»Was gut war, kommt wieder«

Hermann Kant und Irmtraud Gutschke bei ND im Club: »Die Sache und die Sachen«

  • Von Christina Matte
  • Lesedauer: ca. 3.5 Min.
Mittwochabend. Der große Saal im Haus am Franz-Mehring-Platz 1 war lange vor Beginn der Buchpräsentation gefüllt. Als Hermann Kant nach vorn zum Podium ging, begleitete ihn Beifall. Da war klar, es würde für ihn ein Heimspiel. Eigentlich schade. Für alle, die Kant, einen der wichtigsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart, noch nicht für sich entdeckt haben - er glänzte und hätte sie neugierig gemacht. Vorab stellten ND-Geschäftsführer Olaf Koppe und der Chef des Verlages »Das Neue Berlin«, Matthias Oehme, noch einmal die Idee der Reihe vor, die sie gemeinsam herausgeben und in der nach »Markus Wolf: Letzte Gespräche« von Hans-Dieter Schütt nun als zweiter Band »Hermann Kant: Die Sache und die Sachen« von ND-Literaturredakteurin Irmtraud Gutschke erschien: Eine kleine Erinnerungsbibliothek soll entstehen, mit »bedeutenden Kulturschaffenden, deren Werke wir mit kritischer Aufmerksamkeit und Respekt verfolgt haben und die Auskunft darüber geben, wie sie ihre eigene Rolle und die DDR-Vergangenheit bewerten« (Oehme). Insgesamt fünfzig Stunden hat Irmtraud Gutschke Hermann Kant für dieses Interviewbuch befragt. Beide hatten sich im Vorfeld der Premiere darauf geeinigt, nicht daraus vorzulesen, sondern ihr Gespräch sozusagen »weiterzuspinnen«. So bezog sich die Interviewerin zunächst auf »einige freundliche Kritiken von Kollegen und die heftige Kritik eines Lesers«, welche geäußert wurden, nachdem ein Auszug aus dem Buch im ND vorab veröffentlicht worden war (12. August 2007). Sie monierten, dass Irmtraud Gutschke Kant duzte: Dies sei nicht seriös. Wie er das sähe, wollte sie wissen. Dazu Hermann Kant: Er sei in einer Umgebung aufgewachsen, wo erwachsene Leute, wenn sie halbwegs miteinander auskamen, Du zueinander sagten. Später sei er in eine Partei eingetreten, in der man sich duzte. »Du, Wilhelm«, habe er einmal zu Wilhelm Pieck gesagt. Zwischenruf aus dem Publikum: »Hast du auch gesagt, du, Erich?« Kant: »Aber selbstverständlich!« Und weiter: »Irmtraud und ich, wir haben uns seit Jahren am Telefon geduzt. Hätten wir uns jetzt siezen sollen, so tun, als ob? Wenn Sie damit anfangen, wird das auch inhaltlich nicht korrekt.« Im Gespräch gab Kant Antwort auf Fragen wie etwa die, ob ihm alle seine Bücher gleich lieb seien, warum er »Der Aufenthalt«, in dem er ja jene schlimme Zeit, die ihn als politischen Menschen prägte - seine Gefangenschaft als 18-jähriger Wehrmachtssoldat in Polen - thematisiert, erst so spät schrieb, ob er etwas von dem, was er getan hat, aus heutiger Sicht anders machen würde. »Sicher«, sagte er, »Menschen, die in sich den Drang verspüren, sich in Dinge einzumischen, machen auch Fehler.« Damit war er auch bei seiner Rolle als Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes, der er seit 1978 bis zum Ende der DDR war. Ihm werde heute u.a. gelegentlich vorgeworfen, er habe auf Wolf Biermann und Reiner Kunze eingeprügelt, als sie am Boden lagen. Er sagte dazu: »Zu Kunze habe ich mich erst geäußert, als er sich auf dem Boden der Bundesrepublik befand und den Büchner-Preis bekommen hatte. Und Biermann, dessen Aussperrung ohne mein Wissen und entgegen meiner Billigung stattfand (nachzulesen im ND), wäre wohl ob der Vermutung, er habe jemals am Boden gelegen, sehr beleidigt.« So bekannte er sich auch bei dieser Gelegenheit dazu, ein politischer Mensch zu sein, der zwar kritisierte, wenn andere schwiegen, aber »das Ganze«, wie man ihm jetzt vorhalte, nicht in Frage stellte. Denn: »Ich wollte doch das Ganze!« Er habe oft seinen Mund aufgemacht, sich für Autoren und ihre Bücher verwendet, weil diese selbst sich das nicht trauten. Dass sie es sich nicht trauten, dafür habe er kein Verständnis gehabt: »Wenn du Literatur machst, darfst du nicht schwach sein. Wer etwas will, muss es sagen.« Fragen wurden ihm auch aus dem Publikum gestellt. So, ob er nicht die Namen jener zwanzig Autoren nennen könne, von denen er behauptet hatte, aus ihren Büchern könne man etwas über die DDR erfahren, über deren »rüde Augenblicke und Glücksmomente« - eine Bitte, der er sich verständlicherweise entzog. Ob die Bücher dieser Autoren heute überhaupt noch jemanden interessieren? Kant: »Ich bin überzeugt, was gut ist, kommt wieder.« Zum Schluss signierten Hermann Kant und Irmtraud Gutschke. Jemand sagte, er wünsche sich, dass Hermann...

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