Die Seuchen und das Vergessen

Nach dem Verschwinden der Kinderlähmung aus den meisten Ländern verloren Infektionskrankheiten ihren Schrecken - verfrüht

  • Von Christoph Schwamm
  • Lesedauer: 8 Min.
1940: Eine Polio-Patientin wird mit Hilfe der sogenannten Eisernen Lunge beatmet.
1940: Eine Polio-Patientin wird mit Hilfe der sogenannten Eisernen Lunge beatmet.

Seit Corona ist nichts mehr, wie es war». Diesen Satz würden wohl viele Menschen so unterschreiben. Aber was ist es eigentlich, das früher «war»? Eine historische Neuverortung tut not. Die Pandemie ist eine Naturkatastrophe. Über das Verhältnis der Menschen zur Welt der Viren und Mikroben findet sich in unserer kollektiven Erinnerung nur wenig, was derzeit relevant erscheint. Warum ist das so? Wir haben weitestgehend verdrängt, wie unmittelbar unsere Beziehung zu den Seuchen bis vor circa sechs Jahrzehnten war.

Das immunisierte Zeitalter

Dies zeigt sich zum Beispiel am Modell des epidemiologischen Übergangs. Zugespitzt lässt es sich folgendermaßen zusammenfassen: Die Menschheit wurde seit Anbeginn der Zeiten von Seuchen geplagt. Hunger und Epidemien gingen Hand in Hand. Infektionskrankheiten und Mangelernährung waren als Todesursache der Regelfall (Phase 1). Durch eine verbesserte Ernährungslage und den Fortschritt des medizinischen Wissens ist es den Menschen seit Mitte des 19. Jahrhunderts gelungen, Infektionskrankheiten immer weiter zurückzudrängen (Phase 2). Dieser Prozess war Mitte der 1960er Jahre abgeschlossen. Die entwickelten Länder der Welt waren in ein «Immunisiertes Zeitalter» übergegangen (Phase 3). Seuchen sind trotz gelegentlicher Rückschläge (HIV/Aids) weitestgehend besiegt oder zumindest unter Kontrolle. Es ist genau diese Fortschrittserzählung, mit der wir die Geschichte unserer Beziehung zu Infektionskrankheiten beschreiben. Aber mit Beginn der Covid-19-Pandemie ist das immunisierte Zeitalter Vergangenheit, der Traum von der keimfreien Welt vorerst geplatzt. Wir müssen an die Vergangenheit völlig andere Fragen stellen als bisher.

Keine Krankheit kann uns besser an die Ära der Kämpfe gegen die Seuchen erinnern, als die spinale Kinderlähmung, Poliomyelitis oder kurz - Polio. Sie ist eine Erkrankung, die ein besonderes Potenzial besitzt, Panik und Terror zu verbreiten. Gegen die Kinderlähmung gibt es bis heute kein wirksames Medikament. Verbreitet über Schmierinfektion, befallen Polioviren vorwiegend Kinder. Innerhalb von Stunden kann der gesamte Körper einschließlich der Atemmuskulatur gelähmt werden. Bilden sich die Lähmungen nicht zurück, verkümmern große Teile der Bewegungsmuskulatur. Bei einer Lähmung der Atemmuskulatur müssen Patienten sogar künstlich beatmet werden. Bis zur Verbreitung moderner Beatmungstechniken mussten Betroffene in den sogenannten «Eisernen Lungen» behandelt werden. Schockierte Beobachter erinnerten die Stahlröhren an Särge, in denen die unglücklichen Kinder lebendig begraben wurden, schlimmstenfalls für den Rest ihres Lebens. Andere blieben für immer teilweise oder auch vollständig gelähmt. Als sie im Verlauf der 1960er Jahre durch Impfkampagnen zurückgedrängt wurde, war die Reaktion Euphorie und Fortschrittsjubel. Der Sieg über Polio leitete das immunisierte Zeitalter ein und wurde geradezu frenetisch gefeiert.

Polio erinnert jedoch nicht nur an die größten Triumphe der modernen Medizin und Hygiene. Die Entstehung der Polio-Epidemien war zur gleichen Zeit auch eine gigantische Fehlleistung ebendieses Fortschritts. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Kinderlähmung eine vergleichsweise geringe Gefahr für die Menschen. Ausgerechnet im Zeitalter der «Hungersnöte und Seuchen» existierte sie zwar punktuell, brach jedoch nur in Einzelfällen aus. Der Grund: Es existierte eine Herdenimmunität gegen Polio. Die Kinderlähmung überträgt sich über den fäkal-oralen Übertragungsweg. Es existierte vor dem späten 19. Jahrhundert keine flächendeckende Körperhygiene. Das Immunsystem der Menschen hatte längst Abwehrstrategien gegen die allgegenwärtigen Poliomyelitisviren entwickelt.

