Eine Stadt der Angebote

Rostock entgeht der »Bundes-Notbremse« - Kinder und Jugendliche sollen sich treffen können

  • Von Markus Drescher
  • Lesedauer: 5 Min.
Auf dem Boulevard Kröpeliner Straße in Rostock sind wenige Passanten unterwegs. Die Corona-Notbremse griff hier nur sehr kurz.
Auf dem Boulevard Kröpeliner Straße in Rostock sind wenige Passanten unterwegs. Die Corona-Notbremse griff hier nur sehr kurz.

Nur gut 36 Stunden - von Donnerstag bis Freitag vergangener Woche - griff in der Hansestadt Rostock die »Bundes-Notbremse«. Von drei aufeinanderfolgenden Tagen mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von über 100 waren nur noch zwei übrig geblieben, nachdem sich zwölf positive Testergebnisse im Nachhinein als falsch positiv herausgestellt hatten. Somit waren die Voraussetzungen für die erheblichen Einschränkungen wie die Ausgangsbeschränkungen nicht gegeben und die Notbremse wurde umgehend wieder gelöst.

Für die Rostocker*innen heißt das - im Gegensatz zu einem Großteil Mecklenburg-Vorpommerns und der restlichen Bundesrepublik - unter anderem: Sie können in den Baumarkt und nachts raus. Mehr Freiheiten - wenn auch kleine - haben als andere in dieser Pandemie, das ist keine neue Erfahrung für die Hansestädter, sondern eher der Normalfall. Denn auch wenn die dritte Coronawelle keinen Bogen um Rostock gemacht hat und auch hier das Infektionsgeschehen angestiegen ist, die größte Stadt im Nordosten, und wie es hier mitunter heißt, die einzige Großstadt, die diesen Namen auch verdient, erweist sich neben einigen weiteren Ausnahmen weitaus coronakrisenfester als der große Rest der Republik. So erlaubten es die sehr niedrigen Inzidenzwerte in der Stadt, dass Geschäfte geöffnet bleiben konnten und es den Spielraum für Experimente wie etwa ein Hansa-Heimspiel vor Zuschauern gab.

In Rostock setzt man neben anderen Maßnahmen vor allem auf eine gute Nachverfolgung von Kontakten. Auch mit Hilfe einer wegen Datenschutzbedenken mittlerweile hoch umstrittenen App. »Wir alle sind Gesundheitsamt: Mit der luca-App«, heißt es auf der Homepage der Stadt. Der Oberbürgermeister wird mit den Worten zitiert: »Mit digitalen Lösungen wie der luca-App wollen wir die Kontakterfassung komplett neu denken. Zudem werben wir dabei für Kontaktbeschränkungen durch eine Terminvergabe. So kann der Zugang zu Geschäften gesteuert und kontrolliert werden.« Und er erklärt: »Mit der App auf dem Smartphone sind wir alle Gesundheitsamt! Wenn alle mitmachen, können wir langfristig weitere Lockdowns verhindern und ermöglichen eine sichere Kontaktenachverfolgung auch bei höheren Infektionszahlen.«

Der Oberbürgermeister, das ist der Däne Claus Ruhe Madsen. Dank der lange Zeit sehr niedrigen Werte seiner Stadt und der daraus folgenden Medienpräsenz ist er inzwischen ein bekannter Mann. Oder besser, ein noch bekannterer Mann. Schlagzeilen hatte der markante Vollbartträger nämlich bereits mit seinem Wahlsieg vor zwei Jahren gemacht - als erster Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt ohne deutschen Pass. Durchgesetzt hatte sich der Politneuling Madsen (parteilos), der von CDU und FDP unterstützt wurde, in einer Stichwahl gegen den Rostocker Sozialsenator Steffen Bockhahn von der Linken. »Rostock bewegen« und alles besser machen als bisher - damit warb Madsen im Wahlkampf für sich: »In Rostock schlummert sehr viel Potenzial (...). Ich bin motiviert und bereit, mit voller Hingabe die Möglichkeiten und Chancen gemeinsam mit der Bürgerschaft zu nutzen, die dieses Amt mit sich bringt.«

Möglichkeiten und Chancen ausloten und umsetzen, das hat in Rostock in der Krise bisher augenscheinlich funktioniert. Und so soll es weitergehen. Wie Ende vergangener Woche bekannt wurde, möchte Madsen für Kinder und Jugendliche gemeinsame Aktivitäten im Freien ermöglichen, wie die Nachrichtenagentur dpa berichtete. »Schule unter freiem Himmel bietet Möglichkeiten für Bildungsformate. Kinder- und Jugendsport im Freien mit klaren Hygienekonzepten und einer Gruppenbegrenzung bietet Abwechslung und positive Beschäftigung«, wird aus einem Arbeitspapier Madsens zitiert. Wenn Infektionen insbesondere ein Innenraumproblem sind, gebe es hier Potenzial für alternative Angebote. »Kinder brauchen Bildung und Kinder brauchen Kinder«, so Madsen. Die dringenden Appelle von Kinder- und Jugendärzten, Psychologen, Eltern- und Schülervertretern seien stark wahrnehmbar und müssten im Handeln vor Ort berücksichtigt werden. Lassen sich Madsens Vorstellungen tatsächlich umsetzen und erweisen sich als praktikabel - weitere mediale wie wohl auch die professionelle Aufmerksamkeit zahlreicher Amtskollegen dürfte ihm sicher sein.

Tatsächlich ist Madsen als Krisenmanager selbst bei der politischen Konkurrenz vor Ort anerkannt. Kritik gibt es an dem ehemaligen Geschäftsführer einer Möbelhauskette und Präsident der Rostocker Industrie- und Handelskammer allerdings auch. So bemängeln zum Beispiel Grüne und Linke, dass neben dem erfolgreichen wie prestigeträchtigen Krisenmanagement das Alltagsgeschäft zu kurz käme. Dabei hat Rostock Probleme genug, die soziale Spaltung etwa oder die Ungleichverteilung von bezahlbarem Wohnraum in der Stadt.

Um solche nicht-coronabedingten Probleme und um seinen Führungs- und Politikstil ging es kürzlich in einer digitalen Veranstaltung des OECD Berlin Centre, der Vertretung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung für den deutschsprachigen Raum, die ebenfalls auf den umtriebigen Dänen aufmerksam geworden war. Corona, das wird in dem Gespräch deutlich, beherrscht derzeit wohl tatsächlich Madsens Arbeitsalltag.

Bundes-Notbremse selbst ohne Pandemie. Auf der Insel Helgoland liegt der Corona-Inzidenzwert bei Null. Grundrechtseinschränkungen gibt es dennoch.

Doch auch für die zahlreichen anderen Probleme hat Madsen Ideen und Konzepte parat. Und immer wieder spricht er von den wahrscheinlich entscheidendsten Faktoren seiner politischen Philosophie: Der Bürger im Fokus. Und: Angebote schaffen. Madsen möchte zum Beispiel weg von einer Verwaltung, die frage, wie man etwas denn umsetzen solle, hin zu einer, die frage, wie man etwas für die Bürgerinnen und Bürger möglich machen könne.

Bürgerwohl und -nähe, die Leute mitnehmen - Bürger*innen wie Mitarbeiter der Stadt - Digitalisierung, ein Wir-Gefühl, die Menschen motivieren - dies sind einige der Stichworte dafür, wie er sich die Zukunft der Stadt vorstellt. Gleichzeitig erkennt man darin auch, worin vielleicht ein Geheimnis der Rostocker Krisenfestigkeit liegen könnte. Für das Allgemeinwohl müsse jeder im Allgemeinen was tun, meint Madsen. Und damit alle mitziehen, brauche es den Kulturwandel weg von Verboten hin zu Angeboten.

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