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Eine Zugangshürde mehr

Der Importstopp des Medikaments Cytotec könnte folgenreiche Konsequenzen für den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen haben

  • Von Julia Trippo
  • Lesedauer: 5 Min.
Schwangerschaftsabbrüche: Eine Zugangshürde mehr

Frau Rohmert, was genau bedeutet der Importstopp von Cytotec für die Gesundheitsversorgung?

Das Medikament hat viele Einsatzmöglichkeiten. Es wird in der Geburtshilfe eingesetzt, um den Muttermund zu öffnen und die Wehentätigkeit anzuregen. Außerdem bereitet das Medikament den Muttermund vor operativen Eingriffen in der Gebärmutter vor, wie beispielsweise bei einer gestörten Frühschwangerschaft, bei einer ungewollten Schwangerschaft oder Einlage einer Spirale.

Wie wirkt sich der Importstopp von Cytotec auf Schwangerschaftsabbrüche aus?

Wir haben wirklich ein Problem, wenn Ärzt*innen in Deutschland keinen Zugang mehr zu diesem Medikament haben. Das ist eine Zugangshürde mehr zur freien Wahl des Schwangerschaftsabbruchs. Wir haben schon jetzt viele Zugangshürden, beispielsweise weil einige Ärzt*innen gar keine medikamentösen Abbrüche anbieten oder es Regionen gibt, wo ungewollt Schwangere nicht die Wahl haben zwischen instrumentellem und medikamentösem Abbruch.

Wir bei profamilia möchten gerne, dass Frauen im Sinne der sexuellen, reproduktiven Gesundheit und Rechte einen freien Zugang haben zu der Methode, die sie bevorzugen. Und, dass sie gut informiert werden und natürlich auch qualitativ hochwertige und sichere Behandlungen bekommen. Es kann nicht sein, dass dann irgendwie mühsam versucht wird, andere Medikamente aus Auslandsapotheken zu besorgen, die teils viel teurer sind oder andere Tabletten mit höherer Dosierung geteilt werden müssen.

Und wir sprechen ja hier nicht von kleinen Fallzahlen, sondern von immerhin rund 30.000 medikamentösen Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland im Jahr. Außerdem kommen da noch Frauen hinzu, die Cytotec aus anderen Gründen benötigen. Es gibt viele Einsatzfelder und wenn das alles wegfällt, dann werden plötzlich etliche Frauen in unterschiedlichen Kontexten merken, dass sie mehr Beschwerden bei einem Eingriff haben oder auf weniger gute und sichere Alternativen zurückgreifen müssen.

Wieso wird das Medikament nicht für die Geburtshilfe verboten, aber für Schwangerschaftsabbrüche einfach weiter verschrieben?

Dieses Medikament ist sozusagen in Off-Label Nutzung. Der Einsatz innerhalb eines Schwangerschaftsabbruchs war nie offiziell von dem Hersteller so zugelassen, sondern nur für die Behandlung von Magengeschwüren. Seit 2006 wurde es vom Markt genommen und war nur noch über Import erhältlich. Medikamente werden immer für eine bestimmte Indikationen zugelassen, das ist aufwendig, kostet viel Geld und Zeit.

Und wieso kann man das Cytotec nicht einfach umlabeln?

Das müsste der Hersteller tun. Er müsste für eine bestimmte Indikation – hier also der Schwangerschaftsabbruch – eine Zulassung beantragen und das war bisher nicht der Fall. Da hat niemand Interesse dran gehabt. Und das, obwohl Cytotec, beziehungsweise der Wirkstoff Misoprostol, schon seit über zehn Jahren bei der Weltgesundheitsorganisation auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel steht. Diese Liste beinhaltet die effektivsten und sichersten Medikamente, um die wichtigsten Bedürfnisse für ein gut funktionierendes Gesundheitssystem zu bedienen. Hier steht unmittelbar eine deutliche Versorgungsverschlechterung für Frauen im Kontext von Schwangerschaftsabbrüchen bevor, das kann nicht gewollt sein. Es kann nicht sein, dass wir jetzt den Zugang zu einem wichtigen Medikament nicht mehr gewährleisten.

Zeichnen sich jetzt schon Folgen für ungewollt Schwangere ab?

Schwangere haben uns noch nicht kontaktiert. Ich denke, dass die Ärzt*innen noch einige Vorräte haben. Aber ich habe mindestens von zwei Ärzt*innen aus Bayern und Hessen einen Anruf bekommen, die mich ganz aufgeregt fragten, wo sie denn jetzt das Medikament bestellen sollen. Eine Ärztin hatte über ihre Praxis schon wirklich viele regionale Apotheken angesprochen. Dann gab es auch schon Überlegungen, das Medikament in Auslandsapotheken zu bestellen.

Und wie wirkt sich das finanziell aus?

Cytotec ist nicht besonders teuer, das kostet ja nur ein paar Euro. Das erste Medikament bei einem Abbruch, Mifegyne, das ist teuer. Wir müssen abwarten, was andere Tabletten mit dem Wirkstoff Misoprostol per Einzelimport aus dem Ausland dann kosten werden. Das einzig zugelassene Alternative bei uns im Moment ist das Medikament Misoone mit doppelter Wirkstoffdosierung als in Cytotec, was in der Tat mehr kostet und für manche Anwendungen zu hoch dosiert ist.

Würden Engpässe im schlimmsten Fall bedeuten, dass operative Eingriffe zunehmen?

Das wird davon abhängen, wie spitzfindig die Ärzt*innen sind und wo sie noch Quellen haben. Und auch, ob der Gesetzgeber hier nochmal nachjustiert. Aber im schlimmsten Fall könnte das bedeuten, dass die Wahlfreiheit nicht mehr da ist. Der medikamentöse Abbruch ist eine weltweit sehr erprobte Vorgehensweise, es gibt unheimlich viel Evidenz und eine gute Studienlage. Das wäre nicht gut, davon wegzugehen und weniger sichere Medikamente als Alternativen zu verabreichen. Es wäre möglich, dass Ärzt*innen keine medikamentösen Abbrüche mehr anbieten, wenn die Beschaffung sehr schwierig wird. Ich bin gespannt, wie sich die Ärzt*innen, die die Angebote machen, selbst positionieren.

Darmstadt beispielsweise ist eine große Stadt mit über 160.000 Einwohner*innen und es gibt hier nur eine einzige Ärztin, die einen medikamentösen Eingriff anbietet - und nur wenige pro Woche. Wenn sie nun keinen Zugang mehr zu Cytotec hätte und das Angebot einstellen würde, dann hätten wir hier ein Problem. Und dann müssten die Frauen auch weiter fahren. Oder halt eine OP machen. Der instrumentelle Eingriff ist jetzt auch nicht per se für jede Frau gefährlicher, aber es gibt doch viele Aspekte, die bei der Wahl der Abbruch-Methode für die Frauen eine Rolle spielen.

Medienberichten zufolge hat sich Jens Spahn sogar persönlich eingeschaltet, um die Importzulassung zu widerrufen. Wie würden Sie das politisch einordnen?

Ich weiß natürlich nicht, wie er sich im Vorfeld informiert hat und aus welchen Gründen er das tut. Aber man kann vermuten, dass da ein umfängliches Wissen über die Einsatzmöglichkeiten und die Einsatzgebiete des Medikaments fehlt. Sonst hätte er das vielleicht auch nicht so getan. Politiker wollen natürlich auch nicht in Verruf stehen, dass sie für Frauen gefährliche Medikamente im Umlauf lassen. Es gab ja auch einen großen Aufschrei von Frauen, die einen ganz schweren Geburtsverlauf wegen Cytotec hatten. Das fällt aber meiner Meinung nach eher unter die Kategorie Behandlungsfehler oder Behandlungsschwierigkeiten – das Medikament selbst ist nicht die Gefahr.

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