Von der Moskwa ans Spreeufer

Zum Tod des international renommierten Charité-Professors Moritz Mebel

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 6 Min.
Kämpfte für die Rote Armee: Professor Moritz Mebel
Kämpfte für die Rote Armee: Professor Moritz Mebel

Höllischer Lärm. Rechts und links von ihm schlagen die Granaten ein, überschütten ihn mit Schnee und Dreck. Er presst sich ganz fest an die Erde, russische Erde. Die Artillerie der Hitlerwehrmacht belfert ununterbrochen. Deutsche Panzer rollen auf ihn zu. Doch der junge Deutsche fürchtet sie nicht. Es fröstelt ihn, sein Atem scheint zu gefrieren. Der russische Winter beginnt als in seinem Geburtsland der goldene Herbst gefeiert wird. Sein einziger Gedanke: »Ich hol mir hier den Tod.« Nicht durch eine Gewehrkugel oder Granatsplitter. Er fürchtet, dass ihn die Kälte bezwingt.

Moritz Mebel, noch keine 18, seit einem Jahr Student am 1. Medizinischen Institut in Moskau, liegt in einem Schützengraben an der Wolokolamsker Chaussee. Hinter ihm die sowjetische Hauptstadt, die er und seine Kameraden der Roten Armee, die meisten kaum älter als er, vor den anstürmenden faschistischen Truppen verteidigen wollen. Verteidigen müssen. Für den 1923 in Erfurt in einer jüdisch-kommunistischen Familie geborenen Moritz eine Selbstverständlichkeit. Die Sowjetunion, in die er als Knabe 1932 mit Mutter und Schwester emigrierte war - der Vater folgte ein Jahr später -, ist für ihn Heimat geworden. Er hat in Moskau die deutschsprachige Karl-Liebknecht-Schule besucht und nach deren Schließung das Abitur an einer russischen Schule abgelegt.

Am 22. Juni 1941 sitzt er in der Bibliothek seiner Fakultät über Lehrbüchern gebeugt. Plötzlich spürt er eine merkwürdige Unruhe um sich, seine Kommilitonen stehen an den Fenstern. Von Neugier getrieben, gesellt sich Moritz zu ihnen und erblickt unten eine Menschentraube, um den großen Lautsprecher versammelt. Stationäre Megafone gibt es in Moskau an allen Ecken und Enden. Durchs geöffnete Fenster vernimmt Moritz die Ankündigung: »›Hier spricht Radio Moskau! Angeschlossen sind alle Rundfunksender der Sowjetunion! Um 12 Uhr hören Sie eine wichtige Erklärung der Regierung vom Vorsitzenden des Ministerrates Molotow.«Was hat das zu bedeuten? Es gibt kein Halten mehr, die Bibliothek leert sich, alle Studenten stürmen nach draußen, auf die Straße.

Wenig später vernehmen sie eine Erklärung des sowjetischen Außenministers, Wjatscheslaw Molotow. Seine Stimme zittert. Wegen der Ungeheuerlichkeit der Nachricht, die er kundtun muss: »Heute Morgen um vier Uhr haben deutsche Truppen unsere Grenzen von Murmansk his zum Schwarzen Meer ohne Kriegserklärung überschritten. Kiew, Minsk, Sewastopol, Brest wurden bombardiert.« Die angehenden Mediziner und ihre Professoren trauen ihren Ohren nicht. blicken einander entgeistert und entsetzt an. Einige Mädchen weinen. Hatten Deutschland und die Sowjetunion nicht gerade erst 1939 einen Nichtangriffsvertrag geschlossen? Und jetzt dieser Überfall. Unangekündigt, vertragsbrüchig.

Ältere Kommilitonen sowie Dozenten melden sich sogleich freiwillig, um »Matj Rodina«, Mutter Heimat, mit der Waffe in der Hand oder als Sanitäter beizustehen . Gegen die feigen Aggressoren. Auch den deutschen Emigrantensohn Moritz drängt es, so bald wie möglich an die Front zu kommen. Fürs Studium ist jetzt keine Zeit, hätte er auch keine Muße. »Es ging um Sein oder Nichtsein«, erinnert sich Moritz Mebel Jahrzehnte später in einem »nd«-Interview.

