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Faule Kredite unter Freunden

Arabische Autohändler in Berlin stehen unter ökonomischem Druck

Knapp zwei Wochen ist es her, dass sich auf dem größten deutschen Gerbauchtwagenplatz arabische Autohändler eine Schlägerei lieferten. Die Männer haben sich wieder vertragen – und erklären, worum es eigentlich ging: Im Gebrauchtwagenexport gibt es eine massive Kreditklemme.

Berlin, November 2007. Es riecht nicht nach Öl oder Gummi am Tempelhofer Weg, sondern nach Keksen und Schokolade. Eine Backfabrik legt ihre Gerüche über den größten Gebrauchtwagen-Umschlagplatz Deutschlands. Hier stehen auf 32 000 Quadratmetern bis zu 5000 Kfz. 60 Händler teilen sich das Areal. Sie scheinen heute wenig zu tun zu haben. In kleinen Gruppen stehen sie zusammen; es wird viel geredet und gelacht. Nur die Stammkunden aus Polen nehmen in gewohnter Eile ihre Geschäfte wahr. Sie scheinen nichts gehört zu haben von der »Massenschlägerei« auf dem Autoplatz einige Tage zuvor und verstehen nicht, weshalb heute so wenig verkauft wird. Ungeduldig warten einige Lkw-Fahrer auf ihre Geschäftspartner, die sich in einer großen Gruppe lachend nähern, unter ihnen einige der Kontrahenten. »Wir haben uns geeinigt und den Streit begraben. Wir sind sehr zufrieden«, sagt Abid Matar und nimmt einen Mann mit Kopfverletzungen in den Arm.

Ein im Eingang parkendes Auto hatte einen Streit unter den arabischen Händlern ausgelöst, der sich nicht beruhigen ließ. Partner stellte sich hinter Partner – über die Heftigkeit der Auseinandersetzung scheinen die Männer heute selbst erstaunt. Mit Stöcken, Messern und Steinen ging es am 1. und 2. November zur Sache; es prügelten sich Männer, die seit Jahren miteinander arbeiten: Tränengas, Staub und Steine, fünf Leicht- und ein Schwerverletzter binnen weniger Minuten. Als die Polizei eintraf, war alles vorbei. Sie riegelte das Grundstück ab, begann mit Verhaftungen und erkennungsdienstlchen Behandlungen.

Noch am Tag der Schlägerei begannen Friedensgespräche. Die jordanische Botschaft mischte sich ein, auch die polnische. Am 3. November wurde unter Polizeibewachung in einer nahen Moschee weiterdebattiert. Die Lage hat sich schnell beruhigt. Doch der Schaden ist größer als zerbeulte Autos. »Anwohner« und Politiker reden jetzt von einer islamischen Gewaltkultur, der es entgegenzutreten gelte. Von »Clans« ist die Rede, auf die man Druck machen müsste, von der Angst der Nachbarn.

Dabei gibt es bis auf eine Kleingartenanlage und zwei Hochhäuser gar kein »Wohnumfeld«, das ein CDU-Politiker von »drastischem Niedergang« bedroht sieht. Niemand wird, wie eine Zeitung einen Anwohner zitiert, in die Kleingärten urinieren, wenn nebenan die Toilette der Tankstelle 24 Stunden zur Verfügung steht.

»Ohne Kapital läuft eben nichts«
Dass hier konkurrierende Großfamilien gestritten hätten, dass Nationalitäten, gar eine Feindschaft zwischen Sunniten und Schiiten eine Rolle gespielt hätten, schieben die Männer heute beiseite: »Das sind Märchen. Sie werden erzählt, um unsere Probleme zu erklären. Wem nützen solche Märchen?«, fragt Dahoud J., dessen Autos zerstört sind.

Wer wissen will, was sich hier tatsächlich entlud, muss sich mehr Zeit nehmen. Man muss sich verabreden, vorstellen, Respekt zeigen. Genau erklären, wer man ist und was man will. Dann sprechen die Männer offen. Dr. Ibrahim R., ein Arzt aus Jemen, der seinen Beruf nicht ausüben kann und deshalb mit Autos handelt, erklärt die Lage so: Parallel zum »Boom« geht es auf dem Auto-Export-Markt bergab. Es begann mit dem 11. September 2001. Als die Polizei tagelang Plätze schloss, stockte der Verkauf. Und der Einkauf stagnierte, als Deutsche zu zögern begannen, dunkelhaarigen Männern ihren Wagen zu verkaufen.

