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Scout einer Stadt

Roberto Alajmo im Herzen von Palermo

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Der Palermo-Reisende braucht einen Scout. Das hat sich jedenfalls der seinem Geburtsort mit Liebe und Bestürzung verbundene Schriftsteller Roberto Alajmo gedacht und sich selbst als kundiger Führer zur Verfügung gestellt. Im Band »Palermo sehen und sterben« empfängt er den Ankömmling bereits beim Landeanflug auf den zwischen Meer und Felsen gequetschten Airport Falcone-Borsellino. Alajmo versenkt sich kurz in das großartige Panorama, widmet sich dann aber seinem eigentlichen Thema, den Gefahren: Ein Flugzeug zerschellte landeinwärts an einem Felsen, ein weiteres begann das Landemanöver zu früh und setzte in den Fluten auf. Palermo ist, so belegt das Entree, eine Schönheit, die nicht leicht zu bekommen ist. Sie bestraft Zauderer wie Übermütige mit dem Leben. Das Spiel mit der unmittelbaren Nähe von Schönheit und Tod durchzieht als roter Faden alle zehn Episoden.

Alajmo zaubert vor das innere Auge die vermeintlichen Bruchbuden, die auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt das Ufer säumen. Es handelt sich um Feriendomizile, in denen die Bourgeoisie den Sommer verbringt. Innen sind die Häuser wie geleckt, eine gepflegte Privatangelegenheit. Bereits an der Haustür beginnt jedoch das Außen, der Staat, die kommunale Verantwortlichkeit. Hier wird der Müll abgestellt, hier ragen Armierungseisen in den azurblauen Himmel. Die Leute hegen eine heilige Scheu vor der Vollkommenheit, meint Alajmo: »Es hat geradezu den Anschein, als ahnten die Einwohner, dass der letzten Vollendung ein latentes Unglücklichsein innewohnt.« Und so arrangiert man sich mit dem ewig währenden Stau, den majestätischen Palmen, die sich indigniert über den Müll zu ihren Füßen erheben.

Manchmal indes beschreibt Alajmo den Zauber der Stadt ohne Einschränkung: die Blüte des Barock oder die arabophilen Bauten der normannischen Könige etwa. Er streift auch die letzte prächtige Epoche: Vor einem guten Jahrhundert ankerten die Yachten von Kaiser und Zar in der Bucht von Palermo. Die hiesigen Salons standen denen in Paris kaum nach. Über die Zeiten hinweg hat sich selbst beim gewöhnlichsten Bewohner ein sperriger Stolz entwickelt, ein Gefühl, wenn schon nicht selbst ein Gott, so doch den Göttern nahe zu sein. »Als ihr noch in Höhlen gehaust habt, waren wir schon schwul«, lautet daher die Standardfloskel, mit der laut Alajmo ein Taxifahrer auf das Gemäkle des Mannes aus dem Norden über die alltäglichen Unzulänglichkeiten der Stadt reagiert.

Der große Todbringer Cosa Nostra kommt in diesem Buch über die Ästhetik des Mortalen und die Vergänglichkeit aller Schönheit eher unterschwellig vor. Alajmo nimmt den Besucher mit auf eine Promenade des Todes, hin zu den Orten der Attentate. Er skizziert, wie die Bevölkerung den Kampf gegen die Mafia durch Spezialisten ausfechten ließ. Erst delegierte sie die Aufgabe an Staatsanwälte und Polizisten. Dann, nach einer kurzen Phase der Scham über die eigene Untätigkeit, an den Bürgermeister Leoluca Orlando. Und nach dessen Abtreten wieder an die Justiz. – Die zentralen Frage aller Sizilianer: Bleiben oder Emigrieren? Am Morgen den Ricotta genießen und am Tag das Meer oder ohne Ricotta und ohne Meer sich an einer Arbeit erfreuen, die die Familie ernährt und bei der das eigene Können, nicht aber Protektion ausschlaggebend ist?

Roberto Alajmo hat einen Reiseführer geschrieben, der den Weg ins pochende Herz seiner Stadt aufzeigt. Man spürt dabei sein eigenes schlagen. »Palermo sehen und sterben« ist ein persönliches Buch, eines, das Liebe erweckt und Schmerz zugleich.

Roberto Alajmo: Palermo sehen und sterben. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. C. Hanser. 192 S., geb., 16,90 EUR.

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