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Im Sprint zum 100. Meistertitel

Die Berliner Eisbären können in den Playoffs gegen Wolfsburgs Eishockeygeschichte schreiben

  • Von Jürgen Holz
  • Lesedauer: 4 Min.
Das erste Finalspiel war umkämpft, die Defensive der Eisbären um Goalie Mathias Niederberger (l.) hatte viel Arbeit.
Das erste Finalspiel war umkämpft, die Defensive der Eisbären um Goalie Mathias Niederberger (l.) hatte viel Arbeit.

Diese 27. Saison der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) wird in die Geschichte eingehen. Denn den diesjährigen Titelträger umgibt eine besondere Aura als der 100. Meister in der deutschen Geschichte - jedenfalls nach Lesart des Deutschen Eishockey-Bundes. Damit fallen die 42 DDR-Meister glatt unter den Tisch, somit auch die 25 Titelgewinne des SC Dynamo Berlin, des Vorgängervereins EHC Eisbären Berlin.

Geschichtsträchtiger ist jedoch, dass die erst Anfang Dezember verspätet gestartete Saison aufgrund der Coronavirus-Pandemie in einem noch nie dagewesenen Schnellgang durchgezogen wird. So werden die Playoffs ausnahmslos im verkürzten Modus ausgespielt, um das Risiko mit Corona-Fällen oder Spielabsagen zu minimieren. Nach der vorzeitigen Absage der vorigen Spielzeit im März 2020 ist die DEL heilfroh, dass es bislang nur fünf Coronafälle und vier Spielabsagen gegeben hat und sich somit eine Absage wie vor Jahresfrist nicht wiederholt.

Beim aus der Not geborenen Playoff-Sprint »Best of three« genügen im Viertel- und Halbfinale zwei Siege zum Weiterkommen, auch der Meister wird im Schnellgang nach zwei Siegen ermittelt. Eine umstrittene Lösung, auf die sich vor Saisonbeginn die 14 DEL-Klubs aber einvernehmlich geeinigt hatten. Denn beim üblichen »Best of seven«-Modus hätte man nach zwei Auftaktniederlagen immer noch die Chance, in den ausstehenden fünf Spielen vier Siegen zu feiern.

Ob das unerwartete vorzeitige Aus des dreifachen Meisters Red Bull München, der im Viertelfinale am Außenseiter Ingolstadt mit zwei Niederlagen scheiterte, durch den verkürzten Modus befördert wurde, ist nicht belegt. Aber einen Überraschung ist es allemal. Geradezu sensationell ist das vorzeitige Aus des hochfavorisierten achtfachen Meisters und Titelverteidigers Adler Mannheim. Die in der Vorrunde mit 31 Siegen in 38 Spielen so dominant wie kein anderes Team auftrumpfenden Mannheimer schieden im Halbfinale gegen Außenseiter Grizzlys Wolfsburg mit einer 1:2-Niederlage im entscheidenden dritten Spiel zu Hause aus. Wolfburgs Trainer, Ex-Bundestrainer Pat Cortina, nannte den Sieg »Scheibenglück«. Nun greifen die Grizzlybären zum vierten Mal nach dem Silberpokal der DEL - bislang aber erfolglos. 2011 waren sie an den Eisbären, 2016 und 2017 an München gescheitert.

Auch den Eisbären drohte auf dem Weg zum Titel Ungemach. Sie hatten keinen Hehl daraus gemacht, nach acht titellosen Jahren endlich den achten Meistertitel nach Berlin zu holen. Diesem Anspruch wurden sie in der Hauptrunde mit 24 Siegen in 38 Spielen und einem Torverhältnis von 137:91 auch gerecht. Danach wendeten sie jedoch erst mit Bravourleistungen in den entscheidenden dritten Spielen gegen die Außenseiter das Playoff-Aus ab: im Viertelfinale gegen Iserlohn und im Halbfinale gegen den Favoritenschreck Ingolstadt. Beide Male war es Nervenkitzel pur: Ingolstadts 4:3-Siegtor in Berlin fiel 59 Sekunden vor Schluss und die Eisbären machten auswärts das 3:2 erst 63 Sekunden vor Ende klar. Der Nervenkitzel hielt auch im Entscheidungsspiel am letzten Freitagabend an, als die Eisbären nach 28 Minuten schon 0:2 zurücklagen, mit einer Energieleistung mit 4:2 ins Finale einzogen.

Berlin kontra Wolfsburg - ein total unerwartetes Finale. Denn erstmals seit 2014 stehen nicht Mannheim oder München im Endspiel. Für den siebenfachen Meister aus Berlin ist es der elfte Finaleinzug, zuletzt 2018, wobei sie am Erzrivalen München mit 3:4 Siegen scheiterten. Die Berliner dürften aber gewarnt sein: In der Hauptrunde wurden alle vier Begegnungen gegen Wolfsburg verloren. »Playoffs sind ein ganz anderes Ding«, redete Eisbären-Trainer Serge Aubin sein Team stark und forderte: »Wir haben in den Playoffs zwei Mal das erste Spiel verloren und sind immer wieder zurückgekommen. Diesmal wollen wir gleich einen Sieg vorlegen.« Der 36-jährige Kapitän Frank Hördler, der in zehn von elf Finalspielen der Eisbären dabei war und bei allen sieben Titelgewinnen im Team stand, will die günstige Gelegenheit unbedingt ergreifen. »Man weiß nie, wann man das nächste Mal im Finale steht. jetzt haben wir die Tür aufgemacht, jetzt gehen wir durch.« Bemüht man allerdings die Statistik, so haben die Gastgeber nicht unbedingt einen Vorteil. Denn nach den bislang 17 Playoff-Spielen liegen die Auswärtsmannschaften mit 9:8 Siegen leicht vorn.

Nach einem turbulenten Finalstart müssen die Eisbären nun die nächsten zwei Partien gewinnen. Denn das erste Spiel ging mit 3:2 in der Verlängerung an die Wolfsburger. Der Playoff-Sprint geht am Mittwoch in Wolfsburg und gegebenenfalls am 7. Mai in Berlin weiter. Spätestens dann steht der Jubiläumsmeister fest - leider ohne Fans.

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