Keine Zeit zum Jammern

Sechs Teams schweben noch in akuter Gefahr, aus der Bundesliga abzusteigen

  • Von Frank Hellmann
  • Lesedauer: 4 Min.
Abstiegskampf pur: Am Mittwoch setzten sich Karim Onisiwo (r.) und die Mainzer im direkten Duell mit Werder Bremen durch.
Abstiegskampf pur: Am Mittwoch setzten sich Karim Onisiwo (r.) und die Mainzer im direkten Duell mit Werder Bremen durch.

Ludwig Augustinsson lag rücklings auf dem Rasen, die Füße weit von sich gestreckt, die Hände vors Gesicht geschlagen. Dazu rang der ganze Körper nach Luft wie ein Maikäfer, der sich beim ersten Flug im Frühling etwas übernommen hat. Der schwedische Verteidiger des SV Werder Bremen bot am Mittwochabend das Sinnbild der Bremer Enttäuschung. Derweil konnten die Spieler des FSV Mainz 05 ihr Glück nach dem 1:0 im Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga kaum fassen. Aus einst zwölf Punkten Rückstand auf den direkten Rivalen ist ein Zähler Vorsprung geworden. Dazu haben die Mainzer noch das Nachholspiel gegen Hertha BSC am 3. Mai in der Hinterhand.

Die Rheinhessen sind das fünftbeste Team der Rückrunde, Werder hingegen hat sechsmal in Folge verloren. »Jetzt werden wir wahrscheinlich vier Endspiele haben«, ahnt Trainer Florian Kohfeldt. Anders als im Vorjahr war sein Team lange nicht in Abstiegsgefahr, nun aber wachsen erneut die Sorgen, zumal die Mannschaft offenbar weniger Qualität hat. »Wir waren nicht gut genug, um es zu erzwingen«, gestand Kohfeldt und fügte an: »Mainz hat sich das über die letzten Monate verdient.« Sein Mainzer Kollege Bo Svensson hat tatsächlich in seinem Team Tugenden geweckt, auch umkämpfte Spiele zu gewinnen. »So eine Rückrunde hinzulegen, ist nicht selbstverständlich«, sagte Torschütze Adam Szalai. »Es geht weiter, wir haben noch fünf Endspiele.« Samstag gegen den FC Bayern wird es schwierig, allerdings scheint in Mainz gerade nichts unmöglich.

Wie fast jedes Jahr kündigen sich auch 2021 die echten Dramen auf der Bundesliga-Zielgeraden nur im Tabellenkeller an, weil auch Arminia Bielefeld gar nicht daran denkt, die zugedachte Rolle als Absteiger zu akzeptieren. Der Aufsteiger beweist Nehmerqualitäten, und der Trainerwechsel von Uwe Neuhaus zu Frank Kramer zeigt Wirkung. So träumen Stürmer-Urgestein Fabian Klos und Kollegen schon vom direkten Klassenerhalt.

Abstiegssorgen plagen dagegen wieder den FC Augsburg. Das 0:2 bei Eintracht Frankfurt war bereits die dritte torlose Partie in Serie, davor hatten die bayerischen Schwaben schon gegen den einzig feststehenden Absteiger Schalke und Kellerkind Bielefeld keine Treffer zustande gebracht. »Wer es nicht schafft, ein Tor zu schießen, gewinnt kein Spiel«, fasste Augsburgs Trainer Heiko Herrlich zusammen. Dass sein Angreifer Alfred Finnbogason einen Elfmeter lässig über die Latte löffelte, passte zu den Nachlässigkeiten. Nun wird das Heimspiel gegen den 1. FC Köln an diesem Freitag zum Charaktertest. Die Warnlampen bei Finnbogason sind jedenfalls eingeschaltet. »Wir wissen, was für Überraschungen passieren können«, sagt der Isländer. Oft genug sei sein Team selbst noch an Konkurrenten vorbeigezogen, die sich in trügerischer Sicherheit gewähnt hatten.

Solch ein Manöver hat nun auch Gegner Köln geplant, wo unter Friedhelm Funkel mit dem Coup gegen RB Leipzig (2:1) der Optimismus zurückgekehrt ist. Der routinierte Notretter versucht sich aber erst gar nicht an Rechenexempeln. »Man kann nicht sagen, ob sechs, sieben oder zehn Punkte reichen. Erst mal wollen wir in Augsburg mit einem guten Spiel ein gutes Ergebnis erzielen. Dann sind 14 Tage Pause und wir schauen, was wir in den letzten drei Spielen noch holen müssen.« Der 67-Jährige möchte nun beweisen, was ihm bei Fortuna Düsseldorf vor einem Jahr nicht mehr zugetraut wurde: eine Mannschaft zum Ligaverbleib zu führen.

Zum Zünglein an der Waage könnte einer von Funkels Ex-Klubs werden: Hertha BSC - wo der Routinier 2010 den Sturz in die Zweitklassigkeit nicht verhindern konnte - gibt die große Unbekannte aller Planspiele. Bis 29. April sind die Berliner noch in Corona-Quarantäne. Nun hat die DFL die Nachholspiele terminiert: Sechs Spiele in 20 Tagen stehen danach an. Ein straffes Programm. Dass der Hauptstadtklub psychologisch im Nachteil sei, weil der Druck beim Anblick der Tabelle steigt, will Pal Dardai nicht erkennen. »Von hinten nach vorn zu spielen, ist doch gut«, sagt Herthas Trainer. Noch aber schwitzen die Berliner zu Hause auf Laufband, Fitnessrad und Trainingsmatte. »Dem Teamgeist schadet es nicht. Wie sie ackern beim Online-Training, das kann auch positiv sein«, behauptete Dardai. Der Ungar jammert einfach nicht gern. »Wir suchen kein Alibi, es gibt viel schlimmere Dinge im Leben«, weshalb ihn eine mögliche Wettbewerbsverzerrung gar nicht interessiert. »Wir haben alles selbst in der Hand.« Und das Wichtigste sei, dass alle gesund werden und bleiben. Dem ist in Pandemie-Zeiten nichts hinzuzufügen.

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