Wieder ganz die Alten

Fünf Tore in einer Halbzeit: Dortmund schlägt Holstein Kiel im Pokalhalbfinale

  • Von Daniel Theweleit, Dortmund
  • Lesedauer: 4 Min.
Überfordert: Kiels Zweitligafußballer waren gegen die schwarz-gelben Dortmunder chancenlos.
Überfordert: Kiels Zweitligafußballer waren gegen die schwarz-gelben Dortmunder chancenlos.

Die erschreckenden Bilder und mehr noch diese Schreie saßen den Angehörigen von Borussia Dortmund noch tief in den Knochen, als sie nach ihrem souveränen 5:0 gegen Holstein Kiel eigentlich den Einzug ins DFB-Pokal-Finale feiern konnten. »Bis zur 72. Minute war das ein perfekter Abend«, sagte Trainer Edin Terzic mit versteinerter Miene, doch dann trat Mateu Morey während eines Sprintduells so merkwürdig in den Rasen, dass sein Knie in eine Position hineingedrückt wurde, die eigentlich unmöglich ist für dieses Gelenk. Blanke Verzweiflung lagen in den Rufen Moreys, die anschließend durch das leere Stadion hallten. »Das sah schlimm aus«, erklärte Marco Reus, und Terzic sagte, die Verletzung tue ihm »unheimlich weh«. Eine genaue Diagnose lag am Sonntagnachmittag noch nicht vor, aber der junge Spanier wird gewiss lange ausfallen.

Das war jedoch der einzige Moment; der an diesem Abend bei den Dortmundern ein Gefühl des Unbehagens auslöste. Die Mannschaft, die im Saisonverlauf so oft nachlässig geworden war, spielte ein hochseriöses Halbfinale. Nach gut einer halben Stunde stand es nach zum Teil brillant herauskombinierten Treffern von Giovanni Reyna (16. und 23. Minute), Reus (26.) und Thorgan Hazard (32.) 4:0. Jude Bellingham schoss noch vor der Pause den fünften Treffer (42.), so dass die Partie in der zweiten Halbzeit lediglich zu Ende gespielt werden musste. Jenseits des Schocks über die Verletzung seines Rechtsverteidigers war Terzic also hoch zufrieden, denn dieser Auftritt taugte als starkes Indiz für weitere Fortschritte in der Entwicklung seiner Mannschaft.

Im Achtelfinale gegen den SC Paderborn Anfang Februar sei es seinen Profis ebenfalls gelungen, »sehr gut ins Spiel zu kommen«, rief der Trainer am Samstagabend noch einmal in Erinnerung, doch nach einer 2:0-Führung sei dem BVB die Partie, »ein bisschen aus der Hand geglitten«. Erst nach einer quälenden Verlängerung gewannen die Dortmunder 3:2. Das war ein Musterbeispiel für die Neigung zur Wankelmütigkeit, mit der der BVB sich schon lange herumplagt. In diesem Halbfinale ließ das Team erst etwas lockerer, als solch eine Wendung ausgeschlossen war.

Der BVB strahlt in diesen Tagen eine enorme Entschlossenheit aus, das war schon beim Sieg in Wolfsburg eine Woche zuvor zu sehen. »Es bleibt uns nichts anderes übrig, als jedes Spiel zu gewinnen, um noch mal alles rauszuholen und uns für die Champions League zu qualifizieren und den Pokal wieder nach Dortmund zu bringen«, beschrieb Marco Reus den Druck, der offenbar eher beflügelt als zu hemmen. Nicht einmal der Ausfall von Erling Haaland bremste den Revierklub. Der Angreifer kämpft mit den Folgen eines Pferdekusses aus der Partie in Wolfsburg, aber Haaland jubelte auf der Tribüne mit. Auch das wurde sehr genau registriert bei den Dortmundern. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Haaland sich mit der Idee beschäftigt, vielleicht schon im Sommer zu einem größeren Klub zu wechseln, auch wenn die Ausstiegsklausel in seinem Vertrag erst ab 2022 gültig ist. Die Verantwortlichen sagen dazu immer nur, dass sie Haaland unter allen Umständen ein weiteres Jahr beim BVB halten wollen. Mino Raiola, der Berater des Norwegers, erklärte hingegen in der vorigen Woche, man werde sehen, ob dieser »Wunsch« tatsächlich umsetzbar sein werde, denn »die 14 großen Klubs wollen ihn«:

Erstmal stehen Haaland nun aber beim BVB zwei große Spiele gegen RB Leipzig bevor, den Klub, der sich mehr und mehr zu einem ernsthaften Konkurrenten um den Status als zweite Kraft im deutschen Fußball hinter dem FC Bayern entwickelt. Zuerst müssen die Dortmunder die Sachsen am Samstag in der Bundesliga schlagen, um ihre Chance auf die Qualifikation für die Champions League zu erhalten. Fünf Tage später treffen sie am Himmelfahrtsabend im Pokalfinale abermals auf den Rivalen. »Das wird auf jeden Fall spannend«, sagte Terzic, »der Gegner ist brutal schwer. Aber wir haben es auch gezeigt, dass wir uns in den letzten Wochen sehr gut gefunden haben, sehr viel Selbstvertrauen tanken konnten, unsere Qualität sehr gut auf den Platz bekommen haben«. Leipzig hatte dagegen zuletzt viel Mühe, Partien souverän zu gewinnen.

Schon jetzt freuen können sich unterdessen jene Bundesligaklubs, die noch auf eine Teilnahme an der Europa League hoffen. Mit der Finalpaarung Dortmund gegen Leipzig steht fest, dass Rang fünf und Rang sechs zur Teilnahme an der Europa League berechtigen und der Bundesligasiebte an der neu geschaffenen Conference League teilnehmen wird. Damit wollen die Dortmunder sich aber nicht beschäftigen, sie wollen als Pokalsieger und Bundesligavierter in die Champions League.

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