Die Auswirkungen der Anschläge seien dann verpufft, mischt sich Mohammad A. ein, einer der größeren Händler und heimliche Preisbildungsinstanz am Tempelhofer Weg. Dennoch sei gerade in den letzten zwei, drei Jahren das fragile Geschäftssystem kollabiert. Viele, sagt Mohammad A., hätten ihre Nebenjobs verloren, die Einführung von Hartz IV ließ sie in die volle Selbstständigkeit fliehen – zumal Einwanderer selbst um bewilligte Zahlungen kämpfen müssen. »Zu viele Händler, zu viele Autos...«, resümiert Mohammad A. Da fast nur in Nicht-Euro-Staaten exportiert wird, hätten zudem alle unter dessen Aufwertung dem Dollar gegenüber gelitten. Das Hauptabsatzland Polen verschärfte mehrfach die Einfuhrbestimmungen für gebrauchte Pkw. Als dann die deutschen Banken mit ihren Krediten restriktiver wurden, erinnert sich Mohammad A., wurde die Stimmung schnell gereizt.

Denn Kredite sind das A und O, und jetzt wurde mehr und mehr Geld untereinander verliehen – oft zehntausende Euro nur auf ein Wort hin. »Ohne Kapital läuft eben nichts«, weiß nicht nur Mohammad A. Um einen Wagen aufzukaufen, lieh sich ein Unterhändler den Kaufpreis zinsfrei, aber gegen Gewinnbeteiligung von einem Kollegen. Nach dem Verkauf gab er das Geld zurück und jeder konnte weiter wirtschaften. Doch zuletzt geriet auch diese Praxis ins Stocken. Häufig hätten die größeren Händler Kredite abschreiben müssen. Die Handschlagkultur, die auf persönliches Vertrauen baut, geriet ins Wanken. Immer wieder mussten in den letzten Monaten Streitigkeiten geschlichtet werden. Ein Funken reichte zur Explosion: Libanesen gegen Jordanier oder Palästinenser – im Streit sind Feindbilder schnell gefunden.

Den direkten Schaden werden nur die Händler haben, die Geschäfte mit Einzelkunden machen. Die meisten am Tempelhofer Weg übernehmen Gebrauchte, die Autohäuser in Zahlung nehmen, und vertreiben sie nach Osteuropa. Die Papiere sind deshalb immer vollständig, wie es die Polen seit Jahren wünschen. Das spart viel Aufwand, und das Geschäft in diesem größeren Stil ist viel lukrativer als das Klein-Klein mit am Straßenrand geparkten Wagen und womöglich zweifelhaften Papieren. Krumme Dinge können auf dem erst drei Jahre bestehenden Gelände kaum gedeihen. Dass jedes Gewerbe und jeder Beschäftigte angemeldet ist, dass die Verkäufe versteuert und korrekt abgewickelt werden, stellt das Ordnungsamt durch regelmäßige Kontrollen sicher. Unter den Händlern, oft biedere Familienväter, sind viele deutsche Staatsbürger. Von größeren »Funden« nach Razzien hat man nie gehört.

»Unsere Autos sind legal!«
Dennoch scheint der Fall schon wieder klar, zumindest für die Mehrheitsgesellschaft. Was auch geschehen ist, es wird ein diffuses Gefühl bleiben von Bedrohung, undurchsichtigen »Clans« und der Ruch des Kriminellen. Des kriminellen Ausländers. Statt sich für die Konflikte wirklich zu interessieren, ruft die Presse nach Kontrollen. Die Journalisten pflegen ihre Klischees, die Händler machen ihre Geschäfte, eine sinnvolle Diskussion findet nicht statt. Etwa darüber, ob hier nicht sogar landeseigene Wirtschaftsförderinstitute stützend eingreifen könnten. Stattdessen die übliche Leier. Manche Journalisten ferndiagnostizierten sogar, die am Tempelhofer Weg gehandelten Gebrauchtwagen seien »oft geklaut, kaputt«. Die Händler ärgern sich über solche Schlagzeilen. »Wer das behauptet, soll mir einen geklauten Wagen zeigen, damit ich auch Bescheid weiß«, ruft einer, verspricht wegen übler Nachrede zu klagen. »Alle Autos hier sind legal!«

Sie werden weiterarbeiten wie bisher. Sie werden ihren Krediten nachjagen, sie werden dafür sorgen, dass das Wort des anderen wieder vertrauenswürdig ist, gerade wenn es um Geld geht. Dass nicht mit ihnen, sondern über sie geredet wird, haben sie längst hingenommen. Vielleicht werden sie jetzt immerhin bessere Schlichtungsmechanismen entwickeln.

Auf dem Autoplatz von Mohammad A. wurde ein paar Tage nach der Schlägerei eingebrochen, man hatte es auf Navigationsgeräte abgesehen. Die Polizei stellte den Täter. Es war ein 17-jähriger Deutscher.

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