Tägliches »Trotzdem!«

Gedanken über das Nachwende-ND

Jene ungewöhnliche Revolution, die das Ende der DDR herbeiführte, war auch über diese Redaktion gekommen. Aus dem einstigen Missionsgewese der Propaganda war jenes publizistisch Profane, aber ganz Eigene, Ehrwürdige gewachsen, das ohne aufgeputzte Dekoration auskommt. Zeitungsarbeit als »Trotzdem!« gegen jede Form von mainstreambefohlener Stilllegung. Vielleicht ist dies eine Voraussetzung von Freiheit: sich nur bedingt jenen Verhaltenszwängen auszuliefern, die in einer hypernervösen Mediengesellschaft aus dem zwanghaften Wahrgenommenwerden-Müssen entstehen.

Ich hatte das Empfinden: Wir vereinsamen gemeinsam mit unseren Lesern; die Arbeit bestand darin, dabei die Heiterkeit nicht zu verlieren. Erinnerung, sprich!, ermunterte Nabokov. Was erzählt sie? Wir älteren Redakteure hatten an einem Missbrauch zu tragen, dessen einzig Schuldige wir selber waren; niemand wurde von Staat und Partei missbraucht, jeder missbrauchte doch sich selbst, als man sich freiwillig in den Chor der staatlich beauftragten Langeweile eingereiht hatte, die sich Parteijournalismus nannte. Wir »Gestandenen« waren nach dem Ende von DDR und SED die Erbe-Figuren im Lebenslauf dieser Zeitung. ...

Aus der biografischen Gebrochenheit des »ND« war Offenheit für verschiedenste, bis gestern fremde, abgewiesene Denkwelten gewachsen, eine Offenheit, die sich Mühe gab, nicht wieder in geistige Selbstbeschränkung zu fallen und sich bloß nicht wieder an jene linke »aufgeklärte Selbstherrlichkeit« (Botho Strauß) zu gewöhnen, die an erfolgreiche Bewusstseinsoperationen glaubt.

Wir waren nach der Wende eine spezielle Zeitungstruppe, die inzwischen Vergangenheit ist. Eine Mixtur, inhaltlich - wie personell. Es gab den beglückt Stillen, der nun in Ruhe vergessen durfte, was er früher zusammenfaselte. Hier stolzierte die gewohnt Eifrige, die diese Arbeit am Vergessen längst schon wieder in ein Selbstbewusstsein verwandelt hatte, nie falsch gehandelt zu haben - und dort der Dankbare, der sein Leben unbelästigt bis zur Rente pflegen würde. Neben ihm der frohgemut Aggressive, der seinen polternd groben Stil in alter Manier gegen die immerwährend alten Feinde richtete.

Aber es gab auch die endlich Aufatmende, die ihr einst so folgsames Gemüt nun schonen und für eigenes Denken ausschwingen lassen durfte. Platz war für den linksdogmatischen Jungsporn, der noch ohne die Dämmschicht eines gewissen Erfahrungsschatzes loslärmte, und ebenso war Raum für den Leisen auf der Zwischentonspur. In einer Zeitung viele Zeitungen: Gelegenheit hatte der Klassenkämpfer ebenso wie der Stilist der neu einstudierten Dämpfungen; die Vorpreschende fand ihre Nische wie auch jener verhalten Gewordene, der nun Sprache für sich entdeckte, statt sie, wie früher, als ein Fertigteil zu benutzen. »Neues Deutschland« lebte. Lebte weiter, lebte auf, lebte etwas vor. Sozial und geistig

»Sozialistische Tageszeitung«. Ein ungefährliches, kaum subversives Dennoch. Aber ach, ein bisschen These ans Kirchentor nageln, warum nicht, selbst wenn niemand mehr weiß, wo Gott wohnt. Ein wenig utopisches Vokabular, als milderndes Mittel gegen die Schmerzen der Ernüchterung, die aber aushalten muss, wer jene Dinge, die sich mal »Sozialismus« nannten, von Grund auf anders will. Volker Braun spricht vom Heute als dem »Feld der Niederlage, wo unser Brot wächst«. Hin zum Nullpunkt möglicher Aufbrüche, der womöglich noch gar nicht erreicht ist.

Hans-Dieter Schütt in seinem Buch »Als wär man der und der«

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