Die Kultur des Siegens

Die Volleyballerinnen des Dresdner SC gewinnen dank einer perfekten Mischung aus Jung und Alt den Titel

  • Von Ullrich Kroemer, Dresden
  • Lesedauer: 4 Min.
Dresdens Spielerinnen jubeln über den Sieg.
Dresdens Spielerinnen jubeln über den Sieg.

Etwa drei Dutzend der treuesten Fans der Volleyballerinnen des Dresdner SC hatten es einfach nicht zu Hause ausgehalten. Auf einer Terrasse der Dresdner Margon-Arena versammelten sich die rot-schwarz gekleideten Anhänger - mit corona-konformem Abstand - im Freien vor der Halle, trommelten, schwenkten Fahnen und entkorkten schließlich auf dem Parkplatz hinter der Heimspielstätte der Dresdnerinnen ein paar Flaschen Sekt. Ein winziger Hauch von Meisteratmosphäre nach dem 3:0 des DSC im fünften Spiel der Finalserie gegen den MTV Stuttgart. Nach fünf Jahren ohne Schale hatten die Dresdner den sechsten Meistertitel der Vereinsgeschichte herbeigesehnt. Angeführt von Spielführerin Lena Stigrot zog das Team nun in einer Polonaise durch die Halle - Trainer Alexander Waibl mit der schweren Bronzeschale hinterher - und bedankte sich für die Unterstützung von draußen. »Die Fans oben zu sehen, die in der Kälte standen und getrommelt haben, das bricht mir das Herz«, sagte die scheidende Libera Lenka Dürr gerührt.

Diagonalspielerin Maja Storck, die zudem als wertvollste Spielerin der Liga ausgezeichnet wurde, beschrieb das Meistergefühl in der bis auf Mitarbeiter und Journalisten leeren Halle als »ein bisschen surreal«. Zur dramatischen Finalserie sagte die Schweizerin: »Wir haben so hart dafür gekämpft und es wirklich geschafft, noch einmal zurückzukommen. Ein überwältigendes Gefühl.«

Emotional und packend waren die hochklassigen fünf Endspiele um den Titel auch so: Die Dresdnerinnen schienen nach zwei Niederlagen zum Auftakt schon geschlagen. Doch mit einer Alles-oder-Nichts-Mentalität drehten sie ab Spiel drei die Serie zu ihren Gunsten. Ein Faktor dafür war auch, dass Stuttgart in den letzten beiden Partien auf ihre überragende Topscorerin Krystal Rivers verzichten musste, die mit besorgniserregenden Blutwerten ins Krankenhaus eingeliefert und auch am Samstag noch stationär behandelt werden musste. Zur genauen Diagnose mochten sich die Stuttgarter nicht äußern. Noch ist nicht gänzlich klar, ob die US-Amerikanerin schwerer erkrankt ist und womöglich länger ausfällt. Ohne Fixpunkt Rivers versuchte Stuttgart, schneller und variabler zu spielen. Doch der DSC stellte sich auch darauf ein und behielt die Nerven.

Schlüssel zur Meisterschaft war der letztlich perfekt zusammengestellte Kader. Außenangreiferin Stigrot (26 Jahre), die im Entscheidungsspiel mit einer 53-prozentigen Erfolgsquote im Angriff über sich hinauswuchs, Jennifer Janiska (27) und Storck (22) bildeten gemeinsam mit Annahme- und Abwehrspezialistin Dürr (30) das Korsett dieses insgesamt noch recht jungen Teams. Anders als vor gut einem Jahr, als die Dresdnerinnen mit zahlreichen Youngstern ebenfalls Stuttgart düpierten und überraschend Pokalsiegerinnen wurden, ist der Meistertriumph nun zuerst den international Erfahrenen zuzuschreiben. »Ein Gerüst an gestandenen Spielerinnen muss eine Kultur von Erwartung, Druck und Leistung schaffen, gerade wenn man viele junge Leute hat«, erklärte Waibl. Das sei nicht immer harmonisch verlaufen. »Aber nur mit Harmonie gewinnst du nix. Im Leistungssport geht es auch um Reibung und Druck«, sagte der Coach, den Vereinsvorstand Jörg Dittrich schon mal liebevoll einen »harten Hund« oder gar »Volleyball-Extremist« nennt.

Das sogenannte Dresdner Modell, das bereits etwa 40 Volleyballerinnen aus dem eigenen Nachwuchs in die nationale und internationale führte, bleibt Maßgabe im Verein. Die 20 Jahre junge und 1,95 Meter große Mittelblockerin Camilla Weitzel etwa spielt beim DSC seitdem sie 13 Jahre alt ist, gehörte in diesem Jahr aber als einzige aus der eigenen Kaderschmiede zur Stammbesetzung. Doch andere wie Emma Cyris (20) als gute Aufschlägerin hatten in entscheidenden Phasen wichtige Kurzeinsätze. »Für jede Spielerin kommt eine Zeit. Wir führen Talente nach, die sich das Niveau hier anschauen können und von denen einige schon Schlüsselrollen spielen«, sagte Waibl. »Meine Aufgabe ist, den Spielerinnen das zuzutrauen.«

In der kommenden Saison dann wieder in der Champions League, in der sich Dresden etwas ausrechnet. »Meiner Meinung nach ist die Bundesliga die drittbeste Liga in Europa - hinter der Türkei und Italien. Wir brauchen uns vor niemandem zu verstecken«, sagte Waibl. Trotz diverser auslaufender Verträge kündigte er an, dass »wir viele wichtige Spielerinnen halten werden. Das Gesicht unserer Mannschaft wird sich nicht völlig verändern.« Versteht sich von selbst, dass der DSC ankündigte, den Meistertitel verteidigen zu wollen - dann wieder mit Fans in der Halle.

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