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Die Prätention des Textes

Noch einmal Heiner Müller: »Anatomie Titus Fall of Rome« im Deutschen Theater Berlin

  • Von Ekkehart Krippendorff
  • Lesedauer: 4 Min.

War ich, bin ich als Theaterpublikum von Heiner Müllers »Shakespeare-Kommentar« zu Titus Andronicus »das neue Tier, das den Zuschauerraum bevölkert, auf dem Sprung, den Menschen abzulösen«? So jedenfalls redet er uns in seinem Nachwort an, und das Programmheft hält uns das vor. Bin ich, sind wir diese Menschen von übermorgen? Weil oder sofern wir das aber nicht sind, ist mit diesem Text als »das Messer, das den Toten die Zunge löst auf dem Prüfstand der Anatomie; das Theater schreibt Wegmarken in den Blutsumpf der Ideen« die Unverständlichkeit vorprogrammiert und beabsichtigt: Nicht wir lebenden Menschen hier und heute sind der Adressat zumindest dieses Stückes, das liefert vielmehr »Information für die Besucher aus dem Weltraum, Flaschenpost für glücklichere Galaxien, Theater als Geburtshelfer von Archäologie: die Aktualität der Kunst von morgen.«

Nicht, dass er sprachlich unverständlich wäre – im Gegenteil: Die chorischen sind ebenso eindrucksvoll wie die individuellen Sprechleistungen. Aber wenn es so etwas wie »Überwältigungsmusik« gibt (bei Wagner vor allem), dann gibt es auch so etwas wie »Überwältigungstexte« – und dafür stehen hier die Heiner Müllers.

Shakespeares blutiges Stück ist schon sprachbrutal und betäubend genug, aber seine gewalttätige Rede transportiert doch zugleich eine Erzählung, eine Geschichte, und wird dadurch erträglich und eben verständlich. Müllers Übersetzung lässt Teile davon als Handlungserzählung intakt – die Geschichte vom Sieg des römischen Generals Titus Andronicus über die Goten, deren barbarische Rache an den Siegern und den schließlichen Absturz beider in Abgründe des blutigsten Verderbens abgeschlagener Köpfe, Hände und ausgerissener Zungen – unterwirft sie aber seinem überwältigenden Kommentar bildstark-rätselhafter Sprache, die alles unter sich erstickt wie ein blutige Droge, ohne, im Unterschied zu Shakespeare, dramaturgisch irgendeine Handlung zu befördern oder zu motivieren. Wie auch, wo Hoffnungs- und Sinnlosigkeit der Grundton, der Basso Continuo von Müllers Shakespeare-Lesart und Welt-Anschauung sind: »DER KAMPF WIRD IN DEN WOLKEN AUSGETRAGEN UND MIT DEM ARSENAL DER BIBLIOTHEKEN WER KEINE HÄNDE HAT LIEST MIT DEN ZÄHNEN KEIN WORT DAS NICHT DER ABEND BLUTIG FÄRBT DER FELDHERR ROMS ÜBT SICH IM FLIEGENSCHLACHTEN DER WAHNSINN ESKALIERT ZUM KRIEG DER STERNE.« Das könnte so weitergehen – und geht auch so weiter, so wie es angefangen hatte.

Ästhetisch ist diese Inszenierung ein geniales Lehrstück der Einfachheit: Eine völlig schwarze Bühne, eine Tür, ein riesiges goldgelbes Tuch, das mal als Himmel schwebt, mal zum Vorhang wird, mal einen blutigen Mund stopft, mal zur beweglichen Skulptur wird, und starke Scheinwerfer, die die sprechenden Menschen als Schattenrisse verdoppeln – das ist alles, und mehr braucht es auch nicht, außer großartigen Schauspielern, die mit bloßen Gesten abgeschlagene Hände und Köpfe oder auch plötzliche Rollenwechsel glaubhaft vorzuführen in der Lage sind; eindrucksvolles Sprech- und Gestik-Theater, wie man es wohl auf keiner deutschen Bühne so erleben kann.

Nicht wenige Plätze blieben nach der Pause leer. Das Sprechen im Chor führt zu Ermüdungserscheinungen. Die zu Metaphern zusammengepressten Bilder – der Fliegen schlachtende Titus, die abgeschlagenen Köpfe, die Orgien sprachlicher Gewalt – führen zu keiner Erschütterung, sondern schrammen oft hart am Peinlichen entlang; Kichern macht sich im Publikum über die abgeschlagenen Hände und die ausgerissene Zunge Lavinias bemerkbar – oder ist das die beabsichtigte Denunziation von uns, dem Publikum als »neues Tier« auf dem Sprung zur Ablösung des Menschen?

Das Grauen wird geschwätzig und fast zur Lachnummer, der sich in tänzerischen Irrsinn verwandelnde Titus (brillant Wolfram Koch) leitet ein sich mühsam dehnendes Finale ein, ein Endspiel ohne Worte, in dem das Theater selbst in Fragmente zerfällt und seine eigene Hilflosigkeit sinnfällig macht. Und dann kehrt es – choreographisch eindrucksvoll alle acht Schauspieler zum Chor des Anfangs wieder zusammenführend – noch einmal zur überwältigend-tiefschürfenden Droge der Müller-Sprache zurück, allerdings mit der nun platten Mitteilung, dass Rom einen weiteren Sieg errungen habe und in Trümmern liege. Aber war's das dann: »Der Menschheit die Adern aufgeschlagen wie ein Buch im Blutstrom blättern«?

Dass »die Zukunft der allgemeine Bürgerkrieg« sei, das haben auch andere, weniger profund auftretende Beobachter des Politischen bemerkt. Aber wenn es für Müller die »Funktion von Literatur und Kunst ist, herauszufinden, wo diese Krankheit angefangen hat«, dann bleibt der Erkenntnis-Ertrag von »Anatomie Titus Fall of Rome« recht mager, trotz – oder wegen? – seiner statisch-gewalttätigen Sprache. Shakespeares Diagnose ist vergleichsweise nachvollziehbar: Gewalt und Rache sind die Wurzeln des politischen Übels; Müller arbeitet explizit als Anatom, nicht als Arzt, und verfängt sich mit seiner kaum verhüllten Faszination von Blut und Grausamkeit in der Physiologie, wo er nur immer wieder Belege für die Auswegs- und Hoffnungslosigkeit des Schicksals des Menschen findet. Wenn Regisseur Dimiter Gottscheff diese geheime Lust am Untergang zeigen wollte, dann wäre nunmehr eine kritische Müller-Lektüre und -Regie an der Tagesordnung.

Nächste Aufführungen: 6., 8., 12., 19., 22. Dezember

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