von Parlamenten. Jetzt drängt es ihn in ein solches, konkret: in den Bundestag. Er kämpft für die Linkspartei um ein Direktmandat im Landkreis Nordsachsen, in einer Region, in der die Bäume für linke Politiker nicht in den Himmel wachsen, in der er sich aber wohlfühlt. Er selbst sei am Stadtrand von Dresden groß geworden; dort, wo die Straßenbahn endet und der Bus nur noch alle Stunde fährt: »Ländlicher Raum liegt mir«, sagt er. Am Samstag bewirbt er sich zudem um einen Platz auf der Landesliste der Partei - neben anderen politischen Talenten wie der Menschenrechtsaktivistin Clara Anne Bünger und der Ex-Piratin Julia Schramm sowie Schwergewichten der sächsischen Linken wie Katja Kipping und Sören Pellmann, André Hahn, Caren Lay und Sabine Zimmermann. Auch Landeschef Stefan Hartmann kandidiert. Um die eher überschaubare Anzahl an sicheren Listenplätzen dürfte es ein erbittertes Ringen geben. Welche Chancen die Delegierten einem parteilosen Mittzwanziger wie Rubach einräumen, ist offen.

Dass dieser freilich überhaupt für Die Linke kandidiert, sei ein enormer Gewinn, sagt Luise Neuhaus-Wartenberg, Vizepräsidentin des Landtags und Kreisvorsitzende in Nordsachsen. Sie erinnert daran, dass sich die PDS als Vorgängerin der heutigen Linken jahrelang »als Stimme des Ostens begriffen« habe und dafür erheblichen Zuspruch bei Wahlen erhielt. Kompetenz für den Osten und der Blick auf Ungerechtigkeiten der Nachwendezeit gehörten zum Markenkern der Partei. Allerdings sei sie seit dem Zusammengehen mit der vor allem im Westen starken WASG und der Gründung der Linkspartei »darin nicht mehr gut genug« gewesen, sagt Neuhaus-Wartenberg. Man habe, gestand vor einigen Jahren der sächsische Fraktionschef Rico Gebhardt, »eine gesamtdeutsche Partei« sein wollen - und räumte damit ureigenes Terrain. Dabei zeigten Umfragen wie der »Sachsen-Monitor«, wie groß das Gefühl der Benachteiligung im Osten war, auch unter Jüngeren. Ein Viertel der 18- bis 29-Jährigen äußerte das Gefühl, bei der Vereinigung benachteiligt worden zu sein. Als ihre politische Stimme präsentierten sich andere als die Linke. Vor der Landtagswahl 2019 in Sachsen war es SPD-Ministerin Petra Köpping, die unter der Devise »Integriert doch erst mal uns« für eine stärkere Anerkennung ostdeutscher Lebensleistungen warb. Zugleich stellte sich die AfD vor den Wahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg als wahre Verfechterin ostdeutscher Interessen dar und plakatierte den Slogan »Vollende die Wende!« Die Linke konnte die offene Flanke nicht schließen. Dass sie sich von dem Thema Ostdeutschland in der Wahrnehmung der Wähler zeitweise abgewendet habe, sei, gestand Gebhardt ein, »ein Fehler« gewesen.

Rubach würde gern helfen, ihn zu korrigieren - mit einem kämpferischen Ansatz. Es helfe wenig, sich nur zu beklagen, was nach 1989 alles schlecht gelaufen ist, sagt er: »Wir sollten den Blick nach vorn richten.« Neuhaus-Wartenberg attestiert ihm eine »rebellische, ganz und gar nicht verbitterte« Haltung und »Verständnis dafür, was vor 1989 gelaufen ist und was in den letzten 30 Jahren«. Dass die Linke auch dank solcher junger Politiker das Thema Ostdeutschland noch einmal offensiv angehe, sei nicht zuletzt mit Blick auf die AfD ungemein wichtig, fügt sie hinzu: »Wir müssen unbedingt vermeiden, dass der Laden endgültig kippt.«

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung