Das Blut spritzt literweise

Wie man im Angesicht des sicheren Todes angemessen stirbt. Der chinesische Blockbuster »The 800« gibt die Antwort: für das Vaterland

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 5 Min.
»The 800« ist ein Ensemblefilm, dem es um Typen geht, die von der Kamera nacheinander auf Moral und Kriegstauglichkeit geprüft werden.
»The 800« ist ein Ensemblefilm, dem es um Typen geht, die von der Kamera nacheinander auf Moral und Kriegstauglichkeit geprüft werden.

Klärend ist es, wenn die propagandistischen Potenziale eines Genres nicht mehr unterschwellig, ironisch, indirekt oder sonst wie gebrochen ausgespielt, sondern einem ungehemmt um die Ohren gehauen werden. Klärend ist das, weil man dann wenigstens weiß, woran man ist und dass man sich vom Film nicht verarscht fühlen muss. Man bekommt, was man sieht. Im Falle des chinesischen Blockbusters »The 800« ein spektakulär anzusehendes Explosions-, Körper- und Märtyrerkino.

Der mit einem immensen Aufwand produzierte Film war die weltweit erfolgreichste Produktion 2020 und ist jetzt auf DVD und Blu-Ray erschienen. Der enorme kommerzielle Erfolg hat auch damit zu tun, dass nach der vergleichsweise effektiven Pandemiepolitik die Kinos in China früher wieder öffnen konnten als in den USA und in Europa.

»The 800« wurde auf einem 130 000 Quadratmeter großen Set gedreht, im IMAX-Format, jede Blutfontäne ist noch im kleinsten Detail zu erkennen. Es rummst und donnert, die Kugeln gehen mit schneidenden Geräuschen ins Fleisch, alles ist ununterbrochen in Bewegung. Zweieinhalb Stunden lang wird der Körper des Zuschauers bearbeitet, damit man glaubt, was man da sehen und spüren soll.

Die japanische Armee marschiert im Sommer 1937 in China ein, die chinesische Armee wird überrollt. Shanghai wird eingenommen. Ein letztes Regiment ist in der Stadt geblieben und verschanzt sich in einem Lagerhaus am Flussufer, mit knapp über 400 Soldaten, in der Öffentlichkeit ist von 800 die Rede. Die Lage ist aussichtslos, und dass alle im Kampf gegen den übermächtigen Feind sterben werden, steht außer Frage. Gehalten werden soll das Lagerhaus trotzdem, um die internationale Gemeinschaft zu mobilisieren und die Moral der eigenen Bevölkerung nicht weiter in den Keller gehen zu lassen. Ausgehend von dieser Prämisse, der Zwangsläufigkeit der Niederlage, formuliert »The 800« die Antwort auf die Frage, wie man im Angesicht des sicheren Todes - auch wenn ein paar am Ende dann doch davonkommen werden - angemessen stirbt: für das Vaterland.

Man hat es nicht mit Charakteren zu tun. »The 800« ist ein Ensemblefilm, dem es um Typen geht - der mutige Offizier, der sich aufopfernde Zivilist, der Kriegsreporter, der Kriegsgefangene, der Politiker etc. -, die von der Kamera nacheinander auf Moral und Kriegstauglichkeit geprüft werden. Dementsprechend spielt die Gruppe der Deserteure eine zentrale Rolle, allen voran ein effeminierter Mathematiker mit dem Spitznamen Abacus (Yi Zhang). Abacus versucht diverse Male, der Hölle zu entkommen, und bildet als Fleisch gewordene Feigheit vor dem Feind den Gegenpol zu den mit sakraler Musik überhöhten Opfertoden. Schießen kann er nicht, und eine Brille trägt er auch. Am Schluss stiehlt er sich heimlich davon.