Im Oktober 1941 tritt er, Mitglied des Komsomol, der sowjetischen Jugendorganisation, in ein Arbeiterbataillon ein, dem auch Ingenieure und Studenten angehören. Er lernt erst einmal Exerzieren und Salutieren - statt das Bedienen eines Maschinengewehrs. Schließlich werden die militärisch unbedarften und unerfahrenen Rekruten mit alten Karabinern ausgestattet, die aus einem Museum zu stammen schienen. Als am 20. Oktober das Staatliche Komitee für Verteidigung, an dessen Spitze Stalin firmiert, den Ausnahmezustand über Moskau verhängt, marschiert das Arbeiterbataillon von Moritz über die Wolokolamsker Chaussee im Eilmarsch dem Eindringlingen entgegen. Die deutschen Armeen stehen kurz vor Moskau, bereit die Stadt an der Moskwa, einzunehmen. Hitler hat bereits Einladungskarten für eine Silvesterfeier im Kreml drucken lassen. Das wollen Moritz und seine Kameraden vereiteln. Demonstrativ findet am 7. November 1941, wie alljährlich am Tag der Oktoberrevolution, die Parade in Moskau statt. Nachdem die unterschiedlichen Truppenteile über den Roten Platz an Lenins Mausoleum und der Sowjetführung vorbei defiliert sind, bewegen sie sich schnurstracks auf die Front zu, um tags darauf mit geballter Wucht und Wut zum Angriff überzugehen. Mit dabei: Moritz. »Wir trieben die faschistischen Truppen etwa 120 Kilometer zurück«, berichtet er später stolz.

Den Verteidigern Moskaus, egal welcher Nationalität und Herkunft setzt alsbald Alexander Bek ein literarisches Denkmal. Sein 1943/1944 verfasster Roman, 1945, im Jahr der Befreiung, in der Literaturzeitschrift »Swesda« (Stern) erstveröffentlicht, offenbart schonungslos die Grundwahrheit eines jeden Krieges: Es geht ums nackte Überleben. Töten oder getötet werden.

Auf seinem Weg quer durch die Sowjetunion Richtung Westen sieht Moritz mit Schaudern und Grauen die Spuren der Verwüstung, die »seine« Landsleute, die von der Roten Armee in blutigen, opferreichen Gefechten und Schlachten vertriebenen deutschen Okkupanten, hinterlassen. Niedergebrannte Dörfer und Felder, vergewaltigte und gemeuchelte Frauen und Mädchen, erschlagene Greise, gehängte Partisanen, geplünderte Häuser, Speicher und Ställe. Verbrannte Erde, überall. In Balta, einer Stadt in Moldawien, wird Moritz mit dem eliminatorischen Antisemitismus der Nazis konfrontiert: Die Straßen und Gassen sind von erschossenen Menschen übersät. SS und Feldgendarmerie hat die Juden des hiesigen Ghettos die sie wegen des Vormarschs der Roten Armee nicht mehr nach Auschwitz deportieren konnten, eiskalt »liquidiert«. Für immer ins Gedächtnis von Moritz Mebel hat sich auch ein anderer grausiger Fund eingebrannt: ein Brunnen, randvoll mit Kinder- und Babyleichen gefüllt.

Den 8. Mai 1945 erlebt er in Vyškov, östlich von Brno in der Slowakei, als Angehöriger der 2. Ukrainischen Front. Die 6. Heeresgruppe leistet noch drei Tage nach der Kapitulation der Wehrmachtsführung in Berlin-Karlshorst Widerstand; deren Oberbefehlshaber, Generalfeldmarschall Schörner, ist da bereits von dannen geflogen, hat sich wie andere deutsche Heeresführer abgesetzt.

Moritz Mebel wird nach der Befreiung vom Faschismus in den Dienst der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD)übernommen, setzt dann sein Medizinstudium in Moskau fort, arbeitet als Arzt in einem Kreiskrankenhaus in der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik und promoviert. Nach seiner Übersiedelung in die DDR 1958 arbeitet er an der der Berliner Charité, am Städtischen Hufeland-Krankenhauses in Buch und wird Chefarzt auch im Krankenhaus Friedrichshain. Er baut das erste Nierentransplantationszentrum der DDR auf und avanciert zu einem international anerkannten Urologen. Der Medizinprofessor engagiert sich politisch, ist unter anderem Mitglied der IPPNW, der International Physicians for the Prevention of Nuclear War (Ärzte gegen den Atomkrieg). 1986 wird er Mitglied des ZK der SED; die Führungsriege um Erich Honecker umgibt sich gern mit renommierten Wissenschaftlern, Schriftstellern und Künstlern. Zu sagen hatten sie indes nicht viel. Auf der letzten ZK-Sitzung mit Honecker am 18. Oktober 1989 beklagt Mebel »furchtbaren Rituale«. In Heiner Müllers »Wolokolamsker Chaussee« werden historische Situationen reflektiert, die den Sozialismus bedrohen: von der Abwehrschlacht vor Moskau 1941 über den Arbeiteraufstand in der DDR bis zu Vergreisung, Sturheit, Verkalkung.

Moritz Mebel lebte mit Frau Sonja, Mikrobiogin, bis zu deren Tod 2015 glücklich am Spreeufer in Berlins Mitte. Nun ist er ihr, am 21. April, gefolgt.

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