Zweischneidige Hygieneerfolge

Ab circa 1850 begann die Phase zwei des epidemiologischen Überganges, das Zeitalter der «Zurückdrängung der Pandemien». Die Hygiene trat ihren Siegeszug an. Dies bedeutete vor allem eines: Die Bewohner der sich industrialisierenden Länder sollten zu ihren Fäkalien nur noch so wenig Kontakt wie möglich haben. Es wurden Wasserwerke und Schwemmkanalisationen errichtet, mehr und mehr Wasserklosetts installiert. Die persönliche Körperhygiene mit Seife wurde populär. Es gelang bis zum Ende des Jahrhunderts, zahlreiche todbringende Seuchen erfolgreich zurückzudrängen. Plötzlich war der Hunger- oder Seuchentod nicht mehr die alles beherrschende Sterbeursache. Typhus, Ruhr und vor allem die gefürchtete Cholera spielten eine immer geringere Rolle. Ganz anders jedoch die Polio. Dieser Erkrankung hatte der Feldzug gegen die Fäkalien zu einem paradoxen Durchbruch verholfen. Je mehr Menschen sauber und rein wurden, desto weniger erwarben sich eine natürliche Immunität. 1894 brach die erste nachgewiesene Polio-Epidemie in Vermont, USA, aus. Nach kurzer Zeit war die gesamte industrialisierte Welt betroffen. Seit 1910 wurde auch Deutschland alle sechs bis sieben Jahre von der Erkrankung erfasst. Die Tendenz war eindeutig: Jedes Mal, wenn die Kinderlähmung wiederkam, forderte sie mehr Opfer.

Währenddessen schritt der Kampf gegen die Seuchen weiter voran. Anders als es populäre Fernsehproduktionen suggerieren, ist dies nicht nur berühmten Ärzten wie Robert Koch zu verdanken. Die ganze Gesellschaft war in die Bekämpfung der Infektionskrankheiten eingebunden. Und das verständlicherweise, denn Praktiken wie Körperpflege, Flächendesinfektion und Lebensmittelhygiene boten Schutz vor ernsthaften Gefahren. Es existierte ein hochdifferenziertes Spezialwissen, so etwa über die korrekte Art der Isolierung von Infizierten und der Quarantäne ihrer Kontaktpersonen. Gesundheitsämter wurden eingerichtet, Polizei und Ordnungsämter geschult. Wer in Kliniken arbeitete, musste noch in den 1960er Jahren, Dutzende verschiedene Desinfektionsmittel in ihrer korrekten Anwendung kennen.

Bis Mitte der 1960er Jahre kamen die Antibiotika auf und eine Vielzahl neuer Schutzimpfungen wurde auf einmal verfügbar. Diese beiden Neuerungen öffneten das Tor zum immunisierten Zeitalter. Sie machten jedoch auch die Mithilfe der meisten Menschen bei der Zurückdrängung der Infektionskrankheiten entbehrlich. Individuelle Kontaktbeschränkung und Hygiene traten massiv in den Hintergrund. Eine geradezu berauschte Öffentlichkeit wurde Zeuge spektakulärer Heilungen. Patienten mit Diagnosen wie Tuberkulose oder Syphilis hatten bis dahin jahrzehntelanges Siechtum und den finalen Exitus zu erwarten. Plötzlich wurden sie nach einer oder wenigen Injektionen eines Antibiotikums völlig geheilt. Durch neue Schutzimpfungen waren Killer wie Tetanus oder Diphtherie von einem Tag auf den anderen kein Problem mehr.

Der letzte große Feind

In dieser Lage begannen Politik und Wissenschaft der Ersten und Zweiten Welt sich auf den vermeintlich letzten großen Feind zu stürzen - Polio. Parallel zum Wettlauf ins All tobte nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein Rennen um ein wirksames Polio-Impfprogramm. Der Ostblock entschied dieses Rennen für sich. Die Sowjetunion begann 1959, die DDR 1960 mit der Verabreichung der neuen Lebendimpfstoffe an ihre Bevölkerung. Nach zwei Jahren war Polio in der DDR praktisch ausgerottet. Die Bundesrepublik lehnte hingegen ein Angebot von Hilfslieferungen mit dem Impfstoff aus der DDR aus politischen Gründen ab. Als Folge musste Westdeutschland 1961 noch einmal eine schwere Polio-Epidemie erleben, bevor auch dort 1962 das immunisierte Zeitalter begann.