Die zahlreichen Opfertod-Szenen finden ihren Höhepunkt im Finale des ersten Aktes, nach gut einer Stunde Filmzeit. Die Japaner greifen an und versuchen, die Mauer des Lagerhauses zu sprengen; die Waffen der Eingeschlossenen dringen nicht durch die Panzerung. Ein Dutzend Soldaten schnallt sich Sprengstoff um, springt aus dem Fenster und in die feindlichen Reihen, das Blut spritzt literweise. Zitat: »Wenn alle Chinesen so tapfer wären, wären wir nie angegriffen worden.«

Für eine Kritik der Inszenierungsweisen, die im Falle von »The 800« durchweg als filmische Modi der Zuschauermobilisierung beschreibbar sind, muss man keine pazifistische Perspektive einnehmen. Der Film spielt kurz vor dem Massaker von Nanking. Der Name der Stadt fällt in einer Szene, und für ein chinesisches Publikum wird die Erwähnung genügen, um die Erinnerung an eine Viertelmillion ermordete Zivilisten und 20 000 vergewaltigte Frauen wachzurufen. Gegen militärisch organisierte Gegengewalt, die versucht, das zu verhindern, spricht nichts.

»The 800« aber nimmt die Schlacht um Shanghai als Anlass, um dem Zuschauer mit aller affektiven Wucht einzubimsen, dass der Lebenswille sich dem Kollektiv unterzuordnen hat. Deswegen müssen die Deserteure als erbärmliche Figuren durchs Bild gezogen werden. Wenn dann mal einer nachfragt: »Worin besteht der Sinn, weiterzumachen?«, kommt die Antwort wie von selbst: »Der Sinn? Das hier ist unser Vaterland.«

Die Brüche, die der Film trotzdem erkennen lässt, dienen nicht der Konstruktion von Sophistication, sondern sind ihm eher unterlaufen. Da »The 800« das Sterben nicht als erhabenen Akt, sondern - sieht man von der sakralisierenden Bombastmusik einmal ab - als ästhetisch zwar spektakuläre, aber doch spürbar brutale Zerstörung von Körpern zeigt, bleibt so etwas wie ein Rest, der in der Mobilisierung nicht aufgeht: Unter dem Eindruck von Dauergeschrei, Dreck, der Bilder von Senfgas, von splitternden Knochen und zerschossenen Gesichtern kann man, trotz aller Denunziationen, die der Film vornimmt, die Fluchtimpulse der Vaterlandsverräter affektiv unmittelbarer nachvollziehen als die patriotisch-moralischen Appelle, die das Sterben nicht nur als kriegstaktische Notwendigkeit, sondern auch als sinnstiftenden Opfertod verstanden wissen wollen.

Auch die Symbolik des Patriotismus ist unabsichtlich beschädigt worden. Die chinesische Flagge von 1937, die in »The 800« eine zentrale Rolle spielt, ist identisch mit der Flagge Taiwans heute. Diese Flagge wird nun in einer zentralen Szene auf dem Dach des Lagerhauses gehisst, um den Japanern den Mittelfinger und der Weltöffentlichkeit die Tapferkeit des militärisch objektiv unterlegenen chinesischen Volkes zu zeigen. Was Kamera und Schnitt in die Verlegenheit bringt, eine heute negativ von Staatsseite besetzte Flagge als Auslöser des patriotischen Jubels inszenieren zu müssen, ohne sie voll ins Bild setzen zu dürfen (»The 800« konnte in China nur gekürzt erscheinen, beanstandet wurden unter anderem die Szenen, in denen die Flagge des Chinas von 1937 zu sehen war).

Das Problem wird inszenatorisch recht geschickt gelöst, wenn man von diesem nicht wüsste, würde es einem eventuell nicht auffallen. Dieser Aspekt ist einer der Belege dafür, dass es einer Unternehmung wie »The 800« nicht um »Erinnerung« und »Geschichte«, sondern darum geht, beides zu instrumentalisieren. So gesehen wird hier die gleiche Idee wie in US-Produktionen wie »Pearl Harbor« oder »300« verfolgt. Das patriotische Mobilisierungskino in Ost und West gibt sich in dieser Hinsicht so gut wie nichts.

»The 800«: China 2020. Regie: Hu Guan. 149 Min. Auf Amazon Prime und auf DVD.

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