Tiflis, Wilna, Siebenbürgen

Heimische und internationale Perlen aus dem Mitteldeutschen Verlag

Aka Mortschiladse (auch Morchiladze) muss man sich wie einen modernen Balzac vorstellen: ein Schwergewicht, ein Vielschreiber - ohne geschwätzig zu wirken -, dabei ein freundlicher und lebensfreudiger Mensch, den ich schon für das »nd« interviewen durfte. Gelesen habe ich nur die Hälfte der vielen auf Deutsch erschienenen Bücher; aber wenn Sie genau ein Buch für zwei Wochen auf die Insel Usedom oder Balkonien mitnehmen wollen, greifen Sie unbedingt zu »Santa Esperanza«, der Saga eines fiktiven Inselstaates - ein parodiertes Georgien, auf dem sämtliche historische Tatsachen der Mittel- und Schwarzmeerregion einen wilden Reigen tanzen. Warum Handel und Piraterie Brüder sind, Frieden eine fast unmögliche und Ruhm und Ehre alberne Ideen, erfahren Sie aus dem wohlgeordneten Konvolut wie aus Gottes oder Umberto Ecos Zettelkasten.

Eine moderne, aber nicht minder fantastische Geschichte ist »Liebe und Tod in Tiflis«, die von zwei Freunden aus unterschiedlichen Milieus handelt. Einer stirbt unter mysteriösen Umständen, der andere macht sich auf die Suche nach dem Doppelleben des Toten - und ein paar Gangster nach einem Goldschatz. Unser Held muss fliehen und lernt das Schicksal vieler Georgier kennen, die die wirtschaftliche Not in die Migration zwingt. Manche landen auf deutschen Spargelfeldern.

Wenn der Glitzer der Großstadt und der Rummel nicht zu haben sind, kann man es ja mit sprachlicher Virtuosität versuchen. Über die verfügt der Litauer Alvydas Šlepikas zweifelsohne, und was er in »Der Regengott« über das Dorfleben zwischen Leben und Sterben, die Wunder zwischen Brache und Gartenzaun zu berichten weiß, ist stimmig und anrührend und braucht sich vor der Erzählkunst eines Alphonse Daudet nicht zu verstecken. »Ein glücklicher Mensch. Märchen aus Litauen« sollte man gleich dazulesen, da sich an der Scheide von lateinischer und slawischer Orthodoxie noch lange Elemente der vorchristlichen Vorstellungswelt halten konnten, die andernorts im Baltikum verloren gingen.

Ein ebenso unwirklicher »Zwischenraum« ist Siebenbürgen, als Transsilvanien erdachte Heimat des vampirischen Grafen Dracula. Folgerichtig nennt Géza Szőcs seinen Band »Untergrundfürsten«; mysteriöse, schauerliche Kunde aus den Tiefen der Überlieferungen. Schön, endlich wieder etwas aus dem im 19. und frühen 20. Jahrhundert ungemein populären Meistergenre (E. A. Poe, E. T. A. Hoffmann, Hanns Heinz Ewers!) lesen zu dürfen.

Kein Märchen ist der Roman »Khaled tanzt« von László Benedek. Khaled war ein Bacha Boy, ein Tänzerknabe und Sexspielzeug in den afghanischen Teestuben und Häusern der Oberschicht. In Österreich findet die Flucht des traumatisierten Jungen ihr Ende. Ein Psychiater versucht, die Missbrauchsschäden zu behandeln und ihm einen Neuanfang zu ermöglichen. Eine sensible Annäherung an ein hierzulande kaum bekanntes Phänomen.

Von der Weltstadt »Leipzsch« aus ist, wie Irmtraud Morgner schon wusste, gut zu reisen. Gerhard Pötzsch reist also, mit einem Sack voller Fragen, bis nach Moskau, an das Grab von Boris Pasternak: noch so ein Fragender - und geschmähter Unbequemer, Zweifelnder. »Zwischenzeitblues« ist die Suche nach dem Platz der DDR-Generation »Zwischen Liebe und Zorn«, die erst gegängelt wurde, dann sich rechtfertigen sollte. Also doppelt angeschmiert, aber nicht verloren war. Für die Vorgeschichte sei Erich Loests Roman »Sommergewitter« über das denkwürdige Jahr 1953 empfohlen, der als Taschenbuch wieder aufgelegt wurde. Mario Pschera

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