Das große Vergessen setzte fast unmittelbar ein. Es ist ein Phänomen der Geschichtswissenschaft, dass Seuchen auffällig oft keinen Eingang in das kollektive Gedächtnis von Gesellschaften finden. Prägnantestes Beispiel hierfür ist die Spanische Grippe von 1918/1919. Gemessen an dem ungeheuren Leid, das diese Pandemie verursacht hat, muss man Quellen geradezu mit der Lupe suchen - was nicht nur an der Kriegszensur liegt. In anderen Fällen, wie etwa der Pest, gehen Seuchen zwar in die Geschichte ein, doch wurde hier das Erleben religiös oder literarisch überformt, wurde zum bloßen Symbol oder zur Schauergeschichte.

Die Erinnerung daran, wie sehr der Kampf gegen die Seuchen während der zurückliegenden hundert Jahre den Alltag bestimmt hatte, schien innerhalb kürzester Zeit zu verblassen. Es ist noch nicht lange her, da war eine Quarantäne zwar kein alltägliches, aber keinesfalls ein außergewöhnliches Ereignis. Eltern behielten ihre Kinder im Fall einer Epidemie wie selbstverständlich in den Häusern. Mehrfaches tägliches Händewaschen war kein Zeichen bürgerlicher Zwanghaftigkeit, sondern gebotene Strategie zur Erhaltung der Gesundheit und des Lebens. Kurz - die gesamte Gesellschaft war im Kampf gegen die Seuchen mobilisiert. Es ist diese Alltäglichkeit der Epidemiebekämpfung, die vollkommen vergessen war und die uns gegenwärtig auf eigentümliche Weise wieder interessiert.

In den Genuss des immunisierten Zeitalters kamen zunächst nur die entwickelten Länder der Erde. Doch im Jahr 1980 gelang es, mit den Pocken zum ersten (und bislang auch einzigen Mal) einen Erreger weltweit in freier Natur auszurotten. In mindestens zwei Laboren werden allerdings noch Pockenviren aufbewahrt. Angespornt durch diesen Erfolg startete die WHO 1988 mit der Global Polio Eradication Initiative (GPEI) die größte Gesundheitsaktion, die die Welt je erlebt hat. Ihre Mitarbeiter brachten es fertig, an jedes Haus, an jede Lehmhütte in jedem Slum auf dieser Erde zu klopfen, um so viele Menschen wie möglich zu impfen. In den vergangenen zehn Jahren wäre es damit beinahe gelungen, Polio auszurotten. Afrika wurde so gut wie poliofrei, schließlich gab es die Kinderlähmung nur noch in Afghanistan und Pakistan. Dort erhielt sie jedoch Unterstützung durch Querdenker ganz eigener Art: Die Taliban sahen in der Impfkampagne ein Komplott der US-Regierung, um die Bevölkerung zu sterilisieren. Impfungen wurden für unislamisch erklärt. Die Gotteskrieger begannen gezielt damit, Impfhelfer*innen der GPEI zu erschießen. Mittlerweile sind Dutzende von ihnen ermordet worden. Erst vor wenigen Wochen (30. März 2021) traf es wieder drei Mitarbeiterinnen.

Privileg der Industrieländer

Es war das Coronavirus, mit dem das immunisierte Zeitalter 2020 zu Ende ging, nicht das vorläufige Scheitern des «Endsieges» gegen die Kinderlähmung. «Träumt weiter von Eurer keimfreien Welt!» liest man häufig auf den Transparenten der «Corona-Gegner». Bei diesen ist dieser Satz ironisch gemeint. Tatsächlich haben wir in den vergangenen sechs Jahrzehnten den Traum von der keimfreien Welt gelebt. Dabei haben wir gerne vergessen, wie sehr Seuchen unser Leben stets geprägt haben und wie sehr wir alle darum gerungen haben, sie zurückzudrängen. Nun müssen wir uns wieder an Altbewährtes erinnern und daneben vieles Neue hinzulernen. Polio hat die Menschen durch alle Phasen des epidemiologischen Übergangs begleitet. Sie stand immer eigentümlich quer zu allen anderen Infektionskrankheiten. Sie stieg empor, als die Hygiene Eingang in unser Leben fand. Sie verbreitete Panik und Grauen, wurde dann zum Symbol des Triumphs über die Welt der Viren und Mikroben bis ihre weltweite Ausrottung an wenigen Mullahs im Hindukusch scheiterte. Nun ist Covid-19 da. So spektakulär die gegenwärtige Pandemie ist, so gespannt darf man auch sein, wie es mit der Kinderlähmung weitergeht.

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