Knappes Holz

Die Preise explodieren. Waldeigentümer fordern dennoch weitere Staatshilfen

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.
Ein Harvester erntet Bäume im Brandenburger Revier Rauen.
Ein Harvester erntet Bäume im Brandenburger Revier Rauen.

Neulich in einem Hamburger Baumarkt: »Spanplatten? Haben wir nicht«, grummelt der Verkäufer. Die nächste Lieferung dieses in normalen Zeiten Allerweltsprodukts erwarte man erst in einigen Wochen. Wenn überhaupt. Nicht allein Heimwerker stehen nun oft vor leeren Regalen. Auch der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) in Berlin beklagt eine »angespannte Marktsituation«. Nach einer Erhebung des ZDB gehen aktuell 84 Prozent der Baufirmen nicht mehr von einer problemlosen Verfügbarkeit von Holz aus. Die Knappheit hat fatale Folgen, die weit über die Holzbranche hinausreichen. Solche Lieferengpässe verzögern Projekte in Industrie und Handwerk um Monate, und die rasant steigenden Preise belasten Häuslebauer und Verbraucher finanziell.

Die Lieferzeiten für Bauholz haben sich seit Jahresanfang auf bis zu 30 Wochen verlängert, berichtet ein Zimmermann aus der Pfalz der örtlichen Zeitung. Und das Lärchenholz für den Dachstuhl eines Einfamilienhauses habe sich innerhalb weniger Monate um mehrere Tausend Euro verteuert. Bei größeren Objekten geht es schnell um Mehrkosten im fünfstelligen Bereich. »Eine solche Situation haben wir seit 15 Jahren nicht gehabt«, berichtet der Bauindustrieverband Hamburg - Schleswig-Holstein. Unternehmen in Ostdeutschland melden, dass die Preise für bestimmte Holzarten innerhalb eines Jahres um bis zu 200 Prozent explodiert seien.

Diese ungewöhnliche Preisentwicklung hat verschiedene, teils ebenfalls ungewöhnliche Gründe. Das Angebot ist an sich riesig. Eine Folge des Borkenkäfers: So erlebt Sachsen die schlimmsten Schäden seit Beginn der Waldbewirtschaftung. Und der Borkenkäfer verbreitet sich überall in den Mittelgebirgen und hinterlässt »Käferholz«, das massenhaft gefällt wird. In der Folge wurden die 1500 Sägewerke in Deutschland zum Nadelöhr. Sie profitieren nun ihrerseits doppelt - von dem preiswerten Überangebot und weil gleichzeitig der Markt für Schnittholz boomt.

Die außerordentlich guten Umsätze der Baumärkte zeigen, dass in der Pandemie sehr viel zu Hause gearbeitet und renoviert wird. Auch der Umsatz mit Holzkohle und Pellets als Brennstoff steigt. Holz wird zudem als gewerblicher Werkstoff immer beliebter. In Hamburg entsteht beispielsweise gerade ein Holzhochhaus, und in wohl allen größeren Städten werden Mustersiedlungen in Holzbauweise geplant oder gebaut.

Einen zusätzlichen Push für den Holzbau könnte die EU-Klima-Initiative »Ein neues Europäisches Bauhaus« bringen, die im Januar gestartet wurde. »Die Diskussion um Klima-, Umwelt- und Gesundheitsauswirkungen von Gebäuden und deren Bau sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen«, heißt es dazu beim Umweltbundesamt. Holz biete hierfür interessante Perspektiven.

Für die deutsche Holzwirtschaft mit ihren insgesamt rund 650 000 Beschäftigten - vom Waldarbeiter bis zum Möbeltischler - und 120 Milliarden Euro Umsatz ist auch der Im- und Export wichtig. Selbst der Markt für Schnittholz ist heute international. Ein Drittel des in Deutschland geschlagenen Nadelholzes und zwei Drittel des Laubholzes werden in lukrativere Märkte ausgeführt. Denn die Vereinigten Staaten und China zahlen heute Mondpreise. Die USA kaufen auf dem Weltmarkt alles Holz auf, weil ihre Baukonjunktur heiß läuft und gleichzeitig in den nahen kanadischen Wäldern der Bergkiefernkäfer die Bäume zerstört. Außerdem verteuern die von US-Präsident Donald Trump verhängten Handelshemmnisse kanadisches Holz.

Auch Chinas Bauwirtschaft boomt. Die Firmen kaufen daher Millionen Kubikmeter Käferholz in Deutschland. Dies kann zu Bauholz verarbeitet werden, ist nur hierzulande unbeliebt. Das Schadholz wird nun in geschlossenen Containern nach Asien verfrachtet, deren Inhalt zuvor begast wurde, um eine Ausbreitung des Borkenkäfers zu verhindern.

Doch während Sägewerke, Holzhändler und Zimmerleute in Deutschland fast täglich ihre Kalkulationen »nach oben anpassen«, klagen die Waldeigentümer über fallende Preise. Heiße Sommer, Stürme und Käfer haben dem Wald 2018 bis 2020 zugesetzt. »13 Milliarden Euro Schaden treffen die Forstbetriebe in ihrer Substanz«, klagte der Deutsche Forstwirtschaftsrat am Montag. Knapp die Hälfte des Waldes gehört Privaten. Sie fordern weitere Staatshilfen. Die Hilfsprogramme von Bund und Ländern mit bis zu 1,5 Milliarden Euro deckten nur einen Bruchteil der Kosten ab, die für die Behebung der Klimaschäden, die Wiederbewaldung und Anpassung der Wälder in den nächsten Jahrzenten erforderlich werden.

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Bislang sieht sich die deutsche Forstwirtschaft als Vorreiterin des Nachhaltigkeitsprinzips. Seit der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz mit dem Werk »Sylvicultura oeconomica« 1713 eine »continuirliche und nachhaltende Nutzung« des Waldes etablierte, wird grundsätzlich für jeden gefällten Baum ein neuer gepflanzt. Nimmt die Nachfrage weiter rasant zu, dürften die Importe etwa von Spanplatten aus aller Welt auch rasant steigen. Nachhaltig zwar, aber ohne Rücksicht auf Carlowitz’ Prinzip